Tourismus

Studie widerlegt Klischee vom typischen Berlin-Besucher

Schülergruppen und Rucksack-Touristen sind die Ausnahme. Der Großteil der Berlin-Besucher lässt viel Geld hier und legt Wert auf Kultur.

Touristen bringen Berlin Milliarden-Umsatz

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Berlins Image als Mekka der Billigtouristen und Schülergruppen ist offenbar völlig falsch. Zwar wirken die jugendlichen Reisegruppen schon aufgrund ihrer Lautstärke vor allem in den Szenekiezen von Friedrichshain-Kreuzberg und Prenzlauer Berg zum Teil so übermächtig, dass Aufkleber genervter Anwohner mancherorts bereits verkünden „Berlin doesn't love you!“ Doch der typische Berlin-Tourist ist ganz anders – das zumindest geht das aus einer Studie hervor, die die Tourismus- und Kongressgesellschaft visitBerlin am Montag vorgestellt hat. Demnach ist der Berlin-Tourist nicht nur viel älter als angenommen – er ist zudem äußerst kulturbeflissen, an der Geschichte der Stadt interessiert und lässt viel Geld hier.

Neben einer Analyse der Berliner Tourismusindustrie haben die Experten von der dwif-Consulting GmbH auch den „Wirtschaftsfaktor Tourist“ genauer unter die Lupe genommen und seine Besonderheiten studiert. So ist der durchschnittliche Berlin-Besucher ziemlich erwachsene 42,6 Jahre alt. Entsprechend sind auch seine Interessen: Als Grund für den Berlinaufenthalt nennt der Durchschnitts-Tourist an oberster Stelle den Besuch von Sehenswürdigkeiten (81 Prozent), die interessante Geschichte Berlins (79%), Atmosphäre und Flair der Stadt (76 %) sowie das Kunst- und Kulturangebot (74 %). Am häufigsten anzutreffen sind die Berlin-Gäste dann vor allem im Restaurant (93 Prozent), beim Spazierengehen auf den Berliner Boulevards (81 Prozent) und beim Besichtigen der Sehenswürdigkeiten (79 Prozent). Lediglich jeder dritte Berlin-Besucher (35 Prozent) stürzt sich ins Nachtleben der Hauptstadt. Ein Museums- und Ausstellungsbesuch steht dagegen bei mehr als jedem zweiten (53 Prozent) auf dem Programm.

Attraktive Kultur

Die starke Anziehungskraft, die Berlins Kulturleben auf Gäste aus aller Welt ausübt, wird auch in einer aktuellen Besucherumfrage belegt. So stammt jeder dritte Besucher der kulturellen Einrichtungen der Stadt nicht aus Berlin sondern aus einem anderen Bundesland. Der Anteil ausländischer Gäste liegt bei 26 Prozent. Vor allem Museen und Gedenkstätten sind bei den Gästen beliebt: 38 Prozent der Museumsbesuche entfallen auf inländische Touristen und 37,1 Prozent auf ausländische Berlin-Gäste.

Dass die Kultureinrichtungen von Berlin ein wesentlicher Anziehungspunkt sind, zeigt sich auch an einem weiteren Studienergebnis: So gaben mehr als ein Drittel (38 Prozent) der in- und ausländischen Befragten den Orchesterbesuch als hauptsächlichen Anlass ihres Berlin-Aufenthaltes an. Bei den Besuchern von Oper, Ballett und Tanztheatern waren es rund 31 Prozent der Gäste, die einen Besuch dieser Einrichtungen als Hauptgrund für ihre Reise nach Berlin nannten.

Trend zum Luxus

Nach Angaben von visitBerlin-Chef Burkhard Kieker lasse sich zudem ein Trend zum Luxus-Tourismus ausmachen.

Belegen lasse sich dies etwa durch das hohe Haushaltseinkommen der Berlin-Gäste. 42 Prozent der Besucher gaben demnach ein monatliches Haushalts-Netto-Einkommen von 2000 bis 4000 Euro an. Elf Prozent der Gäste verfügten sogar über mehr als 4000 Euro. Für sein Hotelbett gibt der Berlin-Tourist durchschnittlich 76 Euro pro Nacht aus. Insgesamt lässt der Übernachtungsgast 204,70 Euro pro Tag in Berlin. Tagesgäste dagegen geben 35,70 Euro pro Tag aus. „Das lange vorherrschende Bild der Billig-Touristen und Schulklassen ist so nicht mehr zutreffend“, lautet deshalb Kiekers Fazit. Dass die Gruppe der gut situierten Gäste zunehmend Berlin als Reisedestination entdeckt, lässt sich auch mit weiteren Zahlen belegen: So stiegen im ersten Halbjahr 2012 die Umsätze im Taxfree-Shopping um 24,51 Prozent. Durchschnittlich werden allein für diese zollfreien Waren 373 Euro ausgegeben – pro Einkauf.

Deutlich gestiegen sei insbesondere auch die Nachfrage nach einem Hotelbett in einem der zahlreichen Luxus-Hotels der Stadt. Bei den 5-Sterne-Häusern lag der durchschnittliche Zimmerpreis 2009 noch bei 131,04 Euro. 2011 müssen bereits 143,54 Euro gezahlt werden. Noch deutlicher zeigt der sogenannte REV Par-Preis, bei dem auch die leer stehenden Zimmer mit eingerechnet werden, eine Tendenz nach oben: Dieser Indikator stieg von 87,3 auf 103,05 Euro und zeigt, dass die Fünf-Sterne-Häuser deutlich mehr Zimmer vermieten konnten.

„Es kommen zunehmend auch wohlsituierte Gäste aus Russland und den Arabischen Golfstaaten nach Berlin“, so Kieker weiter. So kamen allein im ersten Halbjahr 75.225 Berlin-Besucher aus Russland (+27,2 Prozent) und 13.225 (+50.8 Prozent) aus den Golfstaaten. Der Berliner Handel hat auf die neue Kundschaft bereits reagiert. So bieten mittlerweile Berater für Luxus-Einkäufe ihre Dienste an und das Angebot von Edel-Shops steigt ständig. Allein 2012 eröffnen diverse italienischen Luxusmarken neue Dependancen in Berlin.

Nahezu zehn Millionen Besucher verbrachten im vergangenen Jahr rund 22,4 Millionen Nächte in den Berliner Hotels und Pensionen. Das entspricht einem Zuwachs von 7,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bei einem Brutto-Umsatz von 10,31 Milliarden Euro sorgten die Besucher zudem dafür, dass rund 275.000 Berliner vom Tourismus in der Stadt leben können. Die Touristenwerber hoffen, dass im Jahr 2016 die Zahl von 30 Millionen Übernachtungen erreicht werden wird.