Tote Zoe

Warum der Druck auf die Jugendämter wächst

Immer wieder können Jugendämter schwere Kindesmisshandlungen oder Todesfälle, wie zuletzt bei der kleinen Zoe aus Weißensee, nicht verhindern. Sozialpädagogik-Professor Reinhart Wolff erklärt, was die Stadt daraus lernen muss.

Foto: Steffen Pletl

Morgenpost Online: Professor Wolff, gibt es aus Ihrer Sicht in Berlin ein strukturelles Problem in der Jugendhilfe, das dazu führt, dass es immer wieder zu Fällen kommt, in denen das Jugendamt schwere Kindesmisshandlungen oder Todesfälle nicht verhindern kann?

Reinhart Wolff: Insgesamt muss man bedenken, dass in Berlin über Jahrzehnte staatliche Dienste zum Schutz der Kinder abgebaut wurden. Die bezirklichen Gesundheitsdienste für Säuglinge und Kleinkinder beispielsweise, die jede Familie bei der Geburt eines Kindes besuchte, gibt es schon lange nicht mehr. Parallel zu diesem Abbau früher Hilfen sind aber die Aufgaben der Jugendämter gewachsen. Die Problemlagen in den Familien verschärfen sich zum Beispiel durch zunehmende Armut. Zudem werden immer mehr Verdachtsfälle von Kindesmisshandlungen ans Jugendamt gemeldet, weil es eine wachsende Aufmerksamkeit der Medien und in der Bevölkerung gibt. Das führt dazu, dass die Mitarbeiter der Jugendämter eine größere Zahl von Meldungen abklären müssen und sollen, ohne über mehr Fachkräfte zu verfügen. Sie müssen Hilfen einleiten und den Fall dann an Freie Träger der Kinder- und Jugendhilfe zur weiteren Unterstützung der Kinder und Eltern abgeben.

Morgenpost Online: Wie sieht dann die Kontrolle der Freien Träger aus?

Reinhart Wolff: Immer mehr Jugendämter in Deutschland sind an Qualitätssicherung interessiert und machen auch erste Schritte hin zu einem Fehler-Controlling. Vor allem dort, wo es tödliche Fälle gab, wie z. B. beim „Fall Kevin“ in Bremen oder „Lea Sophie“ in Schwerin, sind die Behörden stark sensibilisiert. Aber ein sogenanntes Risikomanagement war bisher nicht einheitlich vorgeschrieben. Erst das neue Bundeskinderschutzgesetz, das seit dem 1. Januar in Kraft ist, schreibt vor, dass die Kommunen Qualitätsentwicklung im Kinderschutz in Gang setzen sollen. In unserem Forschungsbericht stellen wir Modelle vor, wie Qualitätskriterien aussehen können und wie die Behörden mit den anderen Trägern aus Fehlern lernen können.

Morgenpost Online: Wie könnte denn ein Fehlermanagement in dem Berliner Fall von Zoe aussehen?

Reinhart Wolff: In Schwerin haben wir zusammen mit den Fachkräften das Modell des dialogisch-systemischen Fall-Labors entwickelt. Ausgangspunkt war der Fall der fünfjährigen Lea Sophie, die aufgrund einer schweren psychosomatischen und beziehungsmäßigen Störung zu Hause verhungert ist. In einem solchen Fall-Labor kommen alle Beteiligten zusammen und rekonstruieren das Konfliktgeschehen. Auch die Familie des Opfers wird intensiv einbezogen. In einem gescheiterten Kinderschutzfall kommen zumeist Familienprobleme und Probleme in der Kinderschutz-Organisation zusammen. Es ist wichtig, dass alle Beteiligten alles offen auf den Tisch legen. Das ist natürlich schwierig, wenn gegen die Eltern, wie in dem aktuellen Fall, bereits ein Strafverfahren läuft. Dann schweigen die Betroffenen in der Familie und im Hilfesystem in der Regel erst einmal.

Morgenpost Online: Welche Konsequenzen haben sich denn in Schwerin aus dem Fall-Labor ergeben?

Reinhart Wolff: Das gesamte Jugendamt wurde umstrukturiert. Die Mitarbeiter waren damals stark überlastet. Auch wenn die Arbeitsbelastung immer noch hoch ist, hat man sich entschlossen, die fachlichen Kompetenzen der Mitarbeiter zu verbessern. In den Fallteams arbeiten die Fachkräfte beispielsweise jetzt intensiver zusammen.