Anonyme Geburt

Wie sich Leon seine leibliche Mutter vorstellt

Leon ist das erste Kind, das im Berliner Krankenhaus Waldfriede anonym geboren worden ist. Seine Mutter wollte ihren Namen nicht preisgeben.

Neugierig schaut sich Leon* den Ort an, an dem er vor zehn Jahren auf die Welt kam. Es ist der Kreißsaal des Zehlendorfer Krankenhauses Waldfriede. „Ich hätte nicht gedacht, dass es hier auch Turngeräte gibt“, sagt er mit Blick auf einen großen Sitzball. Dabei lächelt er etwas verlegen.

Hier also ist er geboren worden. Seine Adoptiveltern Julia und Martin Müller*, mit denen er heute das Krankenhaus besucht, waren nicht dabei. Sie können ihm nicht erzählen, ob es anstrengend war und wie er aussah, kurz nachdem er auf die Welt kam. Auch seine leibliche Mutter wird Leon niemals danach fragen können. Sie hat das Krankenhaus sofort nach seiner Geburt wieder verlassen, ohne ihren Namen zu nennen. Der Hebamme hat sie nur gesagt, dass sie ins Waldfriede-Krankenhaus gekommen sei, weil sie hier anonym entbinden kann. Wäre das nicht so gewesen, hätte sie ihr Kind zu Hause zur Welt gebracht. Danach hätte viel geschehen können. Doch das wäre eine andere Geschichte.

Wissen um die Abstammung

Leon hatte keinen Namen, als die Müllers ihn adoptierten. „Anonym geborene Kinder sind Kinder ohne Namen, ohne mitgegebene Identität“, sagt Julia Müller. Die Müllers haben dann einen Namen für ihren Sohn gesucht. Und ihn mit zweitem Namen Alexander genannt, um an die russische Herkunft seiner leiblichen Mutter zu erinnern.

Leon ist das erste Kind, dass im Krankenhaus Waldfriede anonym geborenen worden ist. Geht es nach Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU), soll es Kinder mit seiner Biografie in Zukunft nicht mehr geben. Die Ministerin plant, anonyme Geburten künftig zu verbieten. Auch sollen keine neuen Babyklappen mehr eingerichtet werden. Bundesweit gibt es knapp 90 Babyklappen. In den vergangenen zehn Jahren wurden dort etwa 1000 Kinder abgegeben.

Kristina Schröder schlägt stattdessen eine vertrauliche Geburt vor, bei der die Mutter verpflichtet ist, ihre Personendaten anzugeben. So soll für die Kinder das Grundrecht auf Kenntnis der eigenen Abstammung erhalten werden.

Leons Adoptiveltern finden diese Überlegungen zwar grundsätzlich richtig. Und doch plädieren sie dafür, dass es auch weiterhin die Möglichkeit geben muss, dass Frauen anonym entbinden oder ihr Kind in eine Babyklappe legen können. „Es wird immer Frauen geben, die zur Geburt nur dann in ein Krankenhaus gehen, wenn sie ihren Namen nicht preisgeben müssen“, sagt Julia Müller.

Gabriele Stangl gibt ihr recht. Die resolute Pastorin hat vor zwölf Jahren die Babyklappe des Krankenhauses Waldfriede eingerichtet und sich dafür starkgemacht, dass Frauen dort auch anonym entbinden können. Seitdem lagen 20 Kinder in der Babyklappe. Mehr als 100 Frauen wollten ihr Kind anonym zur Welt bringen. „Wir haben uns um alle gekümmert und ihnen Hilfe angeboten“, sagt Gabriele Stangl. Auf diese Weise sei Vertrauen entstanden. Einige Frauen hätten daraufhin beschlossen, ihr Kind zu behalten. Die meisten hätten zumindest ihre Personalien preisgegeben. „Von mehr als 100 Frauen sind nur fünf anonym geblieben“, sagt Stangl. Eine davon war Leons Mutter.

Vielleicht meldet sie sich noch

Hintergrund für den Vorstoß von Familienministerin Schröder ist eine Studie des Deutschen Jugendinstituts, der zufolge der Verbleib von deutschlandweit 200 anonym geborenen oder in einer Babyklappe abgelegten Säuglingen unklar ist. Gabriele Stangl weist diesen Vorwurf entschieden zurück. In Berlin könne es nicht passieren, dass ein Krankenhaus einen Säugling einfach weitergibt, sagt sie. „Wir melden jedes Kind sofort dem Jugendamt.“

Julia und Martin Müller sind jedenfalls froh, dass ihr Sohn Leon im Krankenhaus geboren worden ist, mit professioneller Begleitung von Hebammen und Ärzten. „Wir wollen uns gar nicht ausmalen, was alles hätte passieren können, wenn das nicht so gewesen wäre“, sagt Julia Müller. Leon sitzt neben ihr und hört zu. Dann fällt ihm doch noch etwas ein, was er über seine Geburt berichten kann: „Meine leibliche Mutter heißt Nadja und sie hat Russisch gesprochen“, sagt er. Auch dass sie ungefähr 20 Jahre alt gewesen sei, haben ihm seine Eltern erzählt. „Wir wissen das von der Hebamme“, sagt Martin Müller.

Mehr wissen sie nicht. Mehr wird auch Leon niemals erfahren. „Es sei denn, Nadja meldet sich doch noch irgendwann im Krankenhaus Waldfriede“, sagt Julia Müller. Sie und ihr Mann wünschen sich das sehr. Nicht unbedingt für sich selbst. Sie können ganz gut damit leben, dass ihr Kind anonym geboren worden ist. „Für Leon wäre das aber wichtig. Er hätte dann später mehr Optionen, mit seiner Geschichte umzugehen“, sagt Julia Müller.

Momentan interessieren Leon allerdings ganz andere Dinge. Wer ihn in seinem Kinderzimmer besucht, sieht schnell, welche das sind. Auf einer kleinen Kommode sind Lego-Figuren aufgebaut: Ritter mit Schild und Schwert stehen dort neben „Star Wars“-Kämpfern. Auch auf der Tischplatte unter Leons Hochbett türmen sich Lego-Bauwerke. Dazwischen sitzen eine blaue Katze und ein Pinguin aus Ton. Beide Tiere hat Leon selbst getöpfert. Seit er vier Jahre alt ist, besucht er einmal in der Woche einen Töpferkurs.

Auch zum Gitarrenunterricht und zum Judo geht Leon jede Woche. Und wenn er mal nichts weiter vorhat, ist er am liebsten in seinem Zimmer, spielt Lego oder lümmelt sich auf seinem Sitzsack und liest. Auch abends im Bett darf er noch lesen. Bis 21 Uhr, dann muss das Licht aus sein. „Wenn ich ein spannendes Buch habe, lese ich oft mit der Taschenlampe weiter“, sagt der Zehnjährige leise und grinst. Mama und Papa sollen das nicht mitbekommen.

Eine ganz normale Familie

Denkt er manchmal auch an seine leibliche Mutter, daran, wie sie wohl aussehen könnte? Leon nickt. „Doch“, sagt er, „manchmal würde ich das schon gern wissen.“ Dann überlegt er kurz. „Ich glaube, sie sieht ganz normal aus“, sagt er nach einer Weile. Doch was ist normal? „Na, schön eben, mit langen Haaren und so.“ Mehr will Leon dazu nicht sagen.

Leon ist ein schlaksiges Kind mit schwarzen Locken und großen dunklen Augen. Ein ernster Junge, der sein Gegenüber offen anschaut und genau überlegt, bevor er antwortet. Vier Tage war er alt, als ihn Julia und Martin Müller zu sich nach Hause holten.

„Zuerst waren wir erstaunt, dass man ausgerechnet uns gefragt hat, ob wir ein anonym geborenes Kind adoptieren wollen“, sagt Julia Müller. Während des Adoptionsverfahrens hatten die Müllers angegeben, dass sie sich auch eine offene Adoption vorstellen könnten. In so einem Fall hat das Kind von Anfang an Kontakt zu seiner leiblichen Mutter. Leons Geschichte war nun das glatte Gegenteil davon. „Wahrscheinlich haben wir signalisiert, dass wir bereit sind, uns auf eine rechtlich schwierige Situation einzustellen“, sagt Julia Müller. Es habe dann auch nicht lange gedauert, bis das Leben mit Leon für sie und ihren Mann dem einer ganz normalen Familie glich.

Blieb nur die offene Frage, wie Leon es aufnehmen würde, dass er adoptiert ist. „Ich habe darauf gewartet, dass er von mir wissen will, ob er auch in meinem Bauch war“, sagt Julia Müller. Doch Leon habe sich Zeit gelassen. Er sei vier Jahre alt gewesen, als er endlich gefragt habe. Julia Müller erinnert sich noch genau an diesen Tag und daran, wie erleichtert sie damals war über die Reaktion ihres Sohnes: „Leon war krank, saß zu Hause und aß sein Müsli, als er mich fragte.“ Sie habe ihm dann von seiner Adoption erzählt. „Er hat ganz genau nachgefragt, wie das bei uns Eltern war, ob wir im Bauch unserer Mütter waren, und wie das bei anderen Kindern war, die er kennt.“ Wichtig sei Leon vor allem gewesen, glaubt Julia Müller, dass es bei einigen Kindern, die er kannte, genauso war wie bei ihm.

Zweieinhalb Jahre nach Leon kam dann noch Marie* zur Familie, auch sie ist ein Adoptivkind. Anders als bei Leon ist der Name ihrer leiblichen Mutter allerdings bekannt. Sie war es auch, die Marie ihren Namen gegeben hat. Wenn Marie es möchte, wird sie irgendwann einmal Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter aufnehmen können. Leon ist dieser Weg verwehrt. Noch weiß keiner, wie er später darüber denken wird. Seine Eltern sagen, dass es möglich sein könnte, dass er sich gar nicht weiter mit seiner Herkunft beschäftigen will. „Jungs neigen eher dazu, pragmatisch damit umzugehen, das wissen wir aus vielen Gesprächen mit anderen betroffenen Eltern“, sagt Julia Müller. Trotzdem könne es natürlich auch sein, dass Leon später traurig oder wütend sein wird, weil er nie mit seiner leiblichen Mutter reden, nie etwas über seine Herkunft erfahren kann.

„Das ist unser Sohn“

Seine Eltern versuchen allerdings schon jetzt, ihm den Umgang mit seiner anonymen Herkunft zu erleichtern. „Wir sprechen immer wieder mit Leon über das, was wir von seiner Mutter wissen, auch wenn es nur sehr wenig ist“, sagt Martin Müller. Noch im Krankenhaus haben die Müllers damals viele Fotos gemacht: Leon auf dem Arm der Hebamme, Leon mit Gabriele Stangl, Leon bei den Kinderkrankenschwestern. „Wir wollten, dass unser Sohn eine Geschichte hat, und zwar von Anfang an.“

Auch Leons Ankunft in der Familie ist oft ein Thema. Für seine Eltern ist dieser Tag wie sein Geburtstag, deshalb feiern sie jedes Jahr an seinem Ankunftstag ein großes Fest. Viele Freunde und deren Kinder werden dann eingeladen. „Schließlich erzählen wir Leon immer wieder, was wir gefühlt haben, als wir ihn zum ersten Mal sahen. Dass wir gleich gedacht haben, ja, das ist unser Sohn“, sagt Julia Müller.

Die Müllers haben einen großen Freundeskreis, in dem es etliche Adoptivkinder gibt, darunter auch solche, die wie Leon unbekannter Herkunft sind. Von Anfang an sind sie offensiv mit der Tatsache umgegangen, dass Leon anonym geboren worden ist. 2002, damals war Leon gerade ein Jahr alt, gründeten sie sogar eine Selbsthilfegruppe für Eltern von Kindern unbekannter Herkunft. Diese Gruppe gibt es bis heute. „Die öffentliche Diskussion über Babyklappe und anonyme Geburt war damals viel emotionaler als heute, und für uns als betroffene Eltern war das Thema auch sehr emotional“, sagt Julia Müller. In der Selbsthilfegruppe wollten sich die Eltern gemeinsam einen Überblick über die verschiedenen Diskurse zum Thema verschaffen und eine eigene Meinung dazu bilden. Auch die Gesetzesinitiativen zur anonymen Geburt im Bundestag und die Stellungnahmen verschiedener Gruppen dazu haben sie verfolgt. „Außerdem hatten wir ein Forum, um uns über den Fortgang des Adoptionsverfahrens auszutauschen, das in jedem Einzelfall anders gehandhabt wurde“, sagt Müller.

Inzwischen treffen sich die Mitglieder der Selbsthilfegruppe in größeren Abständen und meist nachmittags zusammen mit den Kindern. Im Vordergrund steht jetzt die Entwicklung ihrer Kinder. „Wir wollen, dass die Kinder sich kennen, damit sie wissen, dass sie mit ihrer Herkunftsgeschichte nicht allein sind und später Gesprächspartner mit einer ähnlichen Geschichte haben“, sagt Leons Mutter.

Auch über den Vorstoß der Bundesfamilienministerin in Sachen Babyklappe und anonymer Geburt haben die Eltern der Selbsthilfegruppe diskutiert. Sie teilen die Einstellung, dass es vorzuziehen ist, wenn Menschen ihre Herkunft kennen. Dennoch sind sie sich einig, dass es Mütter gibt, die so nicht erreicht werden würden.

Vater, Mutter und zwei Kinder – wenn die Müllers Zeit haben, sitzen sie in diesen Frühsommertagen gern gemeinsam auf ihrer Terrasse. So auch an diesem Nachmittag bei unserem Besuch. Die Eltern trinken Eiskaffee, die Kinder essen Vanilleeis. Marie kommt gerade vom Hockey. Ihre Mannschaft hat einen Pokal gewonnen. Leon ist beeindruckt. Manchmal findet er seine Schwester zwar ganz schön nervig, doch jetzt ist er stolz auf sie. Dann geht es um die Sommerferien. „Zuerst sind wir im Sportcamp und danach bei Oma und Opa“, sagt Leon. Wenn dann auch die Eltern endlich Urlaub haben, fahren sie für drei Wochen nach Schweden. „Zusammen mit unseren Freunden“, sagt Leon und freut sich schon darauf, dass sie dort allein im Wald spielen dürfen.

Eindeutig positioniert

Während noch offen ist, wie der Vorstoß von Familienministerin Kristina Schröder in Sachen Babyklappe und anonymer Geburt ausgehen wird, haben sich Berliner Politiker bereits eindeutig positioniert. Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) bezeichnete die vier Berliner Babyklappen sowie das Angebot einiger Krankenhäuser wie das des Krankenhauses Waldfriede zur anonymen Geburt als Erfolgsgeschichte. „Diese Angebote müssen erhalten bleiben, selbst wenn die meisten Frauen ihre Anonymität doch noch aufgeben“, sagte er bei einem Besuch des Krankenhauses Waldfriede. Czaja räumte ein, dass es in diesem Zusammenhang einen Konflikt zwischen verschiedenen Grundrechten gibt. „Das darf aber nicht dazu führen, dass diese Angebote abgeschafft werden“, sagte er.

Auch der Berliner evangelische Bischof Markus Dröge hat sich für Babyklappen ausgesprochen. Er gehe davon aus, dass die meist sehr jungen Mütter, die ihr Kind in eine Babyklappe gelegt haben, nicht leichtfertig gehandelt hätten, sondern in einer verzweifelten Situation gewesen seien, sagte er. „Natürlich wäre es schön, wenn es in Deutschland ein flächendeckendes Hilfesystem für solche jungen Frauen gäbe und wenn diese das dann auch noch annehmen würden. Aber die Situation ist nicht so. Ich sehe deshalb zu den Babyklappen keine Alternative.“

Nach Ansicht der katholischen Deutschen Bischofskonferenz sollten Mütter in Not vor allem durch Möglichkeiten zur vertraulichen Geburt unterstützt werden. In der Diskussion über eine rechtliche Regelung der Babyklappe sollte es eine Weiterentwicklung dieses Konzepts geben. Das Angebot der anonymen Geburt solle nur als Ultima Ratio zur Rettung von Leben beibehalten werden.

Leon hat inzwischen seine dritte Geburtsurkunde. War er auf der ersten noch namenlos – verzeichnet waren dort nur der Ort und die Zeit seiner Geburt, stand auf der zweiten bereits sein erster Vorname. Die dritte Urkunde weist nun sowohl seine beiden Vornamen als auch seinen Nachnamen sowie die Namen seiner Adoptiveltern aus. Das klingt zwar alles sehr bürokratisch – für Julia und Martin Müller aber ist es ein großer Erfolg.

(*Alle Namen der Familie wurden geändert.)

Anonyme Geburt

Zum Schutz von Mutter und Kind gibt es auch die Möglichkeit einer anonymen Geburt. In Berlin bieten Krankenhäuser die Möglichkeit, im Notfall anonym zu entbinden. Unter der Telefonnummer 0800/4560789 erfahren Mütter jederzeit kostenlos, in welchem Krankenhaus in der Nähe eine anonyme Entbindung möglich ist.

Weitere Infos gibt es auf der Homepage www.anonymegeburt-berlin.de.