Verkehrsampeln

In Berlin sehen Fußgänger oft viel zu schnell rot

Grünphasen zu kurz, Wartezeiten zu lang, Mittelstreifen zu schmal. Der BUND stellt Berlins Ampelmännchen kein gutes Zeugnis aus.

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Die Naturschutzorganisation BUND stellt den Berliner Fußgängerampeln kein gutes Zeugnis aus. Nach mehreren Beschwerden hatte der Landesverband in diesem Sommer eine Internet-Umfrage gestartet, bei der Bürger besonders fußgängerfeindliche Überwege melden konnten. Jetzt liegen die ersten Ergebnisse vor.

Die Mängelliste (einzusehen unter www.bund-berlin.de) umfasst insgesamt 206 Kreuzungen. Der größte Teil der Beschwerden konzentriert sich auf die Bezirke Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg, Pankow und Charlottenburg-Wilmersdorf – also jene Teile der Stadt, in denen laut Verkehrszählungen der Fußgängeranteil unter den Berlinern ohnehin besonders hoch ist und die zudem von Touristen bevölkert werden.

Die meisten Beschwerden gab es über eine Ampelanlage an der Frankfurter Allee in Friedrichshain. Weil auf der wichtigen Verkehrsachse eine grüne Welle für Autofahrer geschaltet ist, müssen Fußgänger an der Kreuzung Jungstraße bis zu zwei Minuten warten. Wer dann nicht schnell genug ist, um die Straße samt Mittelstreifen in einem Zug zu überqueren, steht sogar vier Minuten an einem einzigen Überweg. Die kürzeste Grünphase meldeten die Umfrage-Teilnehmer aus Mitte. An der Kreuzung Bernauer Straße/Brunnenstraße haben Fußgänger nach BUND-Angaben teilweise nur drei Sekunden Zeit, um die Straße zu überqueren. An anderen Kreuzungen, etwa an der Urania, seien schlicht die Wege zu weit, um bei den vorhandenen Grünphasen die Straßen in einem Zug überqueren zu können.

Sicherheitsrisiko Rechtsabbieger

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung verweist darauf, dass Ampelschaltungen an großen Verkehrsknoten „äußerst komplexe Systeme“ seien, so Behördensprecherin Petra Rohland. Die Richtlinien für Ampelanlagen schreiben laut Rohland vor, dass Fußgänger sicher den Mittelstreifen erreichen müssen. In Berlin reize man die Möglichkeiten im Sinne der Fußgänger sogar weiter aus als diese Vorschrift. Ziel sei es in der Regel, dass Fußgänger drei Viertel des Weges schaffen, bevor die Ampel auf Rot springt. Die sogenannte „Abräumphase“ reiche dann in jedem Fall, um sicher die andere Straßenseite zu erreichen. Zudem habe der Senat in seiner 2011 vorgestellten „Fußverkehrsstrategie“ ein Bündel von Maßnahmen beschlossen, um Fußwege in der Stadt sicherer und attraktiver zu machen. Im Zweifel, so Rohland, gelte bei den Verkehrsplanungen des Senats die Devise: „Immer am fußgängerfreundlichsten.“ Viele Fußgänger in der Innenstadt erleben das allerdings anders.

Beispiel Potsdamer Platz: „Ältere Menschen kommen bestimmt nicht in einer Grünphase über die Ampel“, sagt eine Mitarbeiterin der Fahrgastbetreuung der BVG. „Und die Autofahrer fahren dich fast über den Haufen, wenn du auf dem schmalen Mittelstreifen stehst“, fügt ihre Kollegin hinzu. Fußgänger haben nur wenig Zeit, um den Potsdamer Platz in Richtung Ebertstraße zu überqueren, bevor die Ampel auf Rot schaltet.

Beispiel Frankfurter Allee: Bevor die Ampel auf Grün schaltet, steht Horst Ciprian schon mehr als eine Minute am Straßenrand. „Selbst danach kommt man nicht auf einmal rüber“, sagt der 72 Jahre alte Rentner. Kaum habe man einen Fuß von der Mittelinsel gesetzt, sei die Ampel wieder Rot. „Da kommen auch jüngere Leute nicht in einem Zug rüber.“

Beispiel An der Urania: Roberta Grudewa und ihre Freundin Asha Stindl wollen die Kreuzung in einem Zug überqueren. Nicht einfach bei einer Straße mit Autobahnausmaßen. Sie nehmen sich bei den Händen und setzen zu einem Sprint an. Doch auch sie müssen stehen bleiben, als sie das Ende der Mittelinsel erreichen. „Die Grünphase sollte unbedingt länger sein“, sagen die beiden Studentinnen.

Alternative Zebrastreifen

Lange Wartezeiten und sogenannte „Sprintampeln“ waren nicht die einzigen Ärgernisse. Laut der Umfrage und eigenen BUND-Recherchen sind die Ampelregelungen für Fußgänger vielerorts nicht nur unkomfortabel, sondern auch gefährlich. Das größte Sicherheitsrisiko bilden nach Ansicht des BUND-Verkehrsexperten Martin Schlegel, Kreuzungen, an denen Autos zweispurig rechts abbiegen dürfen, während Fußgänger und Radfahrer grünes Licht haben. „Die Sicht auf die Fußgänger wird durch die parallel abbiegenden Autos versperrt“, sagt Schlegel. Etwa an der Kreuzung Turmstraße/Beusselstraße in Moabit und am Wismarplatz in Friedrichshain. Gefährlich wird es auch auf zu schmalen Mittelstreifen, vor allem dort, wo sich U-Bahnausgänge befinden. So drängeln sich etwa am Bahnhof Kochstraße (Linie U6) regelmäßig die Fußgänger gefährlich nah an die Fahrbahn.

An einigen Stellen fehlen aber auch schlicht die sicheren Überwege, obwohl dort wo viele Fußgänger unterwegs sind, beispielsweise Unter den Linden in Höhe des Kupfergrabens.

Andere Ampeln würden aus Sicht des BUND besser abmontiert, etwa auf der Südseite des Hauptbahnhofs zur Fußgängerbrücke über die Spree in Richtung Regierungsviertel. „Das ist Berlins wahrscheinlich unnötigste Ampelwartezeit“, sagt Schlegel. Obwohl auf der Rahel-Hirsch-Straße kaum nennenswerter Autoverkehr herrsche, müssten Fußgänger mehr als eine Minute anstehen. „Ein Zebrastreifen wäre dort eindeutig die bessere Lösung“, ist der Verkehrsexperte überzeugt.

Die BUND-Umfrage läuft noch zwei Wochen in Netz unter www.bund-berlin.de