Gedenkstätte

Der Checkpoint Charlie wird zum Snackpoint Charlie

Der "Freedom Park“ am Checkpoint Charlie lockt mit Imbissbuden statt Historie – Berlins Umgang mit geschichtlichen Orten ist umstritten.

Foto: Jakob Hoff

Das Problem vom Checkpoint Charlie ließ sich lange Zeit mit einem Wortspiel zusammenfassen: Snackpoint Charlie. Auf der einen Seite der Friedrichstraße steht das Mauermuseum. Es erinnert an Momente wie den im Oktober 1961, als sich hier in Gestalt von sowjetischen und amerikanischen Panzern zwei Welten gegenüberstanden. Auf der anderen Seite der Friedrichstraße ist die Imbissmeile: Döner, Currywurst, asiatisches Fastfood, amerikanische Hamburger. Mittendrin „Grenzsoldaten“ fürs Erinnerungsfoto und jede Menge Sowjet-Ramsch. Für die Welten, die sich seit dem Fall der Mauer hier treffen. Vier Millionen Besucher jährlich sind es. Und dieser Check-Snack-Point wird jetzt auch noch erweitert: Am Ostersonntag eröffnet direkt anliegend der „Freedom Park“.

Was genau da gerade auf dem Grundstück zwischen Zimmerstraße, Friedrichstraße und Mauerstraße entsteht, ist den Touristen noch durch Holzwände verborgen. Doch glücklicherweise steht Patrice Luxe, Sprecher des „Freedom Parks“, an diesem Dienstagmorgen gerade vor der Baustelle. Und er zeigt gern, was hier entsteht. „Wir wollen einen Ort zum Verweilen schaffen, der in das historische Konzept passt“, erklärt er und lässt die Reporterin auf das Gelände.

Acht Glasboxen stehen schon fertig da, an ihnen soll man Würstchen kaufen können – und eine besondere Art von Andenken. „Das wird der erste Berliner Mauershop“, erklärt Patrice Luxe. Drei Mauerstücke, die man auf dem Gelände gefunden hat, sind aufgestellt. Ab Sonntag sollen es zehn sein. Für Preise zwischen 5 und 35 Euro können dann Touristen selbst ihr eigenes Mauerbruchstück abschlagen.

Wenn der „Freedom Park“ eröffnet, beginnt auch Yadegar Asisi mit seiner Arbeit. Auf der Hälfte des insgesamt 3000 Quadratmeter großen Geländes will der Künstler ein Panometer, also ein Panoramabild auf einem Rundhorizont, aufstellen. Mit Alltagsszenen aus der Zeit von West- und Ostberlin.

Die Berliner Landespolitik tut sich seit langem schwer

Wer hinter dem Projekt steht, will Luxe nicht verraten. Nur so viel: Es ist ein irischer Investor. Damit ist ein weiteres Stück Stadtgeschichte in privater Hand.

Doch was heißt das für die Entwicklung des Gebiets? Noch mehr Kommerz? Oder wird das neue Projekt eher die Geschichte des Ortes würdigen?

Aus der Berliner Kulturverwaltung hört man unterschiedliches. Es sei ärgerlich, dass sie keinen Zugriff auf das Gelände haben, es fehle ein Gesamtkonzept, sagen die einen. Rainer Klemke, der für Gedenkstätten zuständige Referatsleiter, erklärt jedoch: „Wir wollen das Angebot ausbauen“. Die Tafeln zur Geschichte der Teilung würden auf der anderen Seite der Straße wieder aufgestellt. Außerdem werde auch die Bildergalerie des Forums für Geschichte und Gegenwart weitergeführt.

Die Berliner Landespolitik tut sich seit langem schwer, eine geeignete Form für das Gedenken der Alliierten in der Stadt zu finden. Der Checkpoint Charlie ist abgesehen vom Mauermuseum seit Jahren weitgehend Brache. Als Dauerprovisorium dienten in den vergangenen Jahren Papptafeln, die die Geschichte der Mauer und die Konfrontation der Mächte an der innerstädtischen Grenze dokumentierten. Dann gibt es das Alliierten Museum in Zehlendorf, das abseits der Touristenströme liegt und sich nicht zum Besuchermagnet entwickelt hat. Und in Karlshorst gibt es das Deutsch-Russische Museum, das sich mit der Sowjetunion als vierter alliierter Macht befasst.

„Natürlich wäre ein Gesamtkonzept sinnvoll“, sagt der CDU-Kulturpolitiker Uwe Lehmann-Brauns. Die Situation am Checkpoint Charlie sei - bis eben auf das Mauermuseum - ein Trauerspiel. Durch den Abriss des Wachturmes sei bereits ein authentisches Merkmal zerstört. Buden und Souvenirverkauf degradierten den Checkpoint zum Rummelplatz. Doch er traue den Plänen des Senates nicht, ein Museum des Kalten Krieges am Checkpoint Charlie zu eröffnen, in dem alle Seiten gleichermaßen zu Wort kommen. „Man kann die Panzer, die die Freiheit verteidigten nicht mit den Panzern gleichsetzen, die Europa unter sowjetisches Regime bringen sollten“, so der CDU-Politiker. Der Zehlendorfer möchte das Alliierten Museum in seinem Bezirk behalten, es sei dort in der Nachbarschaft des US-Headquarters, des ehemaligen US-Kinos Outpost und der Siedlungen der amerikanischen Soldaten richtig aufgehoben.

Die Grünen wiederum haben andere Pläne: „Wir sind sehr dafür, dass das Alliierten Museum in einen Hangar am Flughafen Tempelhof zieht“, sagt die Stadtentwicklungsexpertin der Fraktion, Antje Kapek. Man wünsche sich eine Zentralisierung des Alliiertengedenkens am historischen Flughafen Tempelhof. „Zusammen mit einer Gedenkstätte für das KZ am Columbiadamm wäre das eine runde Sache“, sagt Kapek.

Spuren wurden schnell getilgt

Bislang aber bleibt der Checkpoint Charlie Touristenmagnet Nummer 1. Die etwas weiter weg gelegene Gedenkstätte Bernauer Straße zählte vergangenes Jahr 65.000 Besucher, das privat betriebene Mauermuseum am Checkpoint Charlie trotz happiger Eintrittspreise mehr als 800.000. Und was den Rummel angeht: Verglichen mit der Situation vor fünf, sechs Jahren sind die Fortschritte unübersehbar.

Allerdings reicht der heute spürbare gute Wille nicht, um die Fehler der jüngeren Vergangenheit wettzumachen. Nach dem friedlichen Ende von Mauer und Todesstreifen 1989/90 konnte es vielen Politikern und auch den meisten Berlinern gar nicht schnell genug gehen mit der Tilgung der Spuren. Schon im Februar 1990 waren an vielen Stellen in der Innenstadt Mauersegmente abgebaut worden, die oft von einer DDR-Außenhandelsfirma meistbietend verkauft wurden.

Am Tag nach dem Vollzug der Deutschen Einheit, also am 4. Oktober 1990, bekam der Bundeswehr-Oberst Rolf Ocken den Auftrag, innerhalb von nur acht Wochen Berlin von den noch verbliebenen rund 20.000 Mauersegmenten zu befreien. Doch ihm war nicht wohl dabei. Er schrieb an den damaligen Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg, sogar an Bundeskanzler Helmut Kohl und empfahl dringend, mindestens vorerst nicht alles abzureißen, was an Mauer in Berlin noch stand. Vergeblich: Sein Befehl blieb unverändert. Die Mauer sollte verschwinden, so schnell wie möglich.

Ähnliche Erfahrungen machte 1990 Helmut Trotnow, Projektleiter am Deutschen Historischen Museum. „In Berlin fehlte der politische Wille“, erinnert sich der spätere Gründungsdirektor des Alliiertenmuseums. So verschwand die einst mörderische Grenze bis auf ganz wenige Überreste weitgehend spurlos.

Es dauerte vier Jahre, bis einem Berliner Spitzenpolitiker dämmerte, dass man hier einen Fehler begangen hatte. 1995 sagte der Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer: „Wir haben die Verpflichtung, Dokumente dieses Irrsinns zu bewahren, um uns gegen jeden Ansatz der Wiederkehr zu wappnen.“ Man müsse das Wort von der „Unglaublichkeit des Mauerbaus“ ernst nehmen: „Es wird uns bald niemand mehr glauben wollen, dass so etwas in eine Großstadt gestellt wurde.“

1998 wurde ein erstes großes Denkmal an der Bernauer Straße eingeweiht, doch das Konzept eines Stuttgarter Architekten sehen viele kritisch. Er sei in „Abstraktheit gescheitert“, so die grüne Kulturexpertin Alice Ströver. Durch die der in drei Etappen 1999, 2003 und 2011 eröffnete Dokumentation der Stiftung Berliner Mauer können nur sehr wenige Besucher zwischen Nordbahnhof und Mauerpark wirklich nachvollziehen, wie brutal hier Menschen getrennt wurden. Zu den Versäumnissen der Neunzigerjahre gehört auch, dass einige Grundstücke des früheren Todesstreifens verkauft wurden, von denen eines an der Strelitzer Straße mit einem Wohnhaus bebaut wurde.

An vielen Orten sind private Initiativen an die Stelle offizieller Ehrungen getreten. So erinnert der Verein Berliner Unterwelten mit einer Dokumentationstafel an den Mord an dem West-Berliner Fluchthelfer Siegfried Noffke an der Sebastianstraße 1962. Eine offizielle Würdigung lehnte die zuständige Verwaltung ab – deshalb steht das Schild auf dem Grundstück der kooperativen Wohnungsgesellschaft.

Wenn am Sonntag der „Freedom Park“ eröffnet, könnte man auch über andere historischen Orte nachdenken. Die ehemalige US-Abhörzentrale auf dem Teufelsberg ist eine Trümmerlandschaft, und das frühere US-Hauptquartier in Berlin an der Clayallee wird in privater Hand umgebaut: Der Komplex, einst von den Nazis als Luftgaukommando III errichtet, soll als „The Metropolitan Gardens“ zu Luxus-Eigentumswohnungen werden.

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