Nach Beißattacke

Politik diskutiert über "Hundeführerschein"

Nachdem ein Siebenjähriger aus Berlin-Lichtenberg am Montag wegen einer Hundeattacke notoperiert werden musste, diskutiert die Politik jetzt über die Einführung eines allgemeinen "Hundeführerscheins".

Foto: picture-alliance/ ZB / picture-alliance/ ZB/dpa-Zentralbild

Die Nachricht, die die Polizei am Montagmorgen veröffentlichte, hatte es in sich. Ein siebenjähriger Junge wurde am Sonntag in Lichtenberg von einem Hund angegriffen. Bei der Attacke biss das Tier dem Kind in Gesicht und Arm. Der Junge musste sofort in einem Krankenhaus notoperiert werden. Damit erhält die politische Debatte über gefährliche Hunde in Berlin neue Nahrung. Denn bei dem Hund soll es sich nicht um einen klassischen Kampfhund handeln, sondern um einen normalen Mischling, der damit auch nicht unter die zehn gefährlichen Rassen im Berliner Hundegesetz fällt. Die Grünen im Abgeordnetenhaus präsentierten bereits einen Entwurf für ein neues Hundegesetz. Die SPD und die CDU sind zwar grundsätzlich dafür, das bestehende Gesetz zu reformieren, halten sich mit konkreten Vorschlägen jedoch noch zurück.

Der aktuelle Fall, der sich am Nachmittag in einer Wohnung an der Wönnichstraße zutrug, steht exemplarisch dafür, dass besonders häufig Kinder Opfer von gefährlichen Beißattacken werden. Laut Polizei soll der siebenjährige Jasper in der Lichtenberger Wohnung mit dem Lebensgefährten seiner 24 Jahre alten Mutter Stefanie D. auf der Couch gesessen und einen Film gesehen haben. Nach ersten Ermittlungen habe der Hund plötzlich nach dem Kind geschnappt und es schwer im Gesicht und am Arm verletzt. Stefanie D. rief sofort die Feuerwehr. Ein Notarzt brachte das verletzte Kind in ein Krankenhaus. Das Tier gehört dem 32 Jahre alten Lebensgefährten von Stefanie D. Gegen ihn ermittelt die Polizei nun wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung sowie des Verdachts der Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht. Der Hund wurde von der Polizei in eine Tiersammelstelle gebracht. Nachbarn berichten, dass der Mischling sowie ein weiterer Hund, der ebenfalls mit in der Wohnung lebte, wenig Auslauf gehabt haben sollen. Die Tiere seien zum Gassigehen häufig einfach in den Hof geschickt worden, heißt es.

„Hundeführerschein“ für alle Rassen

Wie in Zukunft solche Beißattacken verhindert werden können, darüber diskutieren die Parteien im Abgeordnetenhaus schon lange. Die Grünen-Sprecherin für Tierschutz, Claudia Hämmerling, fordert, das Berliner Hundegesetz zu reformieren. Ein entsprechender Gesetzentwurf ist bereits ausgearbeitet. Nach der Diskussion mit verschiedenen Verbänden – unter anderem aus dem Bereich Tierschutz und Kinderschutz – soll es anschließend in zweiter Lesung in der Fraktion verabschiedet und ins Parlament eingebracht werden. „Unser Gesetzentwurf sucht den Interessenausgleich zwischen Hundehaltern und Nichthundehaltern, verlangt Hundehaltern mehr ab als heute und schützt vor allem Kinder sehr viel mehr als derzeit“, sagt Hämmerling. Darüber hinaus soll die derzeit geltende Rasseliste mit den zehn gefährlichsten Rassen abgeschafft werden. Stattdessen soll der „Hundeführerschein“ für alle Halter zur Pflicht werden. Bislang müssen lediglich Besitzer der in der Rassenliste aufgeführten Hunde eine entsprechende Sachkundeprüfung ablegen und beweisen, dass von dem Tier keine Gefahr ausgeht. Zudem muss ein polizeiliches Führungszeugnis vorgelegt werden.

Der allgemeine „Hundeführerschein“ sei wichtig, so Hämmerling. Denn die Beißstatistik von 2010 zeige, dass in rund einem Drittel der Fälle die Attacken von Mischlingen ausgingen, die gar nicht auf der Liste stünden – wie im Fall in Lichtenberg. Der Vorschlag der Grünen würde dafür sorgen, dass alle großen Hunde und – was für Hämmerling noch wichtiger ist – ihre Halter überprüft werden. Denn die Tiere an sich seien nicht das Problem. „Nur in den falschen Händen werden diese Hunde zu einem Problem“, betont sie. Der Führerschein soll nur für große Hunde ab 20 Kilogramm oder einer Schulterhöhe ab 40 Zentimeter gelten.

SPD und CDU noch zurückhaltend

SPD und CDU sind sich grundsätzlich einig, dass das bestehende Hundegesetz auf den Prüfstand kommen soll. „Wir wollen allerdings keinen Schnellschuss produzieren“, sagt der tierschutzpolitische Sprecher der SPD, Daniel Buchholz. Zudem habe sich das Hundegesetz in den vergangenen sieben Jahren bewährt. So hätten die Leinen- und Maulkorbpflicht die Sicherheit erhöht, so Buchholz. Derzeit entwickele eine Arbeitsgruppe aus Amtstierärzten entsprechende Vorschläge. „Wir werden uns das intensiv ansehen und dann Entscheidungen treffen“, so der SPD-Politiker. Hinsichtlich eines allgemein verbindlichen Hundeführerscheins müssten jedoch auch die damit verbundenen Kosten berücksichtigt werden. Ähnlich äußert sich der tierschutzpolitische Sprecher der CDU, Alexander Herrmann: „Wir müssen das Hundegesetz auf den Prüfstand stellen und stärker den Faktor Mensch mit einbeziehen“, sagt er. Konkrete Änderungen möchte er noch nicht nennen. „An erster Stelle steht erst einmal der Diskurs unter den Fachleuten der Arbeitsgruppe“, sagt er. Daraus müssten dann konkrete Vorschläge erarbeitet werden. Eine starre Rassenliste hält jedoch auch er nicht für sinnvoll. Dem Vorstoß Hämmerlings kann er nicht viel abgewinnen; für konkrete Vorschläge sei es noch zu früh.

Immerhin: Wie aus dem Umfeld von Stefanie D. zu erfahren ist, will die Familie den Hund nicht mehr zurück nach Hause holen. Er soll im Tierheim bleiben.