Fall Burak B.

Trauer und Tränen nach Todesschüssen in Neukölln

Die Polizei fahndet nach dem Todesschützen von Berlin-Neukölln. Bisher gibt es kaum Hinweise, doch es könnte eine Beziehungstat sein.

Blumen am Straßenrand. Auf einem Schild steht: „Zeiten vergehen. Erinnerungen bleiben.“ Zwei Tage nach den Schüssen auf eine Gruppe junger Männer an der Rudower Straße in Berlin-Neukölln ist der Schock über die Tat immer noch groß. Wieso musste der 22-jährige Burak B. sterben? Und wer ist der Täter?

Ein bislang unbekannter Mann hat in der Nacht zu Donnerstag ein Blutbad angerichtet. Burak B. wurde erschossen, zwei weitere Jugendliche lebensgefährlich verletzt. Bislang gingen entgegen den Erwartungen der Mordkommission nur wenige Hinweise ein, eine heiße Spur hat sich daraus nicht ergeben. Die 6. Mordkommission hat die Ermittlungen übernommen.

Spärliche Beschreibung

Gegen 1.15 Uhr hatte am Donnerstag das spätere Opfer Burak B., ein Mann türkischer Herkunft, zusammen mit Freunden, die arabische, russische und türkische Wurzeln haben, zunächst gefeiert und anschließend auf einem Geländer an der Rudower Straße in Buckow gesessen. Kurz darauf war der Unbekannte aufgetaucht und hatte mehrfach auf die Gruppe geschossen. Er entkam unerkannt. Notarztwagenbesatzungen der Feuerwehr transportierten die drei Schwerverletzten sofort in nahe gelegene Krankenhäuser. Für Burak B. sollte allerdings jede Hilfe zu spät kommen – er starb wenig später auf dem Operationstisch.

Während ein 17-jähriger Jugendlicher nach wie vor in Lebensgefahr schwebt, hat sich der Zustand eines 16-Jährigen inzwischen stabilisiert, er konnte allerdings noch nicht vernommen werden. Die beiden Unverletzten wurden am Donnerstag von der Kriminalpolizei befragt, nach Informationen von Morgenpost Online sollen sich daraus allerdings keine Ermittlungsansätze ergeben haben. Die Beschreibung des gesuchten Schützen ist dürftig: Er soll etwa 1,80 Meter groß und dunkel gekleidet gewesen sein. Von einem Kapuzenshirt ist die Rede gewesen, das Gesicht konnte bisher niemand beschreiben.

Auch zum Motiv für die Tat liegen bislang keine Erkenntnisse vor. Zwar berichten einige Nachbarn und Anwohner des Tatorts von einem intensiven Streit, allerdings könnte es sich auch um ein alkoholbedingt lautes Gespräch der Personengruppe gehandelt haben. Schnell machten in der Gegend Befürchtungen die Runde, bei dem Anschlag könnte es sich um das Werk von Neonazi-Terroristen handeln. Der Chef des Landeskriminalamtes Christian Steiof konnte dies allerdings nicht bestätigen. „Man kann so etwas nie ausschließen, es gibt aber nicht ein Indiz, das in eine solche Richtung führt.“

Beziehung abgebrochen

Nach Informationen von Morgenpost Online könnte das Motiv für die Schüsse im persönlichen Bereich liegen. Ein Bekannter von Burak berichtete, dass dieser "bei Frauen immer gut angekommen" sei. Erst kürzlich habe er eine Beziehung zu einer jungen Frau abgebrochen. „Er hat auf unschöne Art und Weise mit ihr Schluss gemacht. Vielleicht wollte jemand deshalb Rache an ihm nehmen und hat auf seine Freunde gleich mitgefeuert“, sagte ein Mann aus dem Umfeld des Getöteten.

Ein Augenzeuge spricht von einer regelrechten Hinrichtung. „Zuerst fielen drei Schüsse, dann nochmals zwei. Der später Verstorbene lag auf der Fahrbahn der Rudower Straße, die beiden anderen auf dem Gehweg. Überall Blut, es war furchtbar.“ Einer der unverletzten Freunde soll der Beschreibung nach auf dem Mittelstreifen gekniet und gerufen haben: „Allah, ich bin nicht gläubig, aber bitte lass das nicht wahr sein. Mein Freund stirbt.“ Wenig später sperrten alarmierte Bereitschaftspolizisten und LKA-Ermittler den Bereich ab und durchkämmen die Umgebung nach Spuren und der Tatwaffe. Bislang wurde sie nicht gefunden.

Burak hatte nach der Schule eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann abgeschlossen und arbeitete seitdem in einem Autohaus. Freunde beschreiben ihn als einen ruhigen Mann, der zwar feiern, sich aber auch zurücknehmen konnte. Seit etwas mehr als einem Jahr trainierte er in Treptow die Kampfsportart Wing Tsun. Diese dient vor allem dazu, sich zu verteidigen und nicht anzugreifen. Sein Trainer zeigte sich geschockt. „Ich kann das überhaupt nicht fassen und werde lange brauchen, um darüber hinwegzukommen. Burak war einer der Schüler, die man im Gedächtnis behält, weil sie etwas Besonderes sind. Ich mochte seine Bescheidenheit, er war nicht überheblich. Er kam zwei- bis dreimal die Woche zu uns, um zu lernen.“ Die Kunst der Selbstverteidigung habe ihm das Leben nicht retten können. Dies sei tragisch.

Auch am Abend vor seinem Tod hatte Burak noch hart trainiert, bevor er gegen 21.30 Uhr die Sportschule verließ und sich nach Hause in Buckow aufmachte. Seinen Eltern sagte er, dass er sich noch mit Freunden treffen wolle. Zuerst war er mit zwei von ihnen unterwegs, dann traf er zwei weitere und feierte mit ihnen in einem Lokal, bevor sie sich auf dem Geländer am späteren Tatort niederließen.

Polizei bittet um Hinweise

Bis Donnerstagabend waren zehn Anrufe zu dem Zwischenfall bei der Polizei eingegangen, am Karfreitag kamen nur sehr wenige hinzu. „Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen“, so Polizeisprecher Michael Maaß.

In der Nachbarschaft des Tatorts hat sich Angst durch die Schüsse verbreitet. Ein Mittfünfziger sagt: „Ich habe jetzt schon ein ungutes Gefühl und hoffe, dass die Polizei den Mann schnell findet, damit hier wieder Ruhe einkehrt.“ Die Mutter eines jugendlichen Türken hat Angst um ihren Sohn. „Auch er ist in den Abendstunden mit seinen Freunden unterwegs. Ich mahne ihn zur Vorsicht.“

Indes ist die Anteilnahme für den getöteten 22-Jährigen groß. Immer mehr Menschen legen Blumen nieder und stellen Kerzen auf. Jugendliche liegen sich in den Armen und weinen. „Es gibt keinen Grund, einen jungen Mann einfach so zu erschießen“, sagt eine junge Frau und sucht Trost bei ihrem Begleiter.