Stilles Ende

Kunsthaus Tacheles nach jahrelangem Tauziehen geräumt

Es gab nur vereinzelte Proteste gegen die Räumung. Doch der Sprecher der betroffenen Künstler erhebt Vorwürfe gegen den Berliner Senat.

Räumung des Kunsthauses Tacheles

Video: BMO
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Nach 20-jährigem Bestehen, langwierigen Auseinandersetzungen und einem beständigen politische und juristischem Tauziehen ist das Kunsthaus Tacheles in Mitte jetzt endgültig Geschichte. Am Dienstag wurde das Gebäude an der Oranienburger Straße geräumt. Die letzten Mieter gaben freiwillig ihre Schlüssel ab, die nur noch vereinzelten Proteste von Sympathisanten blieben friedlich. Und die wenigen vorsorglich an den Ort des Geschehens geschickten Polizisten verbrachten einen entspannten Vormittag. Die Künstler, die viele Jahre im Tacheles lebten und arbeiteten, ziehen jetzt nach Neukölln.

Der letzte Akt in der unendlichen Geschichte um das Tacheles begann am Dienstagvormittag um acht Uhr. Pünktlich zur vereinbarten Zeit erschien der Gerichtsvollzieher in Begleitung von Anwälten des Hauseigentümers. 30 bis zuletzt von Künstlern genutzte Räume wurden inspiziert und anschließend versiegelt. Auch zehn weitere Bewohner, die auf gültige Nutzungsverträge gepocht hatten und einen Auszug zunächst kategorisch ablehnten, verließen das Haus schließlich freiwillig. Nach sechs Stunden war das Ende einer Ära besiegelt.

Schnelle Versteigerung geplant

Das kurz nach der Wende von ostdeutschen Künstlern besetzte und so vor dem Abriss bewahrte Gebäude wurde 1998 an den Investor Anno August Jagdfeld verkauft. Der geriet allerdings 2007 in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten und musste seine Pläne mit dem Objekt schließlich aufgeben. Seither ist das Haus Eigentum der HSH Nordbank, die ihrerseits einen Zwangsverwalter einsetzte. Nach den Plänen der Bank soll das Tacheles baldmöglichst versteigert werden.

Schon lange bevor am Dienstagvormittag der Gerichtsvollzieher die Räumung vollzog, hatten sich vor dem Gebäude etwa 100 Personen versammelt, die Hälfte von ihnen waren allerdings Medienvertreter. Die knapp 50 Sympathisanten machten nochmals ihrem Unmut über die Zwangsräumung Luft, die Proteste wirkten trotz einiger markiger Sprüche und Parolen eher wie eine Pflichtübung. „Wir weichen der Gewalt“, war eine häufig benutzte Formulierung der ausziehenden Künstler. Martin Reiter, der Sprecher der Besetzer sprach von einem „Kunstraub unter Polizeischutz“. Justizsprecher Ulrich Wimmer erklärte dagegen, Kunstwerke seien bei der Begehung des Hauses durch den Gerichtsvollzieher nicht gefunden worden.

Reiter war es auch, der seinen Unmut über die Räumung am deutlichsten zum Ausdruck brachte. Zum wiederholten Male warf er am Dienstag vor laufenden Kameras dem Senat und namentlich dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) vor, der 1998 eingefädelte „Grundstücksdeal“ mit dem Investor Jagdfeld sei „nicht sauber“ gewesen. Reiters Schlussfolgerung: „Das Tacheles ist weg, jetzt kann auch Wowereit weg“.

Das blieben an diesem Tag allerdings auch die einzigen harschen Bemerkungen. Viele der Künstler zogen es vor, ihren Protest musikalisch zum Ausdruck zu bringen, vor dem Haus erklangen Klaviersonaten in Moll sowie traurig und verloren klingende Jazz-Balladen. Nicht immer in der Vergangenheit blieben Proteste um das Tacheles so spärlich und vor allem friedlich. Viele Demonstrationen lockten Hunderte oder gar Tausende von Teilnehmern an, auch Ausschreitungen gab es dabei häufiger. Einmal wurde ein bereits festgesetzter Termin zur Zwangsräumung in letzter Minute abgesagt, ein anderes Mal eine bereits begonnene Räumung abgebrochen. Über Jahre gab es ein juristisches Tauziehen zwischen Politik, Eigentümern und Hausbewohnern.

Am 20. Juni 2012 fand der jahrelang schwelende Rechtstreit sein endgültiges Ende. Das Landgericht Berlin verurteilte die „Initiative zum Erhalt des Kunsthauses Tacheles e.V.“ zur Herausgabe von Räumen und Flächen des Objektes an den Zwangsverwalter.

Beliebtes Touristenziel

Auch wenn alle Bewohner in Neukölln neue Räumlichkeiten bekommen hätten, verliere Berlin durch die Räumung, da das „Tacheles“ aus dem Zentrum der Stadt vertrieben worden sei, sagten am Dienstag mehrere betroffene Künstler. In der Tat hatten in den vergangenen Jahren Heerscharen von Touristen das Gebäude besucht und leibhaftig bestaunt, was sie bis dato nur aus dem Fernsehen und den Zeitungen kannten: Die Berliner Hausbesetzerszene und ihre viel zitierten alternativen Lebensformen.