Jüdisches Filmfestival

Wie Max Raabe sein größtes Abenteuer erlebte

Beim 18. Jüdischen Filmfestival ist Max Raabe auf der Leinwand zu sehen. Er singt deutsch - nicht trotz, sondern wegen der Vergangenheit.

Foto: AFP

Er hat schon alles erreicht. Vor vier Jahren ist Max Raabe in New Yorks Carnegie Hall aufgetreten. Der Olymp für seinesgleichen, mehr Ruhm geht nicht. Und doch: Danach wurde er erstmals nach Israel eingeladen.

Und das sollte zum größten Abenteuer für Raabe und sein Palast-Orchester werden. Gleich nach der Ankunft wurde er von einer israelischen Journalistin gefragt, ob er keine Angst habe, auf Deutsch zu singen – in einer Sprache, die viele Holocaust-Überlebende nie wieder hören wollten.

Mit dieser Frage, gibt Raabe zu, hätte er rechnen müssen: „Habe ich aber nicht.“ Und natürlich: Sie singen nicht nur Deutsch, „wir sehen auch noch so aus und erfüllen Klischees.“ Aber, das war seine Verteidigung: Der Großteil ihres Repertoires besteht doch gerade aus Couplets und Schlagern jüdischer Komponisten, die von den Nazis verfolgt, vertrieben und umgebracht wurden.

„Wir halten“, so Raabe fast kämpferisch, „diese Namen wach, die vergessen gemacht werden sollten.“ Und es ist die Muttersprache dieser Musiker, in der sie singen: „Die deutsche Sprache ist älter als das Dritte Reich.“

Bammel vor den Israel-Konzerten

Ein wenig mulmig war ihnen dann aber doch vor den drei Konzerten in Tel Aviv, Haifa und Jerusalem. Weil nicht abzusehen war, wie das Publikum reagieren würde. Dann aber sprach Raabe die ersten Worte auf Hebräisch.

Und während der Abende passierte etwas Seltsames: Nicht nur Überlebende des Holocaust waren gerührt, weil sie Lieder ihrer Kindheit hörten. Auch Enkel weinten, weil dass die Schlager waren, die ihre Oma früher beim Spülen gesungen hatte.

Sönke Wortmanns Produktionsfirma Shark TV hat die Musiker bei ihrer Konzerttour 2010 begleitet. So ist Max Raabe einmal ganz privat zu erleben, ohne Frack, ohne Pomade. Die Kamera war immer dabei, auch bei Streifzügen vor die Klagemauer und beim Salzbad im Toten Meer.

Vor allem aber werden die Musiker immer wieder mit Israelis konfrontiert. Und eine ehemalige Berlinerin, die 1936 emigrierte, bringt seine Musik auf den Punkt: „Das darf man als Israeli ja gar nicht sagen. Aber es ist doch ein bisschen Zuhause.“

Überwindung von Vorurteilen

Die so entstandene Dokumentation „Max Raabe in Israel“ wird morgen das 18. Jüdische Filmfestival eröffnen. Einen besseren Auftakt hätte sich das Festival, das von Morgenpost Online präsentiert wird, gar nicht wünschen können.

Weil es all seine Grundthemen – jüdische Identität, deutsche Vergangenheit, das Finden von Gemeinsamkeiten und die Überwindung von Vorurteilen – vereint. Und weil der Star nicht nur auf der Leinwand, sondern dann auch live zu erleben ist.

Dafür wurde der Auftakt extra um einen Tag verschoben: Max Raabe und sein Orchester spielen heute noch in Weimar und reisen dann weiter nach Moskau. Es lag aber auch ihnen am Herzen, diesen Film, der ihre größte Herausforderung wiederspiegelt, persönlich zu präsentieren.

Es ist die 18. Ausgabe des Jüdischen Filmfestivals. „Wir sind“, sagt Nicola Galliner, die Festivaldirektorin, verschmitzt „volljährig geworden.“ In bewährter Manier werden die 25 Lang- und fünf Kurzfilme wieder in Berlin und Potsdam gezeigt: Die Eröffnung wird im Hans-Otto-Theater gefeiert, dann laufen erste Titel vier Tage im Filmmuseum Potsdam, danach eine Woche im Berliner Arsenal und am letzten Tag steigen noch drei weitere Kinos ein.

Hintergründige Provokation

Beim Plakat war man in diesem Jahr ganz mutig. Auf völlig schwarzem Hintergrund liest man vier Worte in Signalgelb: „Mehr Juden ins Kino“. Das führt, wie wir bei Stichproben unter Freunden feststellen, immer wieder zu Irritationen, ja kleinen Schocks.

Erst glaubt man an antisemitische Hetzsprüche, erst dann erkennt man die hintergründige Provokation. Was ist das eigentlich, ein jüdischer Film? Diese Frage hört Nicola Galliner immer wieder.

Es definiert sich, das ist ihre ständige Antwort, nicht über ein Land, eine Sprache oder die Abstammung eines Filmemachers. „Am ehesten lässt sich das“, noch so eine bewusste Provokation, „mit einem Schwulenfilm vergleichen.“

Bestimmend ist allein das Thema. Und das findet in allen Genres Niederschlag, als überdrehte Komödie oder Drama, im Roadmovie, Trickfilm oder auch – im Schwulenfilm.

Moslems, die zu Juden werden

Aus dem Gros der starken Beiträge seien hier nur zwei Spielfilme hervorgehoben: In „David“ gibt ein muslimischer Junge in New York ein jüdisches Gebetsbuch, das liegen gelassen wurde, in einer Synagoge ab.

Erst später bemerkt er, dass er versehentlich den Koran seines Vaters in den Briefkasten geworfen hat. Er will nur das Buch zurück, wird aber für einen Thora-Schüler gehalten und hereingebeten, lernt Gleichaltrige kennen. Und gibt sich plötzlich als Jude aus. Um Freunde zu haben.

Noch weiter geht das französische Drama „Le fils de l'autre“. Bei einem Routine-Bluttest kommt heraus, dass ein 18-jähriger Israeli nicht der Sohn seiner Eltern ist. In den Wirren des ersten Golfkriegs wurden zwei Babys vertauscht: In Wirklichkeit ist er der Sohn zweier Palästinenser.

Für die zwei 18-Jährigen, erst recht für ihre Eltern verändert sich schlagartig alles. Hier werden Identitätsfragen aufgeworfen, werden vermeintlich unüberwindbare Ressentiments hinterfragt. Und vorsichtig schimmert die Hoffnung auf eine friedliche Koexistenz durch.

Schade, dass solche Filme nicht auf herkömmlichem Weg bei uns starten. Umso schöner ist es, dass es ein Festival gibt, auf dem man solche Entdeckungen machen kann. Und wer weiß: Schon öfter war das Festival ein Auslöser, wonach sich ein deutscher Verleih dann doch getraut hat, einen Film ins Kino zu bringen.