Strukturreform

In Berlin fehlt es an Sekundarschulplätzen

Seit Mittwoch läuft in Berlin die Anmeldefrist für die weiterführenden Schulen. Und schon jetzt zeichnet sich ein Platzmangel ab. Besonders an Sekundarschulen kommt es wegen der Strukturreform zu Engpässen.

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In vielen Berliner Bezirken fehlen Sekundarschulplätze. Für Rückläufer aus den Gymnasien und Kinder, die im laufenden Schuljahr angemeldet werden, wird es eng.

Das Problem beschäftigt nun auch jene Eltern, deren Kinder zum kommenden Schuljahr an eine weiterführende Schule wechseln werden. Sie müssen sich jetzt entscheiden, ob sie ihre Kinder an einer Sekundarschule oder an einem Gymnasium anmelden. Am Mittwoch hat die Anmeldefrist begonnen. Für viele ist die Entscheidung schwierig, zumal es seit dem vergangenen Jahr ein neues Aufnahmeverfahren gibt. Ist eine Schule übernachgefragt, zählt bei der Auswahl der Schüler nicht mehr die Wohnortnähe, sondern an erster Stelle die Leistung.

Die Liste der Aufnahmekriterien

Rund 50 Schulen haben darüber hinaus zusätzliche Kriterien aufgestellt. Dazu gehören mündliche, schriftliche oder praktische Tests sowie Aufnahmegespräche. Einige Schulen berücksichtigen auch besondere Kompetenzen, die die Schüler außerhalb des Unterrichts erworben haben. Zum Beispiel in Arbeitsgemeinschaften oder durch ehrenamtliches Engagement. Um den Eltern die Wahl der Schule zu erleichtern, veröffentlicht Morgenpost Online an dieser Stelle die Aufnahmekriterien aller weiterführenden öffentlichen Schulen.

Sekundarschulen sind gefragt. Allein in Neukölln stehen 30 Kinder auf der Warteliste, die im laufenden Schuljahr zugezogen sind und einen Platz an einer Sekundarschule brauchen. Wie in anderen Innenstadtbezirken auch, sind es vor allem Roma-Kinder, für die ein Schulplatz bereitgestellt werden muss. Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) fordert jetzt eine politische Lösung. „Die Kapazität reicht einfach nicht aus. Berlinweit müssen deshalb bereits geschlossene Schulgebäude wieder aufgemacht werden“, sagt sie. Den Bezirken würden dazu allerdings die Mittel fehlen.

Doch es sind nicht nur zugezogene Kinder, die einen Sekundarschulplatz brauchen. Auch viele Schüler, die das Gymnasium nicht schaffen werden, drängen im kommenden Schuljahr auf die Sekundarschule. Wie berichtet, ist diesbezüglich offenbar keine Vorsorge getroffen worden. Dabei wird die Zahl dieser Wechsler in diesem Jahr sogar größer sein als sonst. Das hat damit zu tun, dass viele Eltern ihre Kinder entgegen der Grundschulempfehlung auf einem Gymnasium angemeldet haben und die Kinder es dort einfach nicht schaffen. Außerdem ist dieser Jahrgang aufgrund der früheren Einschulung stärker als gewöhnlich.

Besonders problematisch ist es in Neukölln. Dort werden nach gegenwärtigem Stand mehr als 100 Schüler das Probejahr am Gymnasium nicht schaffen. Sekundarschulplätze aber wird es weder an den Wunschschulen dieser Kinder noch an anderen Schulen geben. Geplant ist nun, Extra-Klassen für die Rückläufer zu bilden. Pädagogisch ist das sehr umstritten.

Bildungsstadträtin Giffey sagt: „Nur wenn wir alle bisherigen Errungenschaften über Bord werfen, könnten wir in den Sekundarschulklassen zusätzlich Platz für die Rückläufer schaffen.“ Das hieße dann aber, darauf zu verzichten, an Brennpunktschulen kleinere Klassen (24 statt 26 Schüler) einzurichten, so Giffey. Das aber hätten viele Schulen aufgrund der extrem schwierigen sozialen Situation ihrer Schüler beantragt und von der Bildungsverwaltung auch bewilligt bekommen. „Diese Maßnahme ist Notwehr und kein Luxus“, sagt Giffey. Dabei hätte die niedrigere Frequenz an etlichen Schulen aufgrund der hohen Zuzugszahlen nicht einmal aufrecht erhalten werden können.

In der Bildungsverwaltung geht man indes davon aus, dass nicht so viele Schüler wie gegenwärtig angenommen das Gymnasium nach der siebten Klasse verlassen müssen. Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD): „Die Gymnasien sind laut Schulgesetzt verpflichtet, für versetzungsgefährdete Schüler Erziehungsvereinbarungen abzuschließen.“ Diese Vereinbarungen müssten spätestens zum Beginn des zweiten Schulhalbjahres zwischen der Schule und dem Schüler sowie dessen Eltern getroffen werden und sollten möglichst dazu führen, dass der Schüler das Klassenziel doch noch erreicht.

Bildungsstadträtin Giffey ist allerdings skeptisch, und auch viele Schulleiter gehen nicht davon aus, dass Siebtklässler, die etliche Fünfen und Sechsen auf dem Halbjahreszeugnis haben, sich im zweiten Halbjahr noch soweit verbessern können, dass sie am Gymnasium bleiben können.

Diese Sorgen haben die künftigen Siebtklässler aber noch nicht. Die Sechstklässler der Bornholmer Grundschule in Pankow freuen sich noch auf den Wechsel an die weiterführende Schule. Sie haben gute Zeugnisse und sind zuversichtlich, dass es an der Wunschschule klappen wird. Zumal sich die meisten keine Eliteschule wünschen. „Für mich ist wichtig, dass Schule Spaß macht. Wenn die Stimmung schlecht ist, lernt man auch nicht gut“, sagt die elfjährige Hala.

Marian hat zwar eine Gymnasialempfehlung, will aber lieber an einer Sekundarschule sein Abitur machen. „Da ist der Leistungsdruck nicht so groß, denn man hat ja ein Jahr länger Zeit“, sagt der Sechstklässler. Auch Valentin würde eher auf eine Sekundarschule wechseln. „Da gibt es kein Probejahr, und es besteht keine Gefahr, dass man noch mal auf die Suche gehen muss“, sagt er. Zudem gefalle ihm das künstlerische Profil an der Kurt-Tucholsky-Sekundarschule.

Für die meisten spielt die Nähe zum Wohnort bei der Schulwahl eine Rolle. Allerdings muss es nicht gerade die Nächstbeste sein. Natalie will an ein Gymnasium in Reinickendorf. Es sei relativ nah, und die Schüler hätten am Tag der offenen Tür einen netten Eindruck gemacht. Natalie weiß, dass sie dort einen Test schreiben muss. Aber, dass nicht nur die Noten zählen, findet sie eher gut.