Grenzübergang

Am Checkpoint Charlie soll ein „Geschichtspfad” entstehen

Der ehemalige Grenzübergang und Touristenmagnet soll ein Museum werden. Die Direktorin des Alliiertenmuseums hält die Pläne für ungeeignet.

Foto: Amin Akhtar

Senat und verschiedene Institutionen genau hier, am Touristenmagneten Checkpoint Charlie, ein Museum des Kalten Krieges, also dem Ort der Konfrontation der demokratischen Supermacht USA und ihrer Verbündeten mit dem kommunistischen Block der Sowjetunion.

Morgenpost Online: Berlin war 44 Jahre lang Brennpunkt des Kalten Krieges. Jetzt wird über die Gründung eines Museums des Kalten Krieges am Checkpoint Charlie diskutiert. Eine rundum richtige Idee?

Gundula Bavendamm: Wie Berlin mit dem Erbe des Kalten Krieges umgehen soll, ist eine wichtige Frage, und sie ist auch richtig gestellt. Ich glaube aber, dass die gegenwärtigen Museumspläne keine geeignete Antwort sind.

Morgenpost Online: Warum nicht?

Gundula Bavendamm: Natürlich kommen Besucher in großer Zahl zum Checkpoint Charlie. Aber sie suchen dort nicht ein Museum des Kalten Krieges, sondern die Mauer. Die Mauer aber existiert dort nicht mehr.

Morgenpost Online: Kann man Mauer und Kalten Krieg wirklich trennen? Die Mauer ist das zentrale Symbol des Kalten Krieges, jedenfalls für Berlin und Deutschland.

Gundula Bavendamm: Das ist schon richtig. Der Checkpoint Charlie wird allerdings in seiner Bedeutung für den Kalten Krieg völlig überbewertet. Die berühmten Bilder von der Panzerkonfrontation im Oktober 1961 haben diesem Ort im Gedächtnis der Öffentlichkeit ein Gewicht gegeben, das mit den historischen Tatsachen nicht übereinstimmt. Denn weder Moskau noch Washington hatten die Absicht, die Situation dort eskalieren zu lassen.

Morgenpost Online: Was war der Checkpoint Charlie in Wirklichkeit?

Gundula Bavendamm: Ein Kontroll- und Registrierpunkt der westlichen Seite, dem auf östlicher Seite ein Grenzübergang gegenüberstand. Für die Supermächte herrschte hier nach 1961 der Alltag des Vier-Mächte-Status.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielten die Sowjets am Grenzübergang Ecke Friedrich- und Zimmerstraße?

Gundula Bavendamm: Sie hatten dort von Anfang bis zum Schluss das Sagen. Das sieht man gut an der Panzerkonfrontation: Es rollten eben sowjetische Panzer und nicht jene der NVA. Das war ein klares Signal der Sowjets an Washington: Wir sind diejenigen, die den Hut aufhaben.

Morgenpost Online: Aber gerade deshalb ist der ehemalige Grenzübergang Checkpoint Charlie doch ein perfektes Symbol für den Kalten Krieg, oder?

Gundula Bavendamm: Das sehe ich anders. Die These, dass der Checkpoint Charlie über 40 Jahre ein entscheidender Brennpunkt des Kalten Krieges war, führt in die Irre. Es handelt sich bei der Panzerkonfrontation um ein sekundär wichtiges Nachspiel der zweiten Berlin-Krise. Die Welt stand nicht am Abgrund wie später während der Kuba-Krise. Entscheidend war der Mauerbau. Am 13. August 1961 akzeptierten die USA die Teilung Berlins und damit Europas.

Morgenpost Online: Was möchten Museumsbesucher Ihrer Erfahrung nach zu einem Thema wie dem Kalten Krieg sehen?

Gundula Bavendamm: Artefakte, am liebsten Originale. Diese Faszination des Authentischen ist entscheidend. Wir kennen das Phänomen, dass die Erinnerung auch und gerade bei globalen Themen lokal funktioniert. Dafür hat sich der Begriff „Glokalisierung“ eingebürgert. Genau das sehen wir auch in Berlin.

Morgenpost Online: Heißt das: Eigentlich gibt es das Museum des Kalten Krieges bereits – nämlich das Alliiertenmuseum?

Gundula Bavendamm: Ein klares „Jein“. Das Alliiertenmuseum hat die Sammlung, die ein Museum des Kalten Krieges braucht. Es hat aber bisher eine andere Aufgabe. In Zukunft wird sich unser Haus weiterentwickeln. Die Geschichte des Kalten Krieges und seiner Überwindung wird den künftigen Rahmen bilden.

Morgenpost Online: Das wird aber ein ganz anderes Museum als das Haus, dem Sie seit zwei Jahren vorstehen.

Gundula Bavendamm: Das Alliiertenmuseum ist eine lebendige Organisation, die sich weiterentwickelt. Dazu gehört auch diese programmatische Erweiterung.

Morgenpost Online: Es gab Diskussionen darüber, ob man ein Museum über West-Berlin einrichten sollte. Auch das wäre eine künftige Aufgabe für das Alliiertenmuseum.

Gundula Bavendamm: Unser Haus wird immer auch die Aufgabe haben, das Binnenverhältnis zwischen West-Berlinern und den Schutzmächten darzustellen. Aber wir wollen wachsen und Themen aufgreifen, die außerhalb West-Berlins gelagert sind. Man muss den Menschen erklären, warum die Westmächte überhaupt fast 50 Jahre hier waren. Das ist auch eine Aufgabe für die künftige, überarbeitete Dauerausstellung.

Morgenpost Online: Ihr Vorgänger Helmut Trotnow hat einen Umzug des Alliiertenmuseums in die Hallen des Flughafens Tempelhof vorgeschlagen. Wie weit ist dieser Plan gediehen?

Gundula Bavendamm: Das neue Alliiertenmuseum soll in Tempelhof entstehen, da sind sich alle Beteiligten einig. Bund und Land führen derzeit Detailgespräche über die Umsetzung.

Morgenpost Online: Und was soll am Checkpoint Charlie geschehen?

Gundula Bavendamm: Ich würde mir wünschen, dass sich Berlins zeithistorische Museen zu einem „Geschichtspfad des Kalten Krieges“ verbinden und die Menschen sie auf diese Weise als Freilichtmuseum der Zeitgeschichte erleben können. So etwas macht man mit einer exzellenten Website, einem cleveren Audio-Guide und Apps für Smartphones. So eine Dienstleistung kann ich mir am Checkpoint Charlie gut vorstellen.