Geschichte

Keine Einigung im Streit über Berliner Checkpoint Charlie

Im BMW Guggenheim Lab wurde über ein Museum des Kalten Krieges am Berliner Checkpoint Charlie debattiert. Hier war das Votum eindeutig.

Foto: Massimo Rodari

Ein großer Bildschirm beherrscht die luftige Konstruktion des Guggenheim Lab über den Köpfen der Besucher. Schwarz-weiße Bilder aus der Geschichte des Berliner Checkpoint Charlie wechseln sich darauf ab. Darunter auf dem Podium herrscht: Einigkeit. Zumindest in der ganz wesentlichen Frage dieses Sonntagnachmittags – der nach der Zukunft des geschichtsträchtigen Ortes in Berlins Mitte. Keiner hier will, dass der Checkpoint Charlie so bleibt, wie er im Moment ist. „Unwürdig“, „Jahrmarkt“, „Verwahrlosung“ sind die Vokabeln, mit denen die Diskussionsteilnehmer vornehmlich beschreiben, wie sie das finden, was gut drei Kilometer weiter südlich auch an diesem sonnigen Tag zwischen Würstchenbuden und Strandbar gerade so vor sich geht.

Eingeladen zur Diskussionsveranstaltung „Zentrum Kalter Krieg: Checkpoint Charlie“ hat am Sonntag das BMW Guggenheim Lab auf dem Pfefferberg-Gelände in Prenzlauer Berg. Jenes temporäre Projekt aus New York, das sich noch bis zum 29. Juli mit Fragen der Stadtentwicklung auseinandersetzen will – und das im Frühjahr Schlagzeilen machte, weil es vom avisierten Standort Kreuzberg mit anonymen Drohungen vertrieben worden war.

Symbolort der Berlin-Geschichte

Nun soll darüber diskutiert werden, wie der Zustand des Checkpoint Charlie verändert werden kann. Und vor allem darüber, ob der Ort die richtige Stätte für ein Museum des Kalten Krieges ist, wie es die Kulturverwaltung geplant hat. „Berlin ist Symbolort für den Kalten Krieg und der Checkpoint Charlie ist Symbolort dieses Symbolorts“, sagt Klaus-Dietmar Henke, Geschichtsprofessor, Mitglied im Beirat des Dokumentationszentrums Berliner Mauer und Moderator der Diskussion. Millionen Menschen kämen in die Stadt, um Geschichte zu erfahren, sagt Henke. „Soll eine Eisdiele namens Kalter Krieg unser Erinnern an diesen Teil der Geschichte sein?“

Markus Meckel kann dem Plädoyer für einen würdigen Erinnerungsort am Checkpoint Charlie nur zustimmen. Meckel, der der letzte DDR-Außenminister war, gehört zu den Initiatoren der Museumspläne am Checkpoint. „Wir brauchen einen Ort, um seriös die verschiedenen internationalen Blickwinkel auf den Kalten Krieg zu zeigen und zu erklären“, sagt Meckel. Es müsse ein Netzwerk an Erinnerungsorten in der Stadt geben, die sich mit unterschiedlichen Fragen der Geschichte beschäftigten. „Der Kalte Krieg und seine internationale Perspektive fehlt noch.“

Für Ernst Elitz, Mitglied im Beirat der Stiftung Zukunft Berlin, steht auch die Aufgabe an, jungen Leuten, Touristen, oder Berlinern mit Migrationshintergrund ihre Stadt zu erklären. „Der Checkpoint sollte der Ausgangspunkt für Aufklärung sein“, sagt Elitz. Die Nachbarschaft zum privat betriebenen Mauermuseum am Checkpoint Charlie sei keine Konkurrenz, sondern „ideale Ergänzung“: Hier werde das persönliche Schicksal von Menschen zu Mauerzeiten gezeigt, dort die „historische Tiefe“. US-Historiker Michael Cullen mahnte auch einen Ort für die noch in den Anfängen begriffene Forschung zum Kalten Krieg an.

Politiker sollten bei Debatte außen vor bleiben

Die Diskussionsrunde will nicht weniger, als das „politische Patt“ im Berliner Senat aufzulösen. SPD und CDU sind sich seit Wochen uneins, ob am ehemaligen alliierten Kontrollpunkt ein „Museum des Kalten Krieges“ entstehen soll oder nicht. Die bisherigen Überlegungen sehen vor, das Alliierten-Museum von der Clayallee in Zehlendorf in das Gebäude des ehemaligen Tempelhofer Flughafens zu holen und am Checkpoint Charlie in einem noch nicht gebauten Bürokomplex das neue Museum entstehen zu lassen. Nach den Plänen der Kulturverwaltung soll das rund 3000 Quadratmeter große Museum bis 2015/16 realisiert werden. Kosten: rund sechs Millionen Euro.

Für Geldverschwendung hält das die CDU, die sich mit einem Parteitagsbeschluss gegen den Neubau ausspricht. „Zwei Museumsstandorte, die sich mit dem Kalten Krieg beschäftigen, sind nicht erforderlich“, sagt der Berliner CDU-Generalsekretär und Bundestagsabgeordnete Kai Wegner. Weil bisher noch keine großen Mittel für das Museum im Berliner Haushalt eingestellt worden seien, sei noch Zeit genug für eine andere Lösung für den Checkpoint. „Wir sind für Ideen offen“, sagt Wegner. Daher begrüße er auch ausdrücklich Diskussionsformate wie das im Guggenheim Lab – auch wenn er als Politiker dazu nicht eingeladen wurde. Politiker sollten bei der Debatte am Sonntag außen vor bleiben. „Erinnerungsorte entstehen oft durch bürgerschaftliches Engagement“, hieß es.

Ähnlich wie die CDU argumentierte Rainer Wagner von der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft. Er sei nicht gänzlich gegen das Museum, aber Tempelhof als Ort der Luftbrücke sei passender für die Thematik Kalter Krieg. In der Nähe der Mauer bestehe die Gefahr, die Opfer der Grenze zum Kollateralschaden zweier Konfliktparteien werden zu lassen.

Die Stadtsoziologin Sybille Frank ist schließlich die Einzige, die auch positive Worte für den „Jahrmarkt“ am Checkpoint findet. Erinnerungsorte würden immer mehr auch in privater Hand verwaltet, damit gehe eine Demokratisierung und eine Kommerzialisierung der Geschichte einher. „Das ist aber auch gut so“, sagt Frank. Erlebnisorientierte Angebote würden auch bildungsfernere Schichten ansprechen und zeigen, dass es eine große Nachfrage nach Geschichte gebe. Nur: Anderswo auf der Welt würden sich Private und Kommune zusammen tun, in Berlin bestehe Konkurrenz. Politik und Wissenschaft schimpften zudem auf das „Disneyhafte“. Besser wäre es, gemeinsam an einem würdigen Erinnerungsort zu arbeiten.

Die Diskussion am Pfefferberg fällt also klar für das Museum aus. Nur wie es gestaltet werden soll, das ist noch ganz offen. „Dazu brauchen wir einen runden Tisch“, sagt Geschichtsprofessor Henke. Auch darüber herrscht Einigkeit.