Obdachlos in Berlin

Günther Z. - der Einsiedler von Moabit

Der Berliner Günther Z. ist 71 und obdachlos. Er lebt seit 16 Jahren in einem Bretterverschlag im Fritz-Schloß-Park in Moabit, wo er sich gegen Kälte, Nässe und pöbelnde Chaoten wehren muss. Ein Besuch in seinem Unterschlupf.

Foto: Christian Schroth

Wenn Günther morgens aus seinem Verschlag klettert, rückwärts und ganz langsam, wenn er sich dann den ersten Kaffee kocht und sich aufrichtet, dann sieht er um sich herum Häuser. Links, rechts, direkt vor ihm. Bloß: Häuser. Menschen gehen in Wohnungen, holen sich Getränke vom Balkon, Licht geht an und aus, alltägliches Leben eben. Günther und diese Häuser trennt nicht viel mehr als eine Straße, er kann das also alles ganz genau erkennen. Es muss ihm vorkommen wie: Die da drinnen, ich hier draußen. Günther hat ja selbst mal in einem dieser Häuser gewohnt, 500 Meter entfernt von hier. Bloß ist das jetzt schon sehr lange her. Das war in einem anderen Leben, seinem Drinnenleben. Seit 16 Jahren führt Günther inzwischen sein Draußenleben.

Viel gibt es da nicht. Den kleinen Verschlag hat er eilig in drei Tagen zusammengezimmert, aus Holzbalken und Pflastersteinen. Links und rechts lehnen lange Äste dagegen wie Speere, oben auf dem Dach liegen Pfähle und Dutzende Fußmatten, Schicht über Schicht über Schicht. Ein bisschen wirkt das wie eine riesige Bärenfalle. Die vier Quadratmeter hat er mit Teppichresten ausgekleidet, neben dem, was er Schlafzimmer nennt, gibt es noch einmal eine kleine Fläche von etwa drei Quadratmetern, umzäunt mit grünen Gittern wie in einem Kleingarten. Die Anlage sieht einigermaßen robust aus, Regen dringt jedenfalls nicht ins Innere. Dort ist es nachtdunkel, man kann kaum erkennen, was Günther alles zusammengesammelt hat. Handschuhe, Zuckerdosen, Bücher, Hufeisen, Aschenbecher, ein kleiner Deo-Stift. Auf der Matratze Decken, Schlafsäcke und Kleidung, 20 Jahre alt und älter, „alles mein Eigentum von früher“. Er sagt das stolz. Früher, da war Günther Maler, er hat sein eigenes Geld verdient und für sich, die Frau und den einzigen Sohn gesorgt. Für einen wie ihn, einen stolzer Arbeiter, ist Betteln nichts. Es käme ihm gar nicht in den Sinn. An der Wand hängen zwei Uhren, die eine zeigt 13.20 Uhr, die andere 15.55 Uhr, beide stimmen nicht. Aber wer braucht schon die richtige Uhrzeit, wenn er 16 Jahre lang im Wald lebt. Zwischen Eichen, Linden und Ahornbäumen, deren durchnässte Blätter er zu kleinen Haufen zusammengeschoben hat, als Windschutz.

„Die Sauferei zerstört alles“

Warum Günther hier lebt, im Moabiter Fritz-Schloß-Park, nur 400 Meter entfernt vom Krankenhaus, in dem er vor mehr als 71 Jahren zur Welt kam, das ist nicht so einfach zu beschreiben. Alles fing wohl an, als er 50 war. Immer öfter musste er sich bei der Arbeit übergeben, manchmal war sogar ein bisschen Blut dabei. Er fühlte sich nicht mehr so belastbar wie früher und ging schließlich zum Arzt. Der sagte ihm, dass die giftigen Gase der Lacke und Farben irgendwie Teile seines Magens zersetzt hatten. In einer mehrstündigen Operation mussten sie ihn verkleinern, ab dann war Günther berufsunfähig. Seine Frau fing an zu saufen und er fing an, sie zu hassen. Sie stritten sich nur noch, eines Tages reichte er die Scheidung ein. Von einem auf den anderen Tag verließ er die gemeinsame Wohnung mit nichts weiter als zwei Säcken mit Kleidung. Sie behielt alles von Wert, Gütertrennung ist kein Wort aus Günthers Zeit. Er hat seine Frau nie wieder gesehen. Ob sie noch lebt? Günther weiß es nicht.

Als er ging, ging er mit einem Berg von Schulden. Zurückgezahlt hat er die nie. „Wovon denn auch? Ich habe das einfach laufen lassen.“ Er sei dann direkt hierhergekommen, an den Platz, den er noch von einst kannte, von Spaziergängen mit seinem Hund. „Hier hatte ich mich immer sicher gefühlt. Das ganze Material, die Planen und das Holz, die Gitter und Pflastersteine habe ich vom Bau, mit Bier bezahlt.“ Für Bier, sagt Günther, kriegt man in Moabit alles. Er selbst sei kein großer Trinker, nie gewesen, alle zwei Wochen mal ein Bier, das war's. Er raucht und trinkt viel Kaffee und Cola, das reiche als Suchtmittel. „Sauferei zerstört doch alles.“ Ehen. Und manchmal auch Leben.

Die ersten Tage habe sich das schon komisch angefühlt draußen, orientierungslos irgendwie, so ohne ein Zuhause. Wo geht man hin, was macht man mit einem Tag, wie passt man sich an die Natur an? Günther wusste keine Antworten auf Fragen, die er sich nie zuvor gestellt hatte. Sein Leben hatte plötzlich keine Struktur mehr. Nach vier, sechs Wochen, sagt er, hatte er es dann einigermaßen im Griff. Für eine Weile, dachte er damals, komme er hier schon über die Runden. Er winkt ab, er wundert sich wohl über die Worte: Eine Weile. 16 Jahre sind eine sehr lange Weile. Wenn nicht immer die Chaoten kämen, wie er sie nennt, Jugendliche, die ihn wie zuletzt am Sonntag geschehen mit Steinen und Stöcken beschmeißen, die ihn bepöbeln und beschimpfen, dann sei das schon ganz in Ordnung hier. Er habe ja alles, was er braucht. Er bekommt eine kleine Rente, 500 Euro, davon kauft er sich Essen und Trinken. In einem Imbiss auf der gegenüberliegenden Straßenseite geht er auf die Toilette, bei einem Bekannten kann er alle paar Wochen mal seine Wäsche waschen. Und seinen Sohn und die beiden Enkelkinder besuche er ja auch einmal die Woche zum Kaffee und Quatschen. Ob der Sohn denn nicht versuche, ihm eine Bleibe zu organisieren? Günther schüttelt den Kopf. „Ich habe ihm gesagt, er soll sich da raushalten. Das ist mein Ding.“

Fußballer für die Drecksarbeit

Günther ist ein kleiner Mann mit O-Beinen. Die hat er von früher, vom Fußball. Er war Vorstopper beim SC Tegel, eine Position, die es heute nicht mehr gibt bei einem Verein, den es heute nicht mehr gibt. Vorstopper, das waren die Ausputzer, die für die Drecksarbeit. Günther war gerne Vorstopper, er mochte es, wenn sich die anderen auf ihn verlassen konnten. Das Zähe, das man für diese Position braucht – er hat es noch heute. Man sieht es ihm an. Sein Körper, vom Alter zwar etwas geschrumpft, sieht athletisch aus, die Hände sind kräftig, die Schultern stark. Wie er da so steht, weiße Sportsocken in der Trainingshose, an den Füßen bloß Schlappen, sieht er aus, als käme er gerade aus der Dusche nach einem langen, harten Spiel. Fußball ist neben dem Lesen von Krimis alles, was ihm noch geblieben ist. Er hört sich alle Übertragungen im Radio an, zuletzt musste er sich dabei immer öfter ärgern. Er ist Hertha-Fan.

Günther fährt sich immer wieder durchs Haar, es ist noch voll, er frisiert es sich selbst, ganz penibel. Seine Haare sind vielleicht die einzige Eitelkeit, die er sich leistet. Was er sich noch vom Leben wünscht? Er überlegt lange. Dann sagt er: „Eine Wohnung wäre wohl das Naheliegendste, was?“ Er sagt das nicht zynisch, sondern so, als habe er das Recht auf Wünsche verwirkt. Das Recht auf ein bisschen Glück im Leben. Aber Glück, sagt Günther, sei ja eh relativ. So wie Besitz. „Kommt und geht beides.“ Aber Gesundheit, die gehe nur einmal, dann aber für immer. Deshalb sei die ihm auch wichtiger als alles andere. Wenn man ihn dann fragt, wann er das letzte Mal beim Arzt war, sagt er: „Bis jetzt noch nicht.“ Es klingt wie die Antwort eines kleinen Jungen auf die Frage der Mutter, ob er sich denn heute schon die Zähne geputzt habe. Als fühle er sich ertappt.

Günther will dann auch seine Ruhe haben, ein bisschen lesen. Er nimmt den „Berliner Kurier“ von Dienstag zur Hand, die Zeitung hat auf der Titelseite über ihn berichtet. „Hier haust ein Rentner“ steht dort in großen Lettern. Günther sagt: „Hätten ja ruhig schreiben können: Hier wohnt ein Rentner.“

Ohne Obdach

Betroffene: Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe geht von 248.000 Obdachlosen und 106.000 von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen in Deutschland aus. Etwa ein Viertel der Wohnungslosen sind Frauen, jeder zehnte Obdachlose ist im Kindes- oder Jugendalter. In Berlin haben sich 7000 Menschen obdachlos gemeldet, die Dunkelziffer dürfte noch einmal halb so viele Menschen betragen.

Hilfsadressen:

Zentrale Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot Berlin: Levetzowstraße 12a, Tiergarten

Bahnhofsmission Zoo, Jebensstraße 5

Bahnhofsmission Ostbahnhof, Erich-Steinfurth-Straße 8

Gebewo Notübernachtung für Frauen, Tieckstraße 17, Mitte

Berliner Stadtmission Notübernachtung, Lehrter Straße 69, Mitte

„Warmer Otto“ Notübernachtung, Wittenstockerstraße 7, Mitte

Kleiderkammer Lowtec, Michaelkirchstraße 15

Kleiderkammer St. Clara Gemeinde, Briesestraße 15, Neukölln

DRK-Frauenwohnstatt Spandau, Friedrichstraße 3, Spandau

Spenden: Berliner helfen e.V., eine Initiative der Berliner Morgenpost, sammelt Geld für Obdachlose. Mit den Spenden werden Suppenküchen unterstützt und die Einrichtung von Notunterkünften ermöglicht. Bitte spenden Sie an: Berliner helfen e.V., Stichwort: Obdachlosenhilfe, Spendenkonto 55, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 100 205 00.