Wahre Werte

Der Mut zur Ehrlichkeit

Wir stellen Menschen vor, die für wahre Werte stehen.

Foto: Reto Klar

„Es gehört Mut dazu, die Wahrheit zu sagen, wenn sie missfällt. Deshalb ist Mut ein Element, das die Wahrheit ergänzt, ebenso wie die Rücksicht auf den, der die Wahrheit erfährt oder aber der die Wahrheit gar nicht erfahren will. Denn es gibt auch ein Recht auf Nicht-Wissen.“ (Ulrich Wickert in „Das Buch der Tugenden“)

Es ist ein Ausnahmezustand, ein Moment, in dem es um Leben und Tod geht. Für die Frauen, die gleich die Diagnose hören werden, gibt es keine Nuancen. Schwarz oder weiß, Himmel oder Hölle. Gutartig oder bösartig. Und deshalb kommt es auf jede Nuance an. Anke Kleine-Tebbe wird darauf achten. Fünf, manchmal acht Mal in der Woche muss die Chefärztin am Brustzentrum der DRK Kliniken Berlin in Köpenick Frauen mit dem Befund Brustkrebs konfrontieren. Sie wird nicht von einem Tumor sprechen, nichts mit Worten verschleiern. Absolute Ehrlichkeit, das ist ihr Anspruch, das werde von ihr als Ärztin erwartet, sagt die 48-Jährige.

Vor jedem Gespräch hält sie einen Moment inne, sammelt sich, konzentriert sich, dann bittet sie die Patientin ins Zimmer. Es ist ein klarer, heller Raum mit weißen Möbeln und einigen Farbtupfern in Pink und Violett. An den Wänden hängen Zeichnungen ihres Bruders. Das lenke manchmal ab, sagt die Ärztin, weil die Frauen sich zunächst für den Künstler und die Bilder interessierten.

Das Gespräch beginnt meist unverfänglich. Vielleicht mit einer Frage, ob die Patientin nach den Untersuchungen geschlafen habe, wie sie sich fühle. Eine Aufwärmphase. Erst dann kommt der entscheidende Satz. „Ich habe leider keine guten Nachrichten für Sie.“ Das ist der Moment, in dem sich der Boden unter der Patientin auftut und der freie Fall beginnt. Auf einmal ist nichts mehr, wie es war. Die Frauen reagieren entweder resigniert, wie die 65-Jährige, die tonlos hervorbringt: „Das habe ich mir schon gedacht.“ Oder fassungslos, wie das junge Mädchen, Anfang 20, das keine Sekunde mit dieser Diagnose gerechnet hatte und nun weinend zusammenbricht.

Diese Ehrlichkeit, mit der Ärzte heute die Patienten über ihren Zustand aufklären, war nicht immer selbstverständlich. Vor mehr als 30 Jahren blieb die Diagnose für die Betroffenen oft im Dunkeln. Das zeigt zum Beispiel eine Geschichte an einer anderen Klinik, die der Ärztin von einer jungen Frau erzählt wurde, die Angst hatte, das Schicksal ihrer Oma zu teilen. Die 70-Jährige war mit dem Verdacht auf Lungenentzündung eingeliefert worden. Elf Jahre zuvor war die alte Dame an Brustkrebs erkrankt. Nach einer Amputation schien der Krebs besiegt. Doch nun zeigten die Röntgenaufnahmen, dass sich Metastasen in der Lunge gebildet hatten. Ein halbes Jahr gaben ihr die Ärzte noch. Die Angehörigen wurden gefragt, ob sie der Patientin die Wahrheit sagen sollten. Zehn Minuten bekamen sie Zeit, um ihre Entscheidung zu treffen. Nach einem Rundgang durch den Klinikpark beschlossen sie, ihr nicht die Wahrheit zu sagen.

Mit der Diagnose „chronische Bronchitis“ wurde die 70-Jährige entlassen, sichtlich erleichtert. Sie begann wieder zu rauchen und zu verreisen. Alle ermutigten sie dazu, das zu tun, worauf sie Lust habe. Sie logen ihr mit bestem Gewissen ins Gesicht. Kurz vor Ablauf des halben Jahres verschlechterte sich ihr Zustand bei einem Aufenthalt an der Ostsee so schnell, dass sie sofort abgeholt werden musste. Fünf Tage und etliche Morphiumspritzen später starb sie in der Wohnung der Tochter. Bis zum Schluss versuchte sie, allein zurechtzukommen.

„So ein Fall wäre heute nicht mehr denkbar“, sagt Anke Kleine-Tebbe. Tatsächlich sei es früher öfter vorgekommen, dass die Diagnose im Verborgenen blieb. Der Arzt, die Autorität in Weiß, werde es schon richten, davon gingen die Patienten aus. Das habe sich komplett geändert. Heute sei der betroffene Mensch der Ansprechpartner. Der entscheide auch darüber, wer von den Familienangehörigen etwas erfahren dürfe.

„Wozu hat die Lüge geführt?“, gibt die Ärztin zu bedenken. Die alte Dame habe sicherlich ein schönes halbes Jahr gehabt. Gelitten hätte aber die Tochter. Darunter, nicht ehrlich gewesen zu sein, sich nicht von der Mutter verabschieden und keine Angelegenheiten über den Tod hinaus regeln zu können. Sie wolle nicht beurteilen, was besser oder schlechter sei: Aber heute zählten das Selbstbestimmungsrecht des Patienten und sein Recht, mit einer Patientenverfügung darüber zu entscheiden, ob Maschinen sein Leben verlängern oder nicht.

Das Leid wird nicht kleiner, wenn es auf andere Schultern verteilt wird. Ehrlichkeit hat ihren Preis. In diesen beiden Fällen zahlen ihn entweder die Patienten oder die Angehörigen. Doch eines bleibt immer gleich: Mut, so findet die Ärztin, müssten immer beide Seiten für das Gespräch aufbringen. Der, der die Wahrheit ehrlich ausspricht und weiß, dass er damit binnen Sekunden Lebensträume zerstören kann. Und der, der sie zu hören bekommt und sich der Wahrheit stellt, sie annimmt, damit weiterleben muss.

Manchmal ist es höflicher, die Wahrheit nicht zu sagen

Ein Dilemma, dem man sich in anderen Situationen auch leicht entziehen kann. Ist es nicht manchmal höflicher, die Wahrheit nicht zu sagen? Eine Verkäuferin, zum Beispiel, wird der Kundin genau das sagen, was sie hören will. „Das Kleid ist wie für Sie gemacht“, dieser Satz ist ihr Weg zum Verkaufserfolg.

Ähnlich handhaben es die Politiker. Im Wahlkampf sprechen sie mit Volkes Stimme, einmal im Amt, zählen Haushaltsetats, Sparklausuren und Parteidisziplin. Die Ernüchterung kommt bei den Umschmeichelten erst, wenn die Verkäuferin bereits ihren Umsatz abgerechnet hat und der Politiker im Parlament sitzt. Auch in der Werbung wird uns wissentlich der schöne Schein vorgegaukelt. Seltsamerweise schmecken der Frischkäse, der Schokoriegel oder die Limonade zu Hause ganz anders als offenbar auf der saftig-grünen Alm oder auf dem weißen Sofa in dem durchgestylten Townhouse.

„Zielorientiert“, nennt Anke Kleine-Tebbe diesen Umgang mit der Ehrlichkeit. Sie könne dieses Flunkern, Überhöhen oder Verschleiern bis zu einem gewissen Maß akzeptieren. Es gehöre dazu, jeder wisse es. Mit Sicherheit sind Lügen aus Höflichkeit oder Schmeicheleien auch gesellschaftlich akzeptiert – beim Small Talk, im Kollegenkreis und in den unzähligen Talkshows.

Ehrlichkeit ist eine Gratwanderung. Sich selbst gegenüber und dem anderen gegenüber. Auch in der Partnerschaft. Da neige sie doch eher dazu, etwas wegzulassen oder nicht so deutlich auszusprechen, um den anderen zu schonen, sagt die Ärztin. Ehrlichkeit könne auch verletzten. „Schatz, du siehst heute scheußlich aus“ – so ein Spruch mache nicht gemeinsam glücklich, findet sie.

In anderen Bereichen macht sie keine Kompromisse mit der Ehrlichkeit. Nach einigen Beziehungen mit Männern hat sie sich im zweiten Semester ihres Medizinstudiums in eine Frau verliebt, und „das ist dann so geblieben“. Ein Jahr habe es gedauert, bis sie es ihrer Mutter erzählt habe, die „nicht so ganz begeistert war“. Seit 26 Jahren lebt die Charlottenburgerin jetzt in dieser Partnerschaft. Berlin mache es ihr leicht, sagt sie. Manchmal, wenn sie eine Feier macht, lädt sie Freunde und Kollegen zu sich nach Hause ein. Dann öffnet sie für die, die sie nicht so gut kennen, ein Türchen zu ihrem Privatleben. In der konkreten Situation, so erzählt sie, würden die Gäste dann feststellen, dass sich ihre Partnerschaft überhaupt nicht von anderen unterscheide.

Eigentlich wollte Anke Kleine-Tebbe Kinderärztin werden. Doch als sie merkte, dass die Kinder häufig nur ausgetrickst werden, damit der Arzt in einem abgelenkten Moment die Spritze geben konnte, überlegte sie es sich anders. Sie wollte im Beruf mit den Patienten arbeiten, sie begleiten, sie stärken, auf ihre Gefühle eingehen. „Die Krebsdiagnose ist ein sehr intensiver, intimer Moment“, sagt Anke Kleine-Tebbe.

In Berlin erkranken 2500 Frauen jährlich an Brustkrebs. In mehr als 85 Prozent ist die Krankheit heute heilbar. In den meisten Fällen werden sie in einem der neun stadtweiten Brustzentren behandelt. „Der Vorteil unseres kleinen Teams in unserem Brustzentrum in Köpenick ist, dass ich alle Patientinnen persönlich kenne“, sagt die Chefärztin. Das mache es ihr möglich, auf sie einzugehen, während der Voruntersuchung, im Diagnosegespräch und bei der Therapie.

Die Diagnose wollen alle Frauen wissen

Wer in das Brustzentrum kommt, hat einen unklaren Befund. Entweder haben die Frauen einen Knoten getastet oder der Frauenarzt. „Jede, die hier ist, will wissen, woran sie ist, ob die Veränderung gutartig oder bösartig ist“, sagt Anke Kleine-Tebbe. Sie habe noch keine Frau erlebt, die nicht mit ihrer Diagnose konfrontiert werden wollte. „Sagen Sie es nicht meinem Mann“, dieser Satz hingegen falle ab und zu.

Jede Frau reagiert allerdings anders und nimmt die Krankheit anders an. Einer älteren Patientin musste die Ärztin zur Amputation raten. Für diese Fälle hat sie einen Bildband auf dem Regal hinter ihrem Schreibtisch, der starke, positive Frauen nach einer Brustamputation mit nacktem Oberkörper zeigt. „Das sind tolle Bilder, die Mut machen“, sagt die Gynäkologin. Sie fragte die Patientin, ob sie sie sehen wolle. Doch die Frau, Mitte 60, hatte nicht die Kraft dazu. Drei Tage später, beim OP-Vorbereitungsgespräch, konnte sie sich doch der Wahrheit stellen. „Das hätte ich mir schlimmer vorgestellt“, war ihre Reaktion.

Besonders nah ist ihr die Krebsdiagnose bei der jungen Frau gegangen, die überhaupt nicht damit gerechnet hatte. Sie glaubte fest an eine Zyste, eine häufige gutartige Veränderung. Sorglos ließ sie alle Untersuchungen wie Ultraschall und Gewebeprobe über sich ergehen. Anke Kleine-Tebbe sah bereits, wie sich die klinischen Anzeichen für Krebs verdichteten. In anderen Fällen hätte sie ihre Vermutung bereits ausgesprochen. Nicht so in diesem Fall. Sie behielt ihre erste Einschätzung zunächst für sich, bis es nach der Gewebeuntersuchung keinen Zweifel mehr gab. So sorglos das junge Mädchen erst war, so schwarz sah es angesichts der Diagnose. „Ich bin doch noch so jung, kann ich mein Leben noch leben?“, fragte sie verzweifelt.

Ein Drittel der Frauen bricht nach dem Satz „Ich habe leider keine guten Nachrichten“ in Tränen aus. Anke Kleine-Tebbe geht dann mit ihnen durch das Gefühl der Trauer, kann es auch abends manchmal nicht abschütteln. Sport helfe ihr, sagt sie, auspowern, alle Gedanken vor der Tür des Fitness-Studios lassen. Aus Erfahrung weiß sie, dass sich bei den Patientinnen schon ein paar Tage später das intensive Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Trauer in Kraft verwandelt haben kann, die sie ganz klar im Kopf werden lässt. Dann sind sie bereit, den Kampf aufzunehmen.

Das sei der Moment, in dem sie ganz viel zurückbekomme, sagt Anke Kleine-Tebbe lächelnd. Denn dann sieht sie, was sie mit ihrer Ehrlichkeit, mit der klar formulierten Diagnose, bewirkt hat: dass die Patientinnen ehrlich zu sich selbst sind, indem sie ihre Ängste zulassen und Fragen haben, Hoffnung schöpfen, sich der Therapie stellen, ins Leben zurückfinden. Und das neue Leben annehmen.

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