Sibirische Kälte

Berlins Obdachlose kämpfen jetzt ums Überleben

Rund 7000 Berliner leben auf der Straße. Hart ist es dort immer, doch der Winter macht es unmenschlich. Manche finden Platz in städtischen Notunterkünften oder Bahnhöfen. Andere bleiben trotz allem draußen.

Foto: Reto Klar

Manchmal, sagt Beate, da will sie einfach bloß abhauen. Alles hinter sich lassen. Weg aus dieser Stadt, aus diesem Land, ach, am besten gleich aus diesem Leben. Aber was heißt das schon, Leben. Atmen? Essen? Schlafen? Sie zuckt mit den Schultern. Da draußen gebe es ja gar kein Leben. Nur saufen und Angst. „Für uns geht es jede Nacht bloß ums nackte Überleben.“ Uns, das sind die Obdachlosen. Rund 7000 leben in Berlin. Beate (47) ist eine von ihnen.

Mit Unterbrechungen ist sie schon seit ihrem 15. Lebensjahr auf der Straße. Damals lief sie von zu Hause weg, weil ihre Mutter trank und der Stiefvater nachts zu ihr ins Bett stieg. Sie wurde drogensüchtig, kam in eine Klinik, drei Jahre lang Psychiatrie, danach das erste Mal so etwas wie geordnetes Leben. Ausbildung zur Altenpflegerin, Hochzeit, ein Kind. Doch dann fing ihr Mann an, sie zu verprügeln – und sie fing an zu trinken. Die Tochter landete in einer Pflegefamilie und Beate auf der Straße. Da ist sie eigentlich immer noch. Zurzeit lebt sie wegen der Kälte zwar in einem Wohnheim, „aber da haue ich bald ab“. Sie hat schon zwei Isomatten und drei Schlafsäcke bereitgelegt, denn: „Die verstehen mich dort nicht.“ Ihre Launen, ihre Ängste, ihre Wut, diese unbändige Wut, wegen der sie trinkt – doch wenn sie trinkt, wird sie bloß noch wütender, vor allem auf sich selbst, sie tut sich dann weh. Dagegen bekommt sie ein Medikament, Pregabalin, kleine weiße Kapseln mit blauen Punkten, dazu Anti-Epileptika und ein Asthmaspray.

Endlich als Mensch fühlen

In Beates Leben gibt es nicht viel, auf das sie sich freut, nur die Stunden in der Bahnhofsmission am Zoo, die gäben ihr immer viel Kraft. „Hier“, sagt sie und dreht sich einmal im Kreis, „kann ich mich endlich als Mensch fühlen, das geht sonst nicht. So müsste Zuhause eigentlich sein.“ Beate geht kurz weg, sie hat auf einem Tisch einen Stoff-Eisbären liegen sehen. Als sie wiederkommt, nennt sie ihn Knut, wie sonst. „Den nehme ich mit.“ Sie steckt ihn in ihre rote Jacke, ihren neuen Begleiter, der weiß, wie man mit Kälte umgeht.

Der Winter, der bislang keiner war, schlägt jetzt umso härter zu. In den Wettervorhersagen für die nächsten Tage werden Nachttemperaturen von minus zehn, zwölf Grad angekündigt. Draußen ist es immer hart, aber bei diesen Temperaturen ist die Gefahr zu sterben eben noch höher. Zumal in den städtischen Notunterkünften einfach kein Platz für alle ist. Die nehmen meist schon mehr Menschen auf, als sie eigentlich könnten. Offiziell haben sie etwa Platz für 400 Menschen pro Nacht. Selbst wenn es fünfmal so viele Schlafstätten gäbe, müssten noch 5000 Männer und Frauen auf der Straße schlafen, in Vorräumen von Banken, Lagerhallen oder U-Bahnhöfen. Dort dürfen sie eigentlich nicht sein, doch bei diesen extremen Bedingungen haben die Mitarbeiter vom Bahnhofsmanagement Berlin ein Einsehen. Am Dienstag wurden sie per E-Mail mit folgenden Worten angewiesen: „Werden Obdachlose in den Nachtstunden bei extremer Kälte in den Bahnhöfen angetroffen und die mit den sozialen Trägern vereinbarten Maßnahmenpläne greifen nicht, bzw. die Obdachlosen erreichen keine gesicherte Unterkunft, so ist von einer Verweisung abzusehen.“

Frank sagt, er brauche keinen Bahnhof. Er schlafe lieber im Tiergarten, zwei dünne Schlafsäcke, ein dicker, das gehe schon. Frank wird bald 50 Jahre alt, er ist seit 2008 obdachlos. Und seitdem ständig unterwegs, in ganz Deutschland sei er schon gewesen, im vergangenen Sommer sogar in England, sechs Monate London. „Piccadilly Circus, da ist's wirklich wie im Zirkus, Wahnsinn. Aber eigentlich waren mir da auch zu viele Leute.“ Frank ist einer, der lieber für sich ist. Freundschaften, das habe er hinter sich. Zu oft sei er enttäuscht worden. „Ich liebe die Natur, die Bäume, Sträucher, Insekten, für mich ist es keine Strafe, draußen zu sein.“ Damit dürfte er wohl der einzige hier sein.

„Das Schlimmste ist die Zeit“

Der Raum ist gut gefüllt, 50, vielleicht 70 Männer und Frauen sind da, eine ist schwanger. Es ist ruhig, gesprochen wird wenig. „Mittlerweile“, sagt Dieter Puhl, der Leiter der Bahnhofsmission, „kommen auch viele zu uns, die eine Wohnung haben. Aber die sind so arm, dass sie sich kein warmes Essen mehr leisten können.“ Diesen Trend beobachtet er seit einiger Zeit. Bis vor einem Jahr hatte auch Joachim, 61, noch eine eigene Wohnung. Dann kam die Scheidung von seiner zweiten Frau. Sie lebten in Bayern und er floh zurück in die Stadt, aus der er einst 1987 über Tschechien geflohen war: Berlin. Seine Heimat. Doch die erhoffte Wohnung fand er nicht, seitdem lebt er auf der Straße. Schläft jede Nacht woanders, mal in einer Notunterkunft, meist draußen. „Das Schlimmste ist die Zeit. Was soll man den ganzen Tag draußen machen?“

Joachim trägt das graue Haar lang, seine Finger sind über und über mit Hornhaut bedeckt, ein paar Zähne sind ihm ausgefallen, Folgen eines Sportunfalls, wie er sagt. Joachim war mal Skispringer. Es ist das zweite Mal in seinem Leben, dass er wohnungslos ist. Als seine erste Ehe in die Brüche und die Kneipe pleite ging, die er damals betrieb, musste er schon mal draußen leben. Aber das war in München. „Da haben wir unter einer Brücke geschlafen und ständig haben uns Menschen Grillwürstchen gebracht und Bier, das war wie im Urlaub.“ Berlin sei kein Urlaub. Berlin sei bloß kalt.

Seine beiden Kinder leben in Bayern, der Sohn ist 33, die Tochter 24, Kontakt hat er zu ihnen nicht. „Ich will ihnen nicht auf der Tasche liegen. Ich melde mich erst, wenn es mir wieder gut geht. Wenn ich eine eigene Wohnung habe, in der ich schalten und walten kann, wie ich will.“ Eine eigene Wohnung, was für die meisten Menschen eine Selbstverständlichkeit ist, das ist Joachims großer Traum.

Obdachlose brauchen Ihre Hilfe

Aktion: Der Verein Berliner helfen der Berliner Morgenpost bittet um Spenden für Obdachlose. Gesucht werden von der Stadtmission vor allem Kaffee, Marmelade, H-Milch und Zucker sowie Aufschnitt und Käse für die Verpflegung der Menschen. Berlinweit werden warme Socken, Mützen, Handschuhe, Schals und Unterwäsche benötigt. Speziell in der Bahnhofsmission werden Rucksäcke sowie warme Winterschuhe ab Größe 47 gebraucht. „Ansonsten ist Kleidung in unserem Lager noch ausreichend vorhanden“, sagt Ortrud Wohlwend von der Stadtmission. Die Sachen können von Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr in der Berliner Stadtmission, Lehrter Straße 68 in Mitte, abgegeben werden. Rucksäcke und Winterschuhe nimmt die Bahnhofsmission an der Jebensstraße gern entgegen.

Spenden: Berliner helfen e. V. Spendenkonto 55, Stichwort: Kältehilfe, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 10020500