Wahre Werte

Leistung lohnt sich doch

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Regina Köhler

Foto: Reto Klar

Wir stellen Menschen vor, die für wahre Werte stehen.

Wenn Radmila Grawwert vor der Bürotür ihrer Chefin steht, ist es vier Uhr morgens. Sie schließt auf, knipst das Licht an und leert den Papierkorb, sie wischt die Schreibtischplatte und saugt den dunkeln Teppich. Wenn sie fertig ist, die Tür hinter sich ins Schloss gezogen hat, ist es am besten, man sieht nicht, dass sie überhaupt da war. Sie achtet penibel darauf, dass nach dem Putzen alles wieder an seinem Platz liegt. Die Frau, die den Schreibtisch der Chefin so gut kennt, als würde sie selbst daran sitzen, arbeitet nachts. Für Janina Bachmann-Graffunder, die Chefin, ist sie unsichtbar.

Während die eine putzt, schläft die andere noch. Beide Frauen arbeiten im Hotel NH Berlin Alexanderplatz an der Landsberger Allee. Die 38-jährige Radmila Grawwert ist Putzfrau, Janina Bachmann-Graffunder, sie ist 37 Jahre alt, Hoteldirektorin. Getroffen haben sie sich noch nie. Radmila Grawwert weiß deshalb nicht, dass die Chefin bei der Arbeit grundsätzlich Kostüm und hochhackige Schuhe trägt und akkurat frisiert ist. Janina Bachmann-Graffunder kennt die kleine Frau mit den schwarzen Haaren nicht, der man auf den ersten Blick kaum zutraut, dass sie jede Nacht viel und schnell sauber machen kann.

Bei Janina Bachmann-Graffunder klingelt der Wecker um sechs Uhr morgens. Um diese Zeit hat Radmila Grawwert, deren Arbeit um 24 Uhr beginnt, ihr Pensum fast geschafft. Sie muss nur noch den Fußboden der Hotellobby reinigen – 150 Quadratmeter, viele Ecken und Kanten. Erst scheuert und wischt sie den Steinbelag, dann greift sie sich die elektrische Poliermaschine. Die schiebt sie mit Schwung über den Steinfußboden. Polieren ist die Arbeit, die ihr am meisten Spaß macht, sagt sie. „Ich mag es, wenn alles glänzt.“

Gegen 7.15 Uhr trinkt Janina Bachmann-Graffunder ihren Morgenkaffee, gemeinsam mit ihrem Mann. „Das ist ein Ritual für mich“, sagt sie. „Wir reden dann viel, das hilft mir, Dinge zu klären.“ Radmila Grawwert ist um diese Zeit gerade dabei, den Wagen mit den Putzutensilien zu inspizieren. Sie wechselt die Lappen aus, legt Papier nach, säubert die vier Putzeimer und bugsiert den Staubsauger an den richtigen Platz, damit für die nächste Schicht alles vorbereitet ist. Dann schiebt sie den Wagen in einen kleinen Raum im Erdgeschoss.

Dort zieht sie sich auch um. Sie zieht ihre weißen Turnschuhe aus – die trägt sie, weil sie darin schnell und sicher laufen kann – und die Straßenschuhe an, schlüpft in die Jacke und kämmt sich die Haare. Die blaue Latzhose behält sie an, die wird erst zu Hause ausgezogen. Ein letzter prüfender Blick auf den Wagen. Dann betritt sie den noch leeren Flur. Sie geht an den Konferenzräumen vorbei, die sie auch in dieser Nacht wieder geputzt hat, quer durch die frisch polierte Lobby.

Janina Bachmann-Graffunder überlegt sich um diese Zeit, welches Kostüm sie anziehen sollte. Sie hat bereits eine Runde mit Bella gedreht, ihrer kleinen Mischlingshündin. Um 8.30 Uhr setzt sie sich in ihren Dienstwagen und fährt ins Hotel.

Dass der Papierkorb geleert ist, zeigt, dass die Putzfrau da war

Ihr erster Weg führt ins Büro. Das befindet sich im ersten Stock des Hotelgebäudes. Es misst nur 6,5 Quadratmeter und ist meist voll gestellt mit Kisten, Dekorationsmaterial und Süßigkeiten für die Mitarbeiter. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Unterlagen, Rechnungen, Anfragen. Der Computer hat kaum noch Platz.

Beim Eintreten sieht Bachmann-Graffunder sofort, dass der Papierkorb geleert worden ist. Das ist für sie das Zeichen dafür, dass die Putzfrau da war. „Frau Grawwert ist für mich wie eine Fee, die unsichtbar Gutes bewirkt“, sagt sie. Es sei ein angenehmer Start in den Tag, wenn sie morgens ein ordentlich geputztes Büro vorfinde.

Bachmann-Graffunder weiß den Einsatz ihrer Putzfrau zu schätzen. Gleichzeitig lässt sie keinen Zweifel daran, dass sie auch vom Reinigungspersonal eine hohe Leistungsbereitschaft erwartet. Wie von all ihren Mitarbeitern und nicht zuletzt von sich selbst.

Für Radmila Grawwert ist das selbstverständlich. Denn so unterschiedlich ihre Lebenswege auch sind und die Arbeit, die sie machen, eins haben sie und ihre Chefin gemeinsam: den Willen, ihre Tätigkeit so gut wie möglich zu erledigen. Beide sind leistungsbereit, bezeichnen Fleiß und Disziplin als notwendige Voraussetzungen dafür, im Beruf erfolgreich zu sein. Negative Assoziationen wie Stress oder Druck haben sie nicht, wenn es um Leistung geht. Ihre Arbeit macht ihnen Spaß.

Das geht nicht allen Deutschen so. Viele beklagen einen zunehmenden Leistungsdruck – eine wesentliche Ursache für die Burnout-Erkrankung, die immer öfter diagnostiziert wird. Immer öfter kommt es vor, dass Menschen psychisch am Ende sind und die Leistung nicht mehr bringen können, die von ihnen erwartet wird. Körperliche Beschwerden wie Bluthochdruck, Kreislaufprobleme oder Schlafstörungen, aber auch Depressionen sind die Folge. Leistungsanforderungen werden als Bedrohung erlebt.

Radmila Grawwert weiß, was sie geleistet hat, wenn sie nach der Nachtschicht das Hotel verlässt. Sie sieht es nicht nur beim Blick auf den glänzenden Steinfußboden, sie spürt es auch im Kreuz, in den Armen und Beinen. Es ist kurz vor halb acht, draußen ist es bereits hell. Sie läuft ein kurzes Stück die Landsberger Allee entlang, neben ihr lärmt der Berufsverkehr, die Leute fahren zur Arbeit. Radmila Grawwert nimmt die S-Bahn, ein paar Stationen und sie ist zu Hause.

Wenn sie an der Haustür klingelt, öffnet ihr Mann, er hat Kaffee gemacht und Brötchen geholt. Bevor die beiden jüngsten Kinder, die Zwillinge Angelina und Alexander, zur Schule müssen, wird gefrühstückt. Später zieht Radmila im Schlafzimmer die Gardinen zu und versucht, den Nachtschlaf nachzuholen. Das gelingt ihr nicht immer. Manchmal ist es draußen zu laut, manchmal gehen ihr die Probleme der Kinder nicht aus dem Kopf. Nachts zu arbeiten strengt an. Für den Körper ist das eine zusätzliche Belastung. „Ich habe mich immer noch nicht ganz daran gewöhnt“, sagt Grawwert.

Ein Leben ohne Arbeit kann sie sich trotzdem nicht vorstellen. „Jeder Mensch braucht doch eine Aufgabe“, sagt sie. Dabei will sie nicht einfach nur ihren Job machen, sondern immer auch ihr Bestes geben. Das hat sie von ihrer Mutter gelernt. Die ist ihr Vorbild. „Meine Mutter hat ihr Leben lang gearbeitet und zwar so, dass alle mit ihr zufrieden waren“, sagt sie.

Auch Janina Bachmann-Graffunder hat sich am Lebensmodell ihrer Mutter orientiert. „Meine Mutter ist eine starke Frau. Selbst als wir Kinder noch klein waren, war sie voll berufstätig“, sagt sie. Die Mutter sei als Stewardess viel unterwegs gewesen. Zu Hause habe sie trotzdem alles im Griff gehabt. „Dabei war sie immer gut gelaunt und sehr gepflegt.“ Janina Bachmann-Graffunder ist voller Bewunderung für die Mutter. Einmal im Monat trifft sie sich mit ihr. Oft reden die beiden Frauen dann über die Arbeit im Hotel. Probleme werden gewälzt, Lösungen in Betracht gezogen.

Radmila Grawwerts Mutter war Reinigungskraft, allerdings in Serbien, wo Radmila aufgewachsen ist – zusammen mit vier Geschwistern und ohne den Vater, der früh gestorben war. „Ich habe schon als kleines Kind angefangen, zu Hause zu helfen“, sagt Radmila. Oft habe die Mutter sie mitgenommen, wenn sie bei anderen Familien sauber gemacht hat. Radmila hat dann zugeschaut, manchmal durfte sie Staub wischen. „Das war eine Auszeichnung für mich. Ich wollte es jedes Mal so gut wie möglich machen“, sagt sie. Das Schönste für die Mutter war, wenn die Leute mit ihrer Leistung zufrieden waren. Dann wurde sie weiter empfohlen. Das bedeutete mehr Geld für die Familie.

Bettina Hannover, Psychologin an der Freien Universität Berlin, hält es für lebenswichtig, dass Menschen Leistungen vollbringen können. „Wer keine Ziele hat und keine Chance, Ergebnisse vorzuweisen, der wird depressiv“, sagt sie. Das Streben danach, etwas zu erreichen – in der Ausbildung, im Sport, in der Partnerschaft – halte die Menschen am Leben und gebe ihnen den nötigen Schwung, ihren Alltag zu meistern.

Die Wissenschaftlerin findet es daher keineswegs falsch, dass wir uns in unserer Gesellschaft über Leistung definieren. „Dieses Grundprinzip ermöglicht es, dass jeder sein Schicksal in die Hand nehmen kann. Was er bekommt, basiert auf seiner Leistung“, sagt sie. Dabei sei es besonders motivierend, wenn die Menschen Standards und Ziele, die sie im Beruf erreichen wollen, selbst festlegen können. „Müssen sie hingegen nur das abarbeiten, was andere vorgeben, kann das zu Leistungsdruck führen.“

Die Psychologin hat die Erfahrung gemacht, dass es vor allem mittelschwere Ziele sind, die Menschen zu Höchstleistungen treiben. Zu leichte oder zu schwere Ziele würden indes eine Unter- oder Überforderung bewirken. Und noch etwas sei wichtig. Die Gesellschaft müsse dafür sorgen, dass jeder Mensch am Leistungsprinzip teilhaben kann. „Oberstes Ziel muss es sein, allen Arbeit zu verschaffen. Jeder will gebraucht werden, will leisten, was ihm möglich ist“, sagt Hannover. Hartz-IV sei gut. Doch ohne eine alternative Lebensperspektive demotiviere dieses Unterstützungssystem die Menschen, vor allem Jugendliche.

Eltern legen einem Kind das Streben nach Leistung in die Wiege

Möglichst gute Leistung zu bringen, war auch für Janina Bachmann-Graffunder von klein auf selbstverständlich. „Mein Vater hat drei Schichten gearbeitet und nebenbei noch studiert. Das hat mich beeinflusst“, sagt sie. Die 37-Jährige ist überzeugt, dass es die Eltern sind, die einem Kind das Streben nach Leistung in die Wiege legen. „Was Vater und Mutter vorleben, das prägt“, sagt sie. Nach dem Abitur hat Janina Bachmann-Graffunder zunächst eine Ausbildung als Hotelfachfrau gemacht. „Wir mussten die Badezimmer mit der Zahnbürste putzen und im Akkord Betten beziehen“, sagt sie. Trotz dieser Erfahrungen blieb sie der Branche verbunden. Etliche Jahre hat sie in verschiedenen Berliner Hotels im Vertrieb „geschuftet wie nur was“. Arbeitszeiten seien nicht relevant gewesen. „Das ging von morgens um acht bis abends 20 Uhr und länger.“ Durchgehalten habe sie, „weil wir im Hotel wie eine große Familie waren und uns gegenseitig den Rücken gestärkt haben.“

Im Juni 2006 begann Bachmann-Graffunder ihre Arbeit bei der NH Hotels GmbH. Zunächst war sie viel im Ausland unterwegs, um Gäste zu akquirieren. „Bis ich eines Tages aufgewacht bin und nicht mehr wusste, in welchem Hotel und in welchem Land ich war. Da habe ich gewusst, dass es nun genug ist, mit der Herumreiserei.“ Bachmann-Graffunder wurde Hoteldirektorin. Einige Jahre lang leitete sie in Berlin sogar zwei Häuser der NH-Kette. Gleichzeitig studierte sie an der Europäischen Wirtschaftsfachschule Betriebswirtschaft.

Seit 2010 ist die energiegeladene Frau mit dem schwarzen Bubikopf Chefin des Hauses an der Landsberger Allee, zuständig für 49 Mitarbeiter. Gute Leistung zu bringen, heißt für sie in dieser Position, jeden Tag mehr als hundert Prozent zu geben. „Als Direktorin bist du das Aushängeschild deines Hauses, Vorbild für die Mitarbeiter, verantwortlich dafür, dass viele Gäste kommen.“ Bachmann-Graffunder arbeitet jeden Tag zehn Stunden, ist von morgens bis abends im Hotel. Präsent zu sein gehört für sie zu ihrem Job. In Notsituationen greift sie auch mal zum Tablett und hilft den Kellnern. „Ich habe ja von der Pike auf gelernt und kann das richtig gut“, sagt sie.

Mit vollem Einsatz bei der Arbeit ist auch Radmila Grawwert. Die 38-Jährige liebt ihren Beruf. Sie hat schon überall geputzt, in Amtsstuben, in Privathaushalten, im Krankenhaus. „Wie früher meine Mutter habe ich jedes Mal versucht, die Arbeit so gut wie möglich zu machen“, sagt sie. Radmila Grawwert wird nach Tarif bezahlt. Pro Stunde bekommen Reinigungskräfte in Berlin etwa neun Euro. Für Nachtarbeit gibt es besondere Zuschläge. Hoteldirektorin Bachmann-Graffunder verdient ein Vielfaches. Sie wird außertariflich bezahlt. Im konkreten Fall hängt das Gehalt eines Hoteldirektors von der Größe des Hauses ab, das er leitet und davon, wie groß Umsatz- und Personalverantwortung sind. Was dann auf dem Gehaltszettel steht, unterscheidet sich aber auch noch von Firma zu Firma. Beide Frauen sind mit ihrem Einkommen jedenfalls zufrieden. Sie haben das Gefühl, dass ihre Leistung belohnt wird. Radmila Grawwert sagt, dass sie sogar mehr verdiene als viele ihrer Bekannten, die in der Reinigungsbranche arbeiten.

Die Tochter soll später einmal vielleicht studieren

Auch bei ihren eigenen Kindern legt Radmila großen Wert auf gute Leistungen. Ihr Mann und sie sind im vergangenen Sommer extra von Neukölln nach Treptow gezogen, weil sie dort eine gute Schule für die Zwillinge gefunden haben.

Ihren ältesten Sohn, der ihr beruflich nacheifern will, hat Radmila kürzlich mit zur Arbeit genommen. Der 21-jährige Milisav musste eine Nacht lang schrubben, bohnern und polieren. Alles unter dem kritischen Blick seiner Mama. Die war am Ende mit ihm zufrieden. „Ich habe gesehen, dass er sich Mühe gibt und gute Arbeit leisten will. Deshalb habe ich nichts dagegen, dass er in die Reinigungsbranche gehen will“, sagt sie.

Für ihre Tochter hat Radmila Grawwert allerdings andere Pläne. „Sie soll einen guten Schulabschluss machen und später vielleicht mal studieren“, sagt sie. Und auch sie selbst hat das Ziel, noch einmal zur Schule zu gehen. Wenn die Kinder groß sind, will sie eine Ausbildung zur Pflegekraft machen. „Das ist schon seit Jahren mein Wunsch“, sagt sie. Inzwischen könne sie auch gut genug Deutsch, um eine Ausbildung zu absolvieren.

Janina Bachmann-Graffunder kann sich dagegen nicht vorstellen, die Branche zu wechseln. Sie arbeitet zwar an zwei bis drei Tagen im Monat auch noch als Dozentin an der NH-University. Dort bildet sie Nachwuchskräfte aus. Hoteldirektorin aber ist das, was sie bleiben will. „Das ist mein Job, den mache ich mit Herz und Seele“, sagt sie.

Mindestens zwei Jahre möchte Bachmann-Graffunder das NH Berlin Alexanderplatz noch führen. „Danach könnte es ruhig ein größeres Haus sein“, sagt sie. Ob das in Berlin ist oder anderswo in Deutschland, spielt keine Rolle. Sie ist flexibel. Bleibt die Frage, wie sie es schafft, täglich mehr als hundert Prozent zu geben. Wird das nicht irgendwann zu viel? Bachmann-Graffunder schüttelt energisch den Kopf. „Dieser Job ist einfach mein Ding“, sagt sie. Kraft schöpft sie sonntags. Diesen Tag hält sie sich möglichst frei. „Das ist der Tag für mich und meinen Mann, der ist mir heilig.“

Kraft geben ihr aber auch Begegnungen mit Menschen, die einen ganz anderen Lebensentwurf haben. Dazu gehört ihr Bruder, der Musiker ist. „Er hat eine künstlerische Seele, Gespräche mit ihm stärken mich.“ Ärgerlich sei nur, dass künstlerische Leistungen in der Gesellschaft nicht ausreichend gewürdigt werden, findet Bachmann-Graffunder. Oft fehle das Verständnis dafür. „Viele Künstler müssen deshalb von der Hand in den Mund leben, obwohl sie Großartiges leisten.“

Die Hoteldirektorin und ihre Putzfrau haben sich inzwischen kennen gelernt. Für das Foto zu diesem Artikel haben sie sich zum ersten Mal getroffen. Bachmann-Graffunder war erfreut darüber, ihre unsichtbare Fee endlich leibhaftig zu Gesicht zu bekommen. Die wiederum fand es motivierend, zu wissen, für wen sie sauber macht. Auch wenn sie weiter zu unterschiedlichen Zeiten arbeiten werden, wollen die beiden Frauen einander nicht mehr aus den Augen verlieren.