Checkpoint Charlie

Touristen und Berliner sind enttäuscht vom "Freedom Park"

Der am Ostersonntag eröffnete "Freedom Park" enttäuscht seine Besucher und raubt dem Checkpoint Charlie einen Teil seiner Authentizität.

Foto: Christian Schroth

Am Tag nach der Eröffnung des „Freedom Park“ am Checkpoint Charlie war von einer großen Veränderung an der Friedrichstraße vor allem eines zu sehen: nichts. Dementsprechend nüchtern fiel das Urteil der Touristen und Berliner aus, die den Ort am Ostermontag besuchten. „Die vielen Imbissbuden, die sich hier überall angesiedelt haben, stören mich. Sie machen den Checkpoint zu einem Ort, der an alles erinnert, nur nicht an die Geschichte, die sich hier abgespielt hat“, sagte Vanessa Godoy. Die 31-Jährige ist mit Lucienna Martorello (31) über das Feiertagswochenende von Argentinien nach Berlin gereist. Die Freundinnen hatten sich das Areal rund um den ehemaligen Grenzübergang angesehen – und waren enttäuscht.

Suche nach Mauerstücken

„Wieso stehen die Mauerstücke nicht im Zentrum des Geschehens? Das würde die ganze Ecke viel authentischer machen“, sagte Godoy. Und so liefen die Argentinierinnen wie etliche andere Besucher auch zunächst ziellos durch den „Freedom Park“, der am Ostersonntag eröffnet worden war. Die meisten Imbissbuden, die am Rand Platzes für das leibliche Wohl der Touristen sorgen sollten, blieben noch geschlossen. „Das aber soll sich ändern, und zwar spätestens ab Mai, wenn der ‚Freedom Park' richtig eröffnet wird“, sagt Patrice Lux, Sprecher des Projekts. Die Entscheidung des Senats, die Plakate, die die Geschichte des Grenzübergangs dokumentieren und als Sichtschutz dienten, von der Baustelle des Parks zu entfernen, habe zu der frühen Eröffnung an Ostern geführt.

Hochkonjunktur herrschte an einer Dönerbude schräg gegenüber dem ehemaligen Grenzübergang. „Wie viele Döner wir heute schon verkauft haben? Etliche! Wir kommen kaum hinterher“, sagte Tarkan (35), Mitarbeiter von „keb'up“. Den anderen Betreibern, so Lux weiter, könne er nicht vorschreiben, wann sie ihren Imbiss öffneten. Wer nicht etwas essen, sondern einen Teil der Mauer sehen wollte, musste suchen. Zwischen der Rückwand einer Imbissbude und einem Bauzaun versteckt, standen fünf unter anderem mit Marilyn-Monroe-Motiv bemalte Mauerstücke. Patrice Lux hatte auch angekündigt, dass sich Touristen ihren ganz persönlichen Stein aus der Mauer hauen könnten, und das zu Preisen zwischen 5 und 35 Euro – und genau das sollen sie laut Lux in naher Zukunft dann auch tun können. So hoffte die achtjährige Annika, die mit ihrer Familie aus Kiel gekommen war, noch vergebens auf ihr Stück Mauer. Denn von Hammer und Meißel war weit und breit nichts zu sehen, kein Stand, kein Stellvertreter des irischen Investors informierte über das angebliche Angebot.

„Internationale Künstler werden aber in wenigen Wochen Teile der Mauer vor Ort gestalten“, so Lux weiter. Er sei froh, dass sie diesen Ort wiederbeleben, den viele Jahre kein Berliner beachtet hätte. Veronica und Eric Jenny aus dem französischen Evian wussten zunächst überhaupt nicht, wo sie etwas über den geschichtsträchtigen Ort erfahren könnten. „Die Gedenkstätte in der Bernauer Straße hat uns besser gefallen. Sie ist so viel authentischer als dieser Platz mit den vielen Fressbuden.“ Die Gedenkstätte zählte im vergangenen Jahr rund 650.000 Besucher. Zum Vergleich: Zum Checkpoint Charlie strömen jedes Jahr mehr als vier Millionen Menschen.

Besucher nehmen Platz nicht wahr

Den „Freedom Park“ nahmen die Franzosen wie etliche andere Anwesende nicht wahr. Kein Informationsschild deutete auf den Platz hin, weswegen er bis in den frühen Nachmittag hinein zeitweise menschenleer blieb. Lediglich eine Gruppe spanischer Touristen nutzte den Raum, um sich auf breiter Fläche um ihre Reiseleiterin herum zu positionieren, und das gleich neben einem Haufen Pflastersteinen hinter rot-weißem Absperrband.

Auf der anderen Straßenseite, nicht hinter Absperrband, sondern hinter den Tafeln zur Geschichte der Teilung, offenbarte sich ein anderes Bild: Hier entsteht eine Ausstellung des Forums für Gegenwart und Geschichte. Auch hier tauschten die Menschen zeitweise die Kamera gegen eine Currywurst oder legten den Reiseführer für ein Radler zur Seite. Dennoch: An dieser Stelle soll die Geschichte, die so viele Menschen an der Friedrichstraße vermissen, wieder in den Fokus rücken. Im Sommer eröffnet eine multimedial ausgerichtete Ausstellung, die die Geschichte von Ost und West und den Konflikt zwischen Diktatur und Demokratie erlebbar machen soll.

Bis zur Eröffnung können sich Berlin-Besucher und Berlin-Bewohner auf einem Rondell aus hellen Holzbänken bei Kaffee und Kuchen auf die weitere Stadtführung vorbereiten. Shai Hoffmann (30) und Henning Reiche (27) betreiben das zum Forum zugehörige Museumscafé. In zwei Holzbuden bieten die Geschäftsführer der Event- und Catering-Agentur „Berliner Frühling“ hausgemachte Eiscremes sowie amerikanische Hot Dogs an. Abgesehen davon steht auf der Speisekarte auch ein Kuchen, der laut Hoffmann perfekt zur historischen Bedeutung des Platzes passt: „Kalter Hund zum Kalten Krieg, super, oder?“ Die historische Bedeutung des Ortes hat Hoffmann aber nicht aus den Augen verloren: „Wir finden es schade, dass der Checkpoint so kommerzialisiert ist. Mit unserem Café möchten wir Menschen deswegen die Möglichkeit bieten, das in der Ausstellung Erlernte zu reflektieren. Wir wollen einen Anlaufpunkt für Wissbegierige schaffen.“

Die Schwedin Julia Salomonsson erfuhr im Unterricht von den Ereignissen rund um den Checkpoint. Was hat sie als Erstes getan, als sie hergekommen ist? „Einen Döner gegessen“, sagte Julia Salomonsson. Das kulinarische Ereignis aber war für die 19-Jährige nur nebensächlich. Sie hatte vielmehr darauf gehofft, ergänzende Informationen zum Schulstoff zu bekommen, zum Beispiel durch ein zweites Museum. „Aber hier wird sich ja alles noch verändern, oder?“

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