Rocker-Razzia

Nach dem Verrat findet Polizei nur Hanteln und Motorräder

In einer groß angelegten Aktion setzt die Berliner Polizei das Verbot der Berliner Hells Angels um. Viel Beweismaterial findet sie nicht.

Am Ende muss alles ganz schnell gehen. Gegen 22.30 Uhr trifft die Polizei Dienstagabend mit rund 50 Beamten an der Residenzstraße 54 in Reinickendorf ein. Ziel ist das Vereinsheim der Hells Angels Berlin City unter der Leitung des Türken Kadir P. Ein Beamter hält ein 38 Seiten starkes Dokument in der Hand und übergibt es später einem Rocker. Es ist die Verbotsverfügung, die Innensenator Frank Henkel (CDU) am vergangenen Donnerstag unterschrieben hat. Weil es offenbar bei der Polizei eine undichte Stelle gab und Informationen vorab durchgesickert waren, musste die Polizei schnell handeln.

Rocker legen Kutten ab

Denn die Hells Angels hatten bereits am Dienstagnachmittag damit begonnen, das Vereinsschild abzumontieren und somit versucht, der Polizei zuvorzukommen. Zudem legten sie ihre Kutten – Lederjacken mit dem Totenkopf mit Flügeln drauf – ab und tauschten ihr berühmtes Erkennungszeichen gegen schlichte weiße T-Shirts. Ursprünglich sollte der Zugriff erst am Mittwochmorgen erfolgen. Doch weil die Polizei beobachtet hatte, dass die Rocker auch Vereinseigentum aus dem Lokal an der Residenzstraße beiseite schafften, wurde die Aktion vorgezogen.

Nun ist der Berliner Ableger der Hells Angels seit Dienstagnacht verboten. Damit werde ein Signal ausgesandt, „dass wir Rechtsbrüche, aus welcher Richtung auch immer, nicht dulden werden“, unterstrich Innensenator Frank Henkel (CDU). Das Verbot von Rockerklubs sei ein notwendiger, „aber gewiss nicht der letzte Schritt im Kampf gegen die Gefahren, die von diesen Gruppierungen ausgehen“. Nach Angaben der Polizei werden den Rockern Gewalttaten, Waffendelikte und Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz vorgeworfen.

Bei ihrem Zugriff in Reinickendorf trafen die Polizisten acht Mitglieder in dem Lokal der Hells Angels an. Die Beamten stellten ihre Personalien fest und begannen damit, das Inventar zu beschlagnahmen. Am darauffolgenden Mittwochmorgen durchsuchten dann von 6 Uhr an insgesamt 550 Polizisten knapp 30 Wohnungen von Mitgliedern der Hells Angels sowie drei Lokale in Reinickendorf und Wedding. Die Durchsuchungen dauerten bis zum Mittwochnachmittag an, so ein Polizeisprecher. Um die groß angelegte Aktion durchführen zu können, waren unter den 550 beteiligten Einsatzkräften auch 150 Spezialkräfte aus anderen Bundesländern angefordert worden.

Da mit einer Verbotsverfügung jeglicher Vereinsbesitz beschlagnahmt wird, fuhren am Mittwochmorgen mehrere Lastwagen an der Residenzstraße vor. Beamte trugen Tische, Stühle, Bänke und Kühlschränke aus dem Lokal heraus. Laut Polizei wurden darüber hinaus mehrere Hieb- und Stichwaffen, ein Gewehr und acht Motorräder beschlagnahmt. Nach Angaben von Berlins Polizeisprecher Stefan Redlich werden die sichergestellten Gegenstände bis nach der Einspruchsfrist eingelagert. Sobald die Frist verstrichen ist, gehen die Gegenstände in staatliches Eigentum über.

Auch die Symbole der Hells Angels Berlin City dürfen von nun an nicht mehr gezeigt werden. An dem Klubhaus an der Residenzstraße übersprühten Beamte deshalb auch die „81“, die für die Anfangsbuchstaben der Hells Angels steht. Dass die Durchsuchungen nicht ohne Widerstand abgelaufen sind, zeigen zahlreiche Strafanzeigen, die von der Polizei geschrieben wurden. Laut Redlich habe es mehrere Verstöße gegen das Waffengesetz, mehrfache Körperverletzung, Beleidigungen sowie Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte gegeben.

Die Polizei hat in Potsdam das Vereinsheim und Fahrzeuge des Rockerclubs Hells Angels durchsucht. Bei der Razzia am Mittwochabend wurden unter anderem Macheten und weitere Stichwaffen sichergestellt, wie ein Polizeisprecher sagte. 21 Rocker waren zu diesem Zeitpunkt in der Bar, festgenommen wurde aber niemand.

Bewegung herrschte auch bei den rivalisierenden Bandidos. Der Bandido-Ableger „South Side“ wechselte nach Informationen von Morgenpost Online kurzerhand zu den Hells Angels in Potsdam, obwohl sich die Berliner Verbotsverfügung nicht gegen sie richtete. Wie diese Zeitung erfuhr, diente dieser Schritt offenbar finanziellen Interessen. Laut einem Beamten seien die Hells Angels unter ihrem Anführer Kadir P. mittlerweile so mächtig geworden, dass man sich dazu entschlossen habe, die Seiten zu wechseln. Ein Sprecher des Potsdamer Polizeipräsidiums bestätigte die Auflösung des Chapters. Dass die Mitglieder zu den Hells Angels übergelaufen sind, konnte er nicht bestätigen.

Brandenburgs Innenminister Dietmar Woidke (SPD) will den kriminellen Berliner Rockern jedoch keinen Unterschlupf gewähren. Brandenburg sei für diese seit Langem „ein ungemütliches Pflaster“, sagte er am Mittwoch. „Wenn sich da jetzt einzelne bei uns eine Art Rückzugsraum versprechen, dann haben sie sich komplett verrechnet“. Brandenburg hatte im August 2009 die Chicanos MC Barnim aus Eberswalde, eine Untergruppe der Bandidos, verboten.

„Keine rechtsfreien Räume“

Andere Bundesländer gehen ähnlich offensiv gegen kriminelle Rocker vor. So wurden in Nordrhein-Westfalen erst Anfang Mai ein Klub der Hells Angels in der Rheinmetropole Köln und ein Unterstützerklub verboten. Nur eine Woche zuvor hatte das Land das Bandidos-Chapter Aachen sowie fünf seiner Unterstützerklubs verboten. Für das dortige Innenministerium waren diese Verbote nur ein Baustein im Kampf gegen die Rockerkriminalität. „Wir dulden keine rechtsfreien Räume und werden weiterhin entschieden gegen sie vorgehen“, ließ Innenminister Ralf Jäger (SPD) mitteilen. Seit dem Verbot seien keine weiteren Rocker-Vereine gegründet worden, hieß es im Innenministerium.

Auch Schleswig-Holstein setzt im Kampf gegen die Rocker auf Verbote von Klubs. Ende Januar ließ Innenminister Klaus Schlie (CDU) eine Gruppe der Hells Angels in Kiel verbieten. Zuvor wurden eine weitere Gruppe der Höllenengel in Flensburg sowie eine der Bandidos in Neumünster verboten. „Die Zeit für ein weiteres Verbot war reif“, sagte Schlie.

mit dpa