Nachbarn

Das ist der Berliner Kiez von Joachim Gauck

Im Herzen von Berlin-Schöneberg liegt die Welt von Joachim Gauck. In der Nähe des berühmten Rathauses wohnt der designierte Bundespräsident zwischen Professoren, Schauspielern und kleinen Leuten.

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Eine klappende Autotür reicht, um die Mittagsruhe an der Nymphenburger Straße in Berlin-Schöneberg zu stören. Läden, Kneipen, Durchgangsverkehr gibt es nicht. Zwei schweigende Baumreihen in der Straßenmitte geleiten den Blick Richtung Park – unterwegs ist hier niemand. Fast könnte man glauben, es sei überhaupt keiner zuhause, hier, wo Joachim Gauck wohnt, der designierte Bundespräsident. Bis eine Trompete die Stille zerreißt.

Und ein Akkordeon, und ein Tamburin. Drei Männer biegen musizierend um die Ecke. Ihr Rhythmus bringt Bewegung in die Gardinen. Melancholische Weisen brechen sich an den Jugendstilfassaden. Der kleine Spielmannszug weckt Erinnerungen an alte Zeiten. Und tatsächlich: Da öffnet sich ein Fenster und ein zusammen gewickeltes Papier fliegt aufs nasse Trottoir, wie einst. Eduard, 14 Jahre alt und Tamburinspieler der rumänischen Combo, sprintet hinterher. Es gab eine Zeit, als Straßenmusikanten so selbstverständlich zu Berlin gehörten wie die gediegenen Bürgerhäuser mit ihren Erkern, Säulen und marmornen Eingängen.

Eduard, sein Vater Yon (38) und sein Großvater Orica (53) sind als Musikanten in Berlin unterwegs, „seit sechs Jahren, wir sparen auf ein Haus in Rumänien“, sagen sie. Von Gauck wissen sie nichts, das Ständchen ist Zufall. Oder auch nicht: „In solchen Straßen sind die Menschen großzügig“, sagt Eduard.

Nein, dies ist keine Straße des großen Renommees. Auch, wenn sie den künftigen Bundespräsidenten beherbergt, Schauspieler und Professoren von Rang und Namen. Auch, wenn sie genau zu diesem Zweck erbaut wurde. Im Stil einer Privatstraße, mit großzügigen Wohnungen, die Platz boten für Menschen, Möbel, Kunst und Bücher um die vorige Jahrhundertwende. Nichts sollte die großen Gedanken stören. Die Straße lag in Fußnähe zum Park und zur „Stadt“ rund ums Schöneberger Rathaus. Und direkt an der U-Bahn-Linie 4, die hier entstand.

Heute klemmen an den Vorgartenzäunen Fahrräder. Jemand hat einen Elektro-Rollstuhl davor geparkt, etwas weiter steht ein dreirädriges Transportfahrzeug für Kinder. Berliner Mischung. Auch die Schauspielerin Inge Meysel hat hier um die Ecke gewohnt. „Parterre, ab und zu holte sie ihre Fahrerin ab“, sagt Ferdinand Förster, er lehnt sich aus seinem Wohnzimmerfenster und zieht an seiner Zigarette. „Inge Meysel hatte nämlich Fahrerinnen“. Er deutet nach drüben und sagt: Den Gauck, den möge er auch. Der künftige Bundespräsident komme oft mit dem Rad hier vorbei. Ferdinand Förster ist vor 34 Jahren hier eingezogen, lange vor Gauck, in einen Neubau, der jetzt ein wenig abgeschabt wirkt. „Das waren Sozialwohnungen, in den 80ern wurden sie verkauft“, sagt Förster. Vielleicht müsse er bald ausziehen, wenn die Mieten weiter so steigen, murrt er. Dann lächelt er wieder. Er sei doch froh, hier zu wohnen. „Wegen der vielen netten Nachbarn.“

Auf die Anwesenheit des Präsidentenanwärters deutet allenfalls eine dunkle Mercedes-Limousine, in der zwei unauffällig gekleidete Herren sitzen. Sie stellen sich auf Nachfrage als Journalisten vor. Warten sie auf Gauck? „Nee, der ist schon zuhause.“

Eine Nachbarin mittleren Alters sagt stolz: Gauck sei ihr Wunschkandidat gewesen. Sie hoffe, dass er das Amt nun mit der Würde erfülle. „Aber er ist ein gestandener Mann, ich vertraue ihm.“ Persönlich hat sie Gauck das nicht gesagt, obwohl er gleich nebenan wohnt. „Hier leben so viele bekannte Menschen, man respektiert deren Privatsphäre und spricht sie nicht einfach an.“ Trotzdem, sagt sie, gehe sie davon aus, dass Gauck sie vom Sehen kenne: „Er ist ein Mensch, der aufmerksam durch die Welt geht.“

Ein älterer Herr ist mit seiner Enkelin unterwegs, auch er wohnt in einem der Nachkriegs-„Neubauten“. Er sagt: Gauck solle doch ruhig hier wohnen bleiben, statt in die Präsidenten-Villa nach Dahlem zu ziehen. In den kleinen Geschäften der Innsbrucker Straße um die Ecke sehen die meisten das ähnlich. Die Bäckereifachverkäuferin Nadin Göschick hat Joachim Gauck zwar noch nicht persönlich bedient, freut sich aber dennoch über seine Nominierung. „Ich hoffe, er wird sich für Familien einsetzen.“ Die 28-Jährige hat drei Kinder, jeden Tag kommt sie aus Hellersdorf, um beim Traditionsbäcker Johann Mayer hinterm Tresen zu stehen. relatedlinks

Etwas weiter beim „Nahkauf“ freuen sich Hien Ngyuen und ihre Mitarbeiter, dass Joachim Gauck bald Präsident sein wird. Er sei oft bei ihnen gewesen, um Lebensmittel und Getränke einzukaufen, sagt sie. „Ein freundlicher Mann“, sagt sie und antwortet geduldig auf alle Reporterfragen.

Nicht alle sehen die prä-präsidiale Aufregung so gelassen. „Ich unterliege der Schweigepflicht“, plustert sich die Apothekerin auf die Frage hin auf, wie man in ihrem Kiez denn so lebe. Und beim Friseur, von dem man tags zuvor noch in der Zeitung las, was der Haarschnitt des Bald-Präsidenten kostet, heißt es nun: „Keine Interviews, keine Fotos.“

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