Gewobag

Sanierung in Schöneberg lässt Mieter verzweifeln

Die Wohnungsbaugesellschaft hat 2,7 Millionen Euro in die Renovierung eines Hauses in Schöneberg investiert. Doch vieles läuft schief.

Foto: Glanze

Der Blick aus dem Apartment des gelben Hochhauses an der Meraner Straße 33 ist umwerfend. Rathaus Schöneberg, Gasometer, selbst der Potsdamer Platz ist in der Ferne erkennbar, viel Grün direkt vor der Haustür.

Im Innern etlicher Wohnungen sieht es allerdings trotz frischer Sanierung des Gebäudes unfertig aus: In der Küchenzeile fehlen Spüle und Wasseranschluss, Fenster und Balkontür sind bis aufs Holz heruntergeschliffen, aber nicht lackiert, und dort, wo sich einmal eine Scheuerleiste befand, ist jetzt ein unansehnlicher Plastik-Kabelschacht.

Die Leitung für den Telefonanschluss hängt aus der Wand, die Löcher für die neuen Elektroschalter wurden nicht verspachtelt, sondern einfach mit Raufaser übertapeziert, die alte Klingelanlage haben die Handwerker entfernt, von der neuen hängen bislang nur die Leitungen aus der Wand, Hörer und Türöffner fehlen.

Die Liste ließe sich fortsetzen. Mieter Jörg Pleiner (43), der seit zweieinhalb Jahren im siebten Stock des Schöneberger Hochhauses in einer 40 Quadratmeter großen Wohnung lebt und monatlich rund 380 Euro Miete zahlt, fühlt sich von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewobag im Stich gelassen. „Bei der Sanierung der Wohnungen ist fast alles schiefgelaufen, und bei den Nachbesserungen kam derselbe Pfusch wie vorher raus“, kritisiert der 43-jährige Bäcker, der gerade eine Umschulung zum Tischler absolviert hat.

2,7 Millionen Euro investiert die Gewobag nach eigener Auskunft in die Sanierung des 1961 erbauten Hauses, in dem sich 108 Einzimmer-Apartments befinden, attraktiv auch für die Studenten der nahen Fachhochschule für Wirtschaft und Recht. Die Bäder wurden umgebaut, Heizungen, Lüftungen und Elektroanlage erneuert, die veralteten Sanitärstränge ausgetauscht. „Die Instandsetzungsmaßnahme wirkt sich nicht auf die Miete aus“, betont Gewobag-Sprecher Volker Hartig. Das Haus habe dringend saniert werden müssen, da die Sanitäranlagen so veraltet waren, dass es zu Wassereinbrüchen gekommen war. Auch die Elektroanlage sei fällig gewesen. Für die Mieter habe es kostenlose Umzugshilfen gegeben, die Gewobag habe auch Gästewohnungen für die Zeit der Bauarbeiten zur Verfügung gestellt. Außerdem sei jedem Mieter eine Monatsmiete erlassen worden. Darüber hinaus sei für die Mieter extra ein Beratungsbüro in ihrem Wohnhaus eingerichtet worden.

Bauschaum über Möbel versprüht

Pleiner und etliche andere Mieter der etwa 40 Quadratmeter großen Apartments sind auf den Vermieter und die Baufirmen dennoch ausgesprochen schlecht zu sprechen. Die Arbeiten hätten viel länger als angekündigt gedauert. Der Rechtsanwalt, der Mieter betreut, kennt Fälle aus dem Haus, bei denen die Betroffenen mehr als 17 Wochen ihre Wohnung nicht benutzen konnten. Außerdem sei vieles schief gelaufen, so die Vorwürfe. Bei Horst Rottenau im elften Stock hat sich ein Gutachter den Schaden bereits angesehen: Handwerker haben Bauschaum übers Bett, über den Fernseher und die anderen Möbel versprüht.

Eigentlich sollte alles während der Sanierung hinter einer Staubwand geschützt werden. Rottenau sagt, er wohne bereits mehr als drei Monate nicht in seiner Wohnung, sondern bei einer Bekannten zur Untermiete. Als gelernter Elektriker wundert er sich, dass bei der Sanierung der Elektrik in seiner Wohnung sogar gebrauchte Steckdosen eingebaut wurden.

Der türkisfarbene Teppichboden ist hin. Er sei zwar am Anfang komplett abgedeckt gewesen, doch im Laufe der Bauzeit müsse die Abdeckung verrutscht sein, sagt Rottenau. Er lebt von Grundsicherung und weiß nicht, wovon er sich jetzt einen neuen Teppich anschaffen soll. „Ich werde von der Versicherung ja nur den Zeitwert erhalten, das ist ärgerlich. Deshalb muss ich vom Vermieter Schadenersatz verlangen“, sagt der Frührentner (60).

Handwerksfirmen ausgetauscht

Eine Verzögerung der Bauarbeiten um mehrere Monate, die Mitte April begonnen haben, bestätigt der Gewobag-Sprecher nicht: Die Arbeiten hätten anstelle der geplanten zwei bis drei vier bis sechs Wochen gedauert. Dafür verantwortlich seien Handwerksfirmen, die nicht so termingerecht gearbeitet hätten, wie geplant. Sie seien aber bereits ausgetauscht worden. Hartig gibt aber zu, dass es Mängel gibt: „Die Bauausführungen einiger Gewerbe genügten nicht unseren Qualitätsansprüchen, und wir achten streng darauf, dass diese Mängel beseitigt werden“, versichert er.

Diesen Eindruck hat Mieterin Monika Lübke-Honsel, die seit 2009 im zweiten Stock des Wohnhauses lebt, bislang nicht. Sie ist mit ihren Nerven am Ende. Wochenlang hatte sie noch nicht einmal Licht in ihrem kombinierten Wohn-Schlafzimmer. „Die Firma hat die Strippen verkehrt gepolt, der Elektriker der Gewobag sagte, dass das die Firma richten muss, die das verbockt hat“, berichtet die ehemalige Krankenschwester. Wochenlang musste sie sich mit Verlängerungskabeln aus dem Bad behelfen. Mit einer kleinen Neonlampe sitzt sie an einem Campingtisch und isst ihr Essen. Zwei Monate lang konnte sie kein Fernsehen schauen. Das Kabel hing lose aus der Wand.

Auch über Diebstähle während der Zeit, als sie nicht im Haus waren, klagen die Mieter. Der Vermieter hingegen weiß nur von „wenigen Diebstählen“. Auf der Baustelle sei ein Sicherheitsdienst im Einsatz gewesen, der die Wohnungen für die Arbeiten auf- und zugeschlossen habe, so der Gewobag-Sprecher. Aber auch er konstatiert einen „überdurchschnittlichen Vandalismus“. Ein Grund könnte sein: Mieter haben beobachtet, dass Fenster während der Bauzeit nicht verschlossen waren und die Wohnungen über ein Gerüst gut erreichbar gewesen sein sollen.

„Man fühlt sich im Stich gelassen, hilflos, und vom Bauleiter muss ich mir freche Sprüche anhören“, sagt Monika Lübke-Honsel. Wenn man als Hartz-IV-Empfängerin am Ende des Monats gerade noch zehn Euro in der Börse habe, dann treffe es einen doppelt hart, sagt sie. „Hole ich davon Waschpulver oder schließe ich mich der Sammelklage an und zahle davon den Anwalt“, fragt sie sich.

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