Studie

Mehr Tote durch Alkohol am Steuer in Berlin

Jeder neunte Verkehrstote in der Hauptstadt hat vor dem Unfall getrunken. Die Zahl der Verletzten ist ebenfalls gestiegen.

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Vielleicht war es nur ein kleines Bier, das der 19-Jährige am vergangenen Wochenende getrunken hatte, bevor er in sein Auto stieg. Doch nur wenige Augenblicke später raste der junge Mann in der Nacht viel zu schnell über die Hauptstraße in Rummelsburg und verlor die Kontrolle über seinen BMW. Das Auto prallte zunächst gegen einen VW, anschließend schleuderten beide Fahrzeuge gegen einen weiteren BMW. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. Die Polizeibeamten stellten bei ihrer Kontrolle jedoch fest, dass der 19-Jährige 0,3 Promille Alkohol im Blut hatte. Nun droht dem jungen Autofahrer eine entsprechende Strafe.

Solche Vorfälle ereigneten sich im vergangenen Jahr viele Male pro Woche. Insgesamt verursachten 1543 Personen, die zuvor Alkohol konsumierten, Verkehrsunfälle. Das geht aus einer Untersuchung der Berliner Polizei hervor. Zwar machten Unfälle unter Alkoholeinwirkung im Jahr 2011 mit gerade einmal 1,18 Prozent nur einen Bruchteil aller Verkehrsunfälle aus und blieben zudem im Vergleich zu 2010 auf fast demselben Niveau. Doch die genannten Unfälle hatten im vergangenen Jahr weit dramatischere Folgen als noch ein Jahr zuvor. So stieg etwa die Zahl der Schwerverletzten (115 Personen) um 16 Prozent an, die der leicht Verletzten um elf Prozent (516 Personen). Sechs Menschen starben an den Folgen der unter Alkohol verursachten Unfälle. 2010 waren es vier Verkehrstote. „Damit ist jeder neunte Verkehrstote auf Alkoholgenuss und dessen Folgen zurückzuführen“, schreiben die Experten in ihrer Sonderuntersuchung. Insgesamt waren im vorigen Jahr 54 Menschen bei Verkehrsunfällen auf Berliner Straßen ums Leben gekommen.

Mehr Männer als Frauen

Am häufigsten werden die Unfälle von Autofahrern verursacht. Sie tragen in 73 Prozent der Fälle die Schuld. Immerhin bei rund 13 Prozent waren es Radfahrer, bei denen ein erhöhter Promille-Pegel gemessen wurde. In knapp sechs Prozent der registrierten Fälle verursachten betrunkene Fußgänger die Zusammenstöße. In rund drei Prozent der Kollisionen waren Lastwagenfahrer schuld.

Angesichts der überwiegenden Zahl an Berufskraftfahrern können die Polizeiexperten ihre Kritik nicht zurückhalten. Die Tatsache, dass diese Gruppe überhaupt in der Statistik auftauche, „stimmt nachdenklich“, sagen die Experten. Besorgniserregend sei zudem, dass die Alkoholsünder häufig vom Unfallort flüchten würden. Knapp jeder Dritte (29 Prozent), der unter Alkoholeinfluss einen Unfall verursachte, beging Fahrerflucht.

Wie in der Vergangenheit auch sind in der Regel männliche Autofahrer die Unfallverursacher. Nur knapp jeder fünfte Verursacher ist laut Untersuchung eine Frau. Ob Frauen vernünftiger sind, lasse sich aus dem Datenmaterial nicht nachvollziehen, schreiben die Experten. „Ebenso wenig wie die Aussage, dass Frauen rücksichtsvoller und verantwortungsbewusster fahren“, heißt es weiter. Tatsache ist, dass die Altersgruppe der Frauen zwischen 41 und 50 Jahren mit 28 Prozent besonders stark vertreten ist. Bei den Männern zwischen 20 und 50 Jahren sind die Werte nahezu ausgeglichen.

Zwischen den verschiedenen Bezirken variieren die Unfallzahlen stark. Spitzenreiter mit 129 alkoholisierten Unfallverursachern ist Neukölln. Es folgen Spandau mit 121 Fällen, Reinickendorf (101) und Charlottenburg (96 Verursacher). Relativ wenige Unfälle ereigneten sich in Zehlendorf (24) und Weißensee (26). Durchschnittlich ereigneten sich somit 128 Verkehrsunfälle pro Monat.

Während vor allem in den Sommermonaten die Zahl der Unfälle mit alkoholisierten Radfahrern zunimmt, steigen die Unfallzahlen bei den Autofahrern witterungsbedingt zum Jahresende. So liegt der Oktober mit 169 Unfällen an der Spitze.

Große Gefahr besonders nachts

Erfahrungsgemäß ereignen sich die meisten Verkehrsunfälle unter Alkoholeinfluss an den Wochenenden, insbesondere im Zeitraum zwischen 20 Uhr und 6 Uhr morgens. Zu Spitzenwerten kommt es laut dem Sonderbericht der Polizei jedoch auch in einzelnen Bezirken jeweils in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Für die überwiegende Zahl der Verursacher dürften die Unfälle schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen. Denn nur in etwa acht Prozent der Fälle lagen die Promille-Werte unter 0,5 Prozent.

Sobald jedoch ein Unfall verursacht wird, drohen laut Bußgeldkatalog bereits ab einem Wert von 0,3 Promille sieben Punkte in Flensburg sowie eine Geldstrafe und der Entzug des Führerscheins. Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer (UDV) sieht in der 0,5-Promille-Grenze ein Problem. „Damit werden die Menschen geradezu verführt, sich an diese Grenze ,heran zu trinken'“, kritisiert der UDV-Experte.

Niemand könne genau einschätzen, ab wann die Grenze erreicht sei. Auch bei Menschen, die regelmäßig Alkohol trinken und daran gewöhnt sind, bestehe die Gefahr, dass auch größere Mengen getrunken werden könnten ohne betrunken zu wirken. „Die Ausfallerscheinungen treten aber dennoch auf“, sagt der Unfallforscher. Laut seiner Einschätzung müsse die Botschaft deshalb eindeutig sein: „Kein Alkohol am Steuer“, sagt Siegfried Brockmann.