Technologie-Festival

„Campus Party” steigt zum ersten Mal in Deutschland

Ende August kommen 10.000 Computerexperten nach Berlin. Die Technikfans campen in 5000 Zelten auf dem Tempelhofer Flugfeld.

Foto: DAPD

Nao hat Schwierigkeiten mit dem Licht. Der leuchtend orangefarbene Ball liegt direkt vor seinen Füßen, doch der Fußballprofi sieht ihn nicht. Es ist zu dunkel in Raum 546 der Wirtschaftsverwaltung, wo Nao an diesem Morgen zu Werbezwecken kicken soll. Hans-Dieter Burkhard greift Nao unter die Arme und setzt ihn ein paar Meter hinter dem Ball wieder ab. „Die Bedingungen hier sind nicht optimal, er ist auch irritiert von den vielen Hindernissen um ihn herum“, sagt Burkhard und grinst. Gemeint sind die Fotografen, die vor dem gut 40 Zentimeter großen Roboter auf dem Teppich liegen um ein möglichst gutes Foto von ihm zu bekommen. Informatikprofessor Burkhard und sein Team von der Humboldt-Universität haben Nao programmiert. Ende August, beim weltweit größten Technologiefestival „Campus Party“ in Tempelhof, soll Nao mit 20 anderen Robotern Fußball spielen – und bei möglichst vielen Computerbegeisterten den Wunsch wecken, sich mit Robotik und Informatik zu beschäftigen. „Wir hoffen immer auf Nachwuchs“, sagt Burkhard.

Es ist das erste Mal, dass die Campus Party nach Deutschland kommt. Eine Großveranstaltung mit Ursprung in Spanien, die eigentlich mehr mit einem großen Denklabor zu tun hat als mit einer Studentenparty. Tausende Technikinteressierte aus 66 Nationen werden zwischen dem 21. und 26. August das einstige Flughafengebäude in Beschlag nehmen. Sie werden in den alten Hangars in 5000 Zelten campen und rund um die Uhr Programm haben: Workshops, Wettbewerbe, Diskussionsforen und Vorträge.

Hauptstadt der digitalen Wirtschaft

Für den Berliner Senat ist das Festival, das sich Kreativität, Wissenschaft und digitales Entertainment auf die Fahnen geschrieben hat, ein neuer Beweis für die Anziehungskraft der Stadt auf junge Kreative aus aller Welt. „Wir sehen Berlin als Hauptstadt der digitalen Wirtschaft“, sagt Staatssekretär Nicolas Zimmer (CDU) am Dienstag bei der Pressekonferenz, auf der sich die Campus Party offiziell vorstellt. „Wir rechnen durch das Festival mit positiven Effekten auch für Berlin“, so Zimmer. „Es wäre schön, wenn wir es schaffen, junge Leute für die Stadt zu begeistern.“ Es gehe bei dem Festival auch darum, Netzwerke zu knüpfen, den Standort zu bewerben und vielleicht dafür zu sorgen, dass der eine oder andere mit seiner Geschäftsidee irgendwann nach Berlin komme.

Kommunikationstechnologie, Medien und Kreativwirtschaft seien mit mehr als 36.000 Unternehmen in Berlin ein wichtiger Wirtschaftszweig für die Stadt, heißt es weiter. Seit 2004 halte der Gründungsboom in Berlin an. Um diesen Trend weiter voranzutreiben, verspricht Zimmer, sich besonders um Start-up-Unternehmen kümmern zu wollen. „In der Verwaltung hat sich im letzten halben Jahr viel geändert im Umgang mit Start-ups“, sagt der CDU-Politiker in Anspielung auf den politischen Wechsel an der Spitze der Verwaltung nach der Wahl im vergangenen Herbst. Die Behörden seien nun ansprechbarer, und man bemühe sich auch, bürokratische Hürden für Unternehmensgründer zu beseitigen – wenn möglich. Zimmer spricht gar vom „Berliner Traum“, den die Stadt erlebe. „Man kann in dieser Stadt alles möglich machen“, sagt er.

Wie zur Bestätigung von Zimmers Worten spricht Michelle Thorne bei der Pressekonferenz davon, ihr Arbeitgeber Mozilla wolle weiter in Berlin wachsen und hier neue Arbeitsplätze schaffen. Thorne ist „Global Event Strategist“ der US-Stiftung, die unter anderem den Internetbrowser Firefox entwickelt und erst kürzlich ihre erste Niederlassung in Deutschland an der Rheinsberger Straße in Mitte eröffnet hat. Auf der Campus Party will Mozilla vor allem dafür werben, das Internet nicht nur zu nutzen, sondern auch selbst zu verändern. „98 Prozent der Jugendlichen sind online, aber nur 23 Prozent erstellen eigene Webseiten“, sagt Thorne. In Workshops sollen die Campus-Party-Teilnehmer bei Mozilla also lernen, selbst zu programmieren.

500 Stunden Programm

Die Veranstalter der Campus Party haben 500 Stunden Programm vorbereitet. Neben den Vorträgen und Diskussionen gibt es Workshops zu 24 Themenschwerpunkten von Software-Entwicklung über Gaming und Design bis hin zu Robotik und Social Media. Dem Sog der digitalen Innovationen will sich heute niemand mehr entziehen. Der Präsident des Veranstalters „Futura Networks“, Paco Ragageles, kann sich heute nicht nur über die Unterstützung des Senats freuen, sondern auch über die der EU Kommission, die erstmals die Schirmherrschaft übernommen hat. Denn die 10.000 Teilnehmer sollen nicht nur programmieren lernen oder Vorträge von Gastrednern wie des Schriftstellers Paulo Coelho oder des „Vaters des Internets“, Tim Berners-Lee, hören. Sie sollen auch eine Mission erfüllen: In sechs Tagen soll eine Art „europäischer Quellcode“ entstehen, eine Grundlage für das digitale Zusammenleben in Europa, für computerbasierte Bildung und Kommunikation. Neelie Kroes, EU-Kommissarin für die Digitale Agenda, wird die Ideen schließlich in Tempelhof in Empfang nehmen.

„Wir haben versucht, viele intelligente junge Leute für diese Aufgabe zusammenzubekommen“, sagt Ragageles, einer der Mitbegründer der Campus Party in Spanien vor 16 Jahren. Schon im Vorfeld wurden auch in Kooperation mit verschiedenen europäischen Universitäten Ideen gesammelt, 5000 Teilnehmer konnten so die kostenlose Teilnahme an der Party gewinnen. Bei der Planung der Veranstaltung in Tempelhof habe es vor Monaten noch Zweifel gegeben, ob sie 10.000 Interessierte zusammenbekommen würden, erzählt der Organisator. Nun seien es weit mehr Menschen, die von überall her nach Berlin kommen wollten. „Das Festival wird voll“, sagt Ragageles.