Biennale

Neue Mauer teilt die Berliner Friedrichstraße

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Eva Lindner

Foto: Marlen Gawrisch

Die mazedonische Künstlerin Nada Prlja will mit ihrer "Peace Wall" auf die Kluft zwischen Arm und Reich aufmerksam machen.

22 Jahre nach dem Fall der Mauer hat der sowjetische Soldat diese wieder fest im Blick. Der junge russische Uniformträger auf dem Bild des Künstlers Frank Thiel am Checkpoint Charly blickt zurzeit in Richtung einer Mauer, die die Friedrichstraße teilt. Etwa 150 Meter südlich des ehemaligen Grenzübergangs verläuft seit Kurzem eine mehr als fünf Meter hohe, elf Meter breite und einen Meter dicke Straßensperre von Bürgersteig zu Bürgersteig. Fahrradfahrer umkreisen irritiert das Wellblechgerüst, Passanten suchen nach einer Erklärungstafel, ein Tourist fragt auf Englisch, ob das ein Teil der echten Mauer sei. Das Gebilde auf Höhe des Besselparks sorgt für Verwirrung.

Der Verursacherin würde das vermutlich gefallen. Die „Peace Wall“ ist das Werk der mazedonischen Künstlerin Nada Prlja, im Zuge der siebten Berlin-Biennale (bis 1. Juli) hat sie die Barrikade aufgestellt. Die Künstlerin will damit auf die gesellschaftliche Spaltung aufmerksam machen, die die Friedrichsstraße in zwei soziale Hälften teilt.

"Weg damit"

Die meisten Touristen lernen die zentrale Nord-Süd-Achse meist nur als Prachtstraße mit edlen Boutiquen, teuren Restaurants und dem Admiralspalast kennen. Der Checkpoint Charly gilt als die südlichste Attraktion. Hier streiten sich täglich grölende Bierbike-Fahrer und Sightseeing-Busse um die Vorfahrt, umlagert von knipsenden Berlin-Besuchern. Kaum einer interessiert sich für die Realität weiter südlich. Hier beginnt eine Art Parallelwelt, ein Problembezirk mit einer hohen Arbeitslosenrate und einem Migrantenanteil von 70 Prozent. Von fast jedem Balkon der Sozialwohnungen ragen Satellitenschüsseln über die Brüstungen, in den Schaufenstern wird Billig-Bekleidung oder gebrauchtes Geschirr aus dem Sozialkaufhaus angeboten.

Prljas Friedensmauer will auf die unsichtbare Teilung zwischen Arm und Reich an der Friedrichstraße aufmerksam machen. Das Wellblech der Barrikade erinnert an die ärmsten Gegenden der Welt, in denen sich Menschen darunter vor Regen und Sonne schützen, aber auch an sogenannte Gated Communities, in denen Reiche sich durch hohe Mauern vor den Armen abschirmen.

„Sieht doch ganz schön aus“, sagt eine Touristin aus Baden-Württemberg. So denken wohl nicht alle, denn schon prangen die ersten gesprühten Meinungen zu dem Kunstwerk: „Mauern sind hässlich“ und „Weg damit“ steht in weißer Farbe geschrieben. Auch die Behörden waren nicht unbedingt begeistert von dem Projekt der in London lebenden Künstlerin. Wochenlang musste sie mit Schulen, Interessensgruppen und mit Privatleuten diskutieren, bis ihr die Errichtung schließlich bewilligt worden ist. Der Soldat vom Checkpoint Charly wird das Kunstwerk also noch ein paar Wochen im Auge behalten müssen.