Laufbegeisterung

Der Halbmarathon ist mehr als nur ein Lauf

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A. Gandzior und M. Opitz

Foto: JÖRG KRAUTHÖFER

Der Berliner Halbmarathon ist ein Familienereignis – so wie für die Sondermanns aus Pankow. Morgenpost Online hat sie begleitet.

Die Trillerpfeife steckt im Mund, der Fotoapparat ist gezückt, das selbstgebastelte Holzschild liegt einsatzbereit – doch wo bleibt Papa? Josephine (8), ihr Bruder Clemens (5) und Mutter Manja Sondermann (37) aus Pankow stehen auf der Straße des 17. Juni am S-Bahnhof Tiergarten und sehen die Läufer des Halbmarathons an sich vorbeiziehen. Die Inliner sind schon durch, kurz nach 11 Uhr kommt die Spitze des Feldes vorbei. Eine Gruppe Afrikaner führt das Feld an, läuft vorbei, dann passiert erst einmal wenig. Die Stimmung ist verhalten, immer wieder kommen kleine Läufergruppen vorbei. Die große Masse der Läufer lässt auf sich warten. Nur wenige Zuschauer applaudieren.

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Als das Hauptfeld am Tiergarten vorbeiläuft, wird Manja Sondermann aus Pankow ungeduldig. „Jetzt könnte er mal kommen.“ Sie wartet mit ihren beiden Kindern auf Vater und Ehemann Stefan Sondermann (41), der sich irgendwo unter den 29.000 Läufern des 32. Berliner Halbmarathons befindet. Sein Schwiegervater, der in der ganzen Welt an verschiedenen Marathonläufen teilgenommen hat, motivierte ihn zum Joggen. Immerhin hat die Familie den Treffpunkt am S-Bahnhof Tiergarten abgemacht. „Es ist uns allerdings auch schon passiert, dass wir Stefan übersehen haben“, erzählt Manja Sondermann. Ihr Mann läuft bereits zum zwölften Mal den Halbmarathon, im richtigen Leben ist er Bundesförster, trägt viel Grün. Beim Marathon läuft er im roten Langarmshirt und weißen T-Shirt. „Wieso nur müssen so viele Läufer was rotes anhaben?“, fragt die 37-Jährige. Tochter Josephine ist die erste, die ihren Vater im dichten Feld entdeckt: „Papa, Papa, Papa!“ ruft sie und schwenkt das Schild dabei. Auf dem steht groß: „Papa, du schaffst es“. Sondermann klatscht seine Tochter ab – und ist dann schon wieder weg. Auch Josephine, Clemens und Manja Sondermann müssen weiter, sie machen ein Halbmarathon-Hopping und wollen als nächstes zum Kudamm.

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Der 32. Halbmarathon ist ein Lauf der Rekorde: Mehr als 31.000 Teilnehmer zählen die Veranstalter. Das sind zwölf Prozent mehr Sportler als im Vorjahr. Bereits vor dem Rennen ist der erste Rekord gebrochen. Längst ist die Veranstaltung mehr als nur ein Laufevent. Auf der Karl-Marx-Allee in Mitte frieren Skater, Handbiker, Läufer und Power Walker. Um 10.10 Uhr rollen die Skater an die Startlinie, 25 Minuten später sind die Rollstuhlfahrer und Handbiker dran. Dann der Startschuss. Die 29.000 Läuferinnen und Läufer werden auf die Strecke geschickt. Über den Alexanderstraße, Karl-Liebknecht-Straße, Unter den Linden – auf den ersten Kilometern herrscht wie jedes Jahr Volksfeststimmung. Aber alles spielt sich in der Sonne ab. „Vergangenes Jahr haben wir geschwitzt, weil es so heiß war“, sagt Daniela Scheiner. „Heute halte ich es nur in der Sonne aus.“

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Als Familie Sondermann um halb zwölf den Kudamm erreicht, muss sie sich erst einen Platz an der Strecke erkämpfen. Rund um die Gedächtniskirche stehen die Zuschauer dicht gedrängt. Immer wieder werden sie von den Streckenposten aufgefordert, ein Stück zurückzutreten, um den Läufern Platz zu machen. Familie Sondermann postiert sich vor dem Café Kranzler. „Hier gibt’s ja Musik“, freut sich Clemens. Ein Stück weiter trommelt eine Combo. Mit Rasseln und Pappklappern feuern die Zuschauer die Läufer an. Für Familie Sondermann heißt es wieder: „Papa suchen“. Wie viele andere Zuschauer streckt Josephine ihre Hand aus und lässt sich von Läufern abklatschen. „Hoffentlich ist er noch nicht vorbei“, sagt Manja Sondermann. „Man weiß ja nie, es kann auch was passiert sein.“ Doch kurz vor zwölf entdeckt sie ihren Mann. „Stefan, juhu“, ruft sie. Stefan Sondermann winkt und zeigt mit den Daumen nach oben. Tochter Josephine läuft ein kleines Stück neben ihm her und dreht dann wieder um. Viel Zeit haben die drei nicht. „Beeilung, wir müssen weiter“, drängelt Manja Sondermann und nimmt ihre Kinder an die Hand. Es geht zur S-Bahn. Ihre nächste Station ist der Alex.

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Entlang der Straße des 17. Juni ist die Stimmung verhalten. Erst ab dem S-Bahnhof Tiergarten, entlang des Flohmarktes bis hin zum Ernst-Reuter-Platz haben sich Hunderte Zuschauer an der Strecke versammelt. Der schlimmste Gegner beim 32. Halbmarathon ist der Wind. Besonders stark sind die Skater betroffen. Bei Kilometer 7, kurz hinter dem Ernst-Reuter-Platz auf der Otto-Suhr-Allee, rollen viele kraftlos und ohne Schwung die Straße entlang. „Ich hebe mit meiner Jacke gleich ab“, ruft eine Frau in dem Skater-Pulk. Immer wieder zerrt der böige Wind an der Kleidung der Sportler. Vereinzelt stehen Menschen in der Sonne, klatschen, feuern an. Ein Polizeiwagen und Begleitfahrzeuge des SCC scheuchen das Feld der Skater auf die rechte Seite der Straße. Die führenden Handbiker haben die Skater eingeholt. „Es ist nicht mehr weit, dann haben wir den Wind im Rücken“, ruft ein Skater seinem Freund zu. Etwas mehr als ein Kilometer ist es noch bis zum Schloss Charlottenburg. Dann führt die Strecke raus aus dem Gegenwind, rein in den Windschatten der Charlottenburger Altbauten. Sonne und Windstille: hier stehen Hunderte Zuschauer und warten auf die Athleten.

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Mutter und Kinder der Familie Sondermann erzählen in der S-Bahn, dass sie allesamt eine sportliche Familie sind. Die Kinder haben am Vortag am Bambini-Lauf teilgenommen. Clemens macht noch zusätzlich Leichtathletik. Mutter Manja läuft auch. Ihr ist der Halbmarathon aber zu lang. Sie konzentriert sich auf den Avon-Frauenlauf des SCC. Dort kann man zwischen einer fünf und einer zehn Kilometer langen Strecke wählen.

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Applaus brandet auf, mit Pappklatschen, Trillerpfeifen und Kuhglocken empfangen die Zuschauer und Spaziergänger an der Schloßstraße die Spitzenläufer aus Kenia. Die achtköpfige Spitzengruppe ist vorbei. Eine gefühlte Ewigkeit später folgen andere schnelle Läufer, langsame Skater und hin und wieder ein Rollstuhlfahrer. Dann kommt die unüberschaubare Menge der Freizeitathleten. Auf dem Sophie-Charlotte-Platz unterhält eine Band die wartenden Zuschauer. „Ich warte auf meinen Mann“, sagt Hilary Klassen. Im Kinderwagen schläft der Nachwuchs, ein Pappschild mit Papas Namen liegt quer darüber. Dann plötzlich geht alles sehr schnell. Die Frau reißt das Schild in die Höhe, ein Sportler löst sich aus der Menge, holt sich einen Kuss von seiner Frau ab und läuft weiter. „Das war knapp. Jetzt hatte ich noch gar nicht mit ihm gerechnet.“ Bei Kilometer 10 an der Windscheidstraße ist ein Versorgungsstand. „Heißer Tee, heißer Tee“, rufen die Helfer. Die dampfenden Becher sind begehrt. Andere Läufer spritzen sich eiskaltes Wasser ins Gesicht.

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Schließlich erreicht Familie Sondermann die Grunerstraße am Alex. Hier, kurz vor dem Ziel bei Kilometer 20, treiben die Zuschauer die Läufer noch einmal an. „Ihr habt es fast geschafft“, rufen viele. Familie Sondermann stellt sich an den Streckenrand und wartet. „Mittlerweile erkenne ich meinen Mann an seinem Laufstil“, erzählt Manja Sondermann. Immer wieder schaut sie auf die Uhr, es ist kurz nach zwölf. Sie steht auf Zehenspitzen, um einen besseren Überblick zu haben. Tochter Josephine trillert mit ihrer Pfeife, Sohn Clemens klatscht eine Plastikklapper auf seine Oberschenkel. „Wir feuern auch alle anderen Läufer an“, sagt Sondermann. „Vor deren Leistung habe ich einen Riesen-Respekt.“ Dann macht sie ihren Mann Stefan auf der Strecke aus. „Super, du bist fast am Ziel“, ruft sie ihm zu. Josephine findet: „Papa sieht ganz schön frisch aus, der könnte bestimmt noch eine Runde laufen.“ Immerhin trainiert Sondermann jeden zweiten Tag. Und am Abend vor dem Lauf hält die Familie seit vielen Jahren eine Tradition aufrecht. „Da veranstalten wir eine Pasta-Party“, sagt sie, „damit Stefan auch schön Kohlenhydrate schaufelt.“

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Fünf Läufer bleiben beim 32. Halbmarathon unter einer Stunde, vier sogar unter 59:30 Minuten. Nach nur 59:14 Minuten siegt der Newcomer aus Kenia, Denis Koech. Für ihn ist es das zweite Rennen außerhalb seines Heimatlandes. Das Mittelfeld ist da noch längst nicht einmal am Schloss Charlottenburg angelangt.

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Um halb zwei warten Josephine, Clemens und Manja Sondermann vor dem Hofbräuhaus am Alexanderplatz ungeduldig auf Stefan Sondermann. „Nach so einem Ereignis gönnen wir uns immer was“, erzählt Manja Sondermann. „Ich möchte eine Weißwurst, eine Brezel und ein Eis“, meldet Josephine an. Immer wieder gehen Halbmarathon-Teilnehmer an ihnen vorbei, die mal mehr, mal weniger geschafft aussehen. Dann entdecken Josephine und Clemens endlich ihren Vater, laufen ihm in die Arme und wollen natürlich seine Medaille sehen. „Der Lauf war toll“, sagt Sondermann. „Dieses Mal waren wirklich an allen Streckenabschnitten Zuschauer.“ Besonders wenn ihm seine Frau und Kinder zujubeln, sei er gleich noch mehr motiviert. Auch über das Wetter freut er sich. „Als ich am Sonntagmorgen aus dem Fenster geschaut habe, dachte ich: Gott muss ein Sportler sein.“ Für die gut 21 Kilometer hat er eine Stunde und 37 Minuten gebraucht.