Prozess

Phishing-Bande steht in Berlin vor Gericht

Neun Männern wird vorgeworfen, mehr als 1,2 Millionen Euro von Online-Konten erbeutet zu haben. In dem Verfahren geht es vor allem um das Überweisen und Abheben des Geldes auf Scheinkonten.

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Es ist der Albtraum von jedem, der seine Bankgeschäfte online regelt: Die Maske auf dem Monitor zittert kurz. Der Cursor lässt sich nicht mehr bewegen. Und drei Tage später ist dann eine größere Summe vom Konto abgebucht. Meist gelingt dieser Zugriff auf das Online-Konto über gefälschte Internet-Adressen, E-Mails oder Kurznachrichten. Experten nennen dieses Plündern der Konten Phishing – ein englisches Kunstwort, das sich von fishing (Angeln, Fischen) ableitet.

Um Phishing geht es auch in einem Prozess, der am Dienstag vor einer Moabiter Strafkammer beginnt. Thema ist in diesem Verfahren jedoch nicht so sehr das Prozedere des Daten-Hacking. Vermutlich ist hier die Beweisführung sehr kompliziert.

Die Ermittler haben sich, nachdem sich ein Kronzeuge zur Verfügung stellte, vor allem mit dem zweiten Schritt des Phishing befasst: Dem Überweisen des Geldes auf Scheinkonten und dem anschließenden Abheben des Geldes von diesen Konten. Angeklagt sind neun fast durchweg mehrfach vorbestrafte Männer, die mit Phishing – in wechselnder Beteiligung – mehr als 1,2 Millionen Euro erbeutet haben sollen.

Die Staatsanwaltschaft spricht von einer organisierten Bande mit einer ausgeprägten Hierarchie. Das beginnt beim Chef – dabei soll es sich um einen 33-jährigen gebürtigen Abchasier handeln. Es setzt sich fort mit einem Stellvertreter, den Ermittlungen zufolge ist es ein 33-jähriger Russe. Und es geht weiter mit Bandenmitgliedern, die für die Beschaffung von Scheinadressen zuständig waren und für die Anwerbung, Betreuung und Bewachung von Personen, die den gefährlichsten Job übernehmen mussten – das Einrichten der Scheinkonten und das Abholen der Gelder von den jeweiligen Kreditinstituten.

Ohne eigene Wohnung, ohne Arbeit

Von den Ermittlern werden diese Personen Finanzagenten genannt. Sie kommen zumeist aus einem sozial schwachen Milieu, leben erst kurze Zeit in Berlin, ohne eigene Wohnung, ohne Arbeit. Die Angeklagten sollen sich dabei vor allem auf Zugereiste aus Lettland und aus Polen konzentriert haben. Meist sollen sie diese Leute direkt auf der Straße angesprochen und sich bei ihnen erkundigt haben, ob sie Arbeit suchen oder sich auf leichte Art Geld verdienen wollen.

Diese Finanzagenten mussten dann auf ihren eigenen Namen oder auch auf Alias-Namen bei verschiedenen Geldinstituten Konten eröffnen. Dabei sollen auch gefälschte Meldebescheinigungen mit Scheinanschriften vorgelegt und illegal erworbene Pässe im Spiel gewesen sein. Auf diesen eingerichteten Konten wurden dann die illegal abgebuchten Summen weitergeleitet. Die Finanzagenten sollen die EC-Karte aber nur für die Zeit erhalten haben, die sie für das Abheben der Gelder benötigten. Sie wurden, so die Ermittlungen, zu den Geldinstituten auch stets von Bandenmitgliedern begleitet.

Der Prozess ist mit rund 30 Verhandlungstagen schon bis August terminiert. Rechtsanwalt Mirko Röder, der eines der mutmaßlichen Bandenmitglieder verteidigt, spricht von einem „komplizierten, konfrontativ geführten Verfahren“. Wichtig sei für die Verteidigung auch, „die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen der Geldinstitute herauszustellen“.