Forschung

Berliner Zoo hofft auf Impfstoff gegen Elefanten-Herpes

Ihre Geschwister starben bereits daran, auch Elefantenkind Anchali kann der Virus befallen. Nach einem Antikörper-Nachweis wird gesucht.

Foto: Getty

Neben dem Kind stehen, über dem Kind thronen, ums Kind herumlaufen – und wieder von vorne. Pang Pha lässt ihr Töchterchen Anchali nicht aus den Augen. Das Elefantenkind kam am 12. August als 160 Kilo-Bömbchen im Zoo zur Welt und reicht seiner Mutter – Jahrgang 1987 – nun bis zum Bauch. Ob Anchali im Elefantenhaus schläft oder im Freien herumtollt, jede Regung der Kleinen geschieht unter strenger Beobachtung: Auch die übrigen vier Asiatischen Elefanten-Tanten mischen sich ein. „Die Herde passt sehr gut auf ihren Nachwuchs auf“, sagt Zoo-Direktor Bernhard Blaszkiewitz.

Doch es gibt einen Feind, vor dem kann niemand Anchali schützen: Herpes. Genauer gesagt: EEHV – „Elephant endotheliotropic herpes virus“, wovon es verschiedene Typen gibt. Entdeckt wurde das Virus erstmals 1988 nach dem Tod der drei Jahre alten Lohimi aus dem Circus Knie. Der Züricher Zoo-Direktor Alex Rübel war damals als Tierarzt am Nachweis der tödlich verlaufenden Infektion beteiligt. „Aufgrund unserer Publikation wurden anschließend Fälle in den USA gefunden von Elefanten, die schon früher gestorben waren, deren Todesursache ,Herpes' man aber vorerst nicht erkannte“, sagt Rübel.

Drei Geschwister sind gestorben

Das Virus ist im lebenden Tier nicht zu sehen. „Es gibt keinen Test, der die Präsenz von Antikörpern im Blut nachweist“, sagt Willem Schaftenaar, Tierarzt im Zoo Rotterdam, der das Europäische Erhaltungszuchtprogramm für Asiatische Elefanten führt. Schaftenaar steht in engem Kontakt mit der virologischen Abteilung der Erasmus Universität in Rotterdam; dort arbeitet Professor Albert Osterhaus an der Entwicklung eines ebensolchen Antikörper-Nachweises. Erst wenn der Durchbruch gelungen ist, kann Zoo-Tierarzt Andreas Ochs prüfen, ob Anchali mit dem Virus infiziert ist. Die Gefahr besteht. Denn Anchalis drei Geschwister – Plai Kiri, Shaina Pali und Ko Raya – sind gestorben, nachdem bei ihnen ein Herpes-Virus ausgebrochen war.

Dann nämlich geht alles rasend schnell, wie Ochs sagt. Massive Virenkonzentration führt zu massivem Zellsterben. Körpereigene Immunzellen gehen beim Bekämpfungsversuch zugrunde. Es kommt zu Vergiftungen und letztlich zum Herz-Kreislauf-Versagen. „Sobald das Tier die typischen Symptome zeigt wie Lethargie oder Ödeme, also Schwellungen am Kopf oder Zunge, ist der Schaden an den lebenswichtigen Organen bereits eingetreten“, ergänzt Schaftenaar. Ihm sind nur weniger als zehn Fälle bekannt, in denen eine frühe Behandlung eines erkranken Elefantenkalbes erfolgreich verlaufen ist. Dabei kann es sogar sein, dass die Tiere auch ohne Behandlung genesen wären. So hält Schaftenaar es für wahrscheinlich, dass die meisten jungen Elefanten eine natürliche Infektion – zum Beispiel durch ältere Elefanten, die unter Stress das Virus aktivieren und ausschütten – überstanden haben. „Aber wir wissen nicht, warum die einen immun werden und die anderen nicht.“ Im Zoo Berlin war zwar ein Impfstoff entwickelt und den Jungtieren verabreicht worden, doch geholfen hat sein Einsatz nicht.

Europaweit, so Schaftenaars Schätzung, seien seit 1996 rund 20 Jungtiere an der Erkrankung verendet. In den USA seien es 25. In Asien seien mindestens 22 Kälber daran gestorben, in Gefangenschaft wie auch in freier Wildbahn. Auch Afrikanische Elefanten erkranken an einem – etwas anderen – Herpesvirus. Doch die wenigsten sterben daran. Schaftenaar sind nur zwei Fälle bekannt. Damit der tödliche Verlauf bei den Asiatischen Jungtieren gestoppt werden kann, arbeitet die Uni Rotterdam an der Entwicklung eines Impfstoffes. Bis der auf dem Markt ist, heißt es für Anchali: abwarten und hoffen. Rein theoretisch hat sie es geschafft, wenn sie die nächsten zehn Jahre überlebt. Denn es sieht so aus, dass Elefanten bis zu zehn Jahren empfänglicher für die Erkrankung sind als die älteren, sagt Schaftenaar. Vermutlich tragen alle Elefanten im Zoo Berlin den Virus in sich. Aber die Älteren haben vermutlich Antikörper entwickelt.

Die Zucht wird fortgesetzt

Blaszkiewitz will nicht aufgeben: „Wir züchten weiter. Man kann auch im Krieg nicht verfügen, dass keine Kinder mehr geboren werden“. Es bestehe wenigstens die Hoffnung, dass Elefantenkinder überleben. „Manchmal schlagen uns Leute vor, wir sollten Antibiotika geben. Aber die nutzen nur gegen bakterielle Infektionen. Bei einem Virus kann man nur impfen oder durchhalten.“

Die Nachricht aus dem Zoo Wuppertal, wo Eisbärin Jerka an einem Herpes-Virus starb, der normalerweise nur Zebras befällt, findet Blaszkiewitz „merkwürdig, denn Zebras werden nicht an Eisbären verfüttert“. Der Berliner Eisbär Knut sei an keinem Herpes-Virus gestorben, aber die Todesursache sei weiterhin unbekannt. „Bislang gab es keinen Treffer mit bekannten Viren“, sagt Blaszkiewitz. Die Untersuchungen führt das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung. Es hatte im Fall der Wuppertaler Eisbärin in Betracht gezogen, dass die Artenvielfalt in Zoos Folgen für die Übertragung von Krankheitserregern zwischen verschiedenen Tierarten haben könnte. Zoo-Direktor Blaszkiewitz plant aber nicht, seinen Tierbestand zu verringern. Der Berliner Zoo gilt als der artenreichste der Welt.