Nachnutzung

Bausenator stellt alle Tempelhof-Pläne infrage

Alles auf Anfang: Berlins Bausenator Michael Müller (SPD) wird zwar nicht alles "komplett über den Haufen" werfen, aber alle Zukunftspläne für das Tempelhofer Feld noch einmal durchgehen. Damit stellt er jahrelange Überlegungen der eigenen Partei infrage.

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Es hat Jahre gedauert, bis Konzepte für die Gesamtentwicklung des ehemaligen Flughafenareals in Tempelhof vorgelegt wurden. Erst im Dezember 2011 wurde der Auftrag zur baulichen Qualifizierung der vier geplanten neuen Stadtquartiere am Rand des ehemaligen Flugfeldes vergeben. In diesem Sommer sollten bereits die ersten Wettbewerbe starten. Doch jetzt stellt der neue Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) die bisherigen Planungen plötzlich zur Disposition. Dabei geht es Müller nicht nur, wie zunächst berichtet, um das am Columbiadamm vorgesehene Gesundheitsquartier. Der Nachfolger von Ingeborg Junge-Reyer (SPD) beabsichtigt nach Aussagen seiner Sprecherin, „alle Planungen noch einmal ganz genau anschauen“. Wobei nicht alles „komplett über den Haufen geworfen werden soll“, wie Sprecherin Daniela Augenstein sagt.

Dennoch: Das Vorgehen irritiert. Denn die von Müller öffentlich „Wunschkonzert“ sowie „Bauchladen“ genannten Konzepte wurden in jahrelangen Verfahren und in Abstimmung mit dem rot-roten Senat erstellt. Sie waren Müller also bereits als SPD-Fraktionsvorsitzendem bekannt. Seit Januar 2011 obliegt die Gesamtentwicklung der landeseigenen Tempelhof Projekt GmbH unter Geschäftsführer Gerhard Steindorf. Steindorf wurde bereits im Juli 2009 mit seinem damaligen Partner in Adlershof, dem Manager Hardy Schmitz, vom Senat beauftragt, Konzepte für Tempelhof zu entwickeln. Schmitz verantwortet unterdessen die Nachnutzung des Flughafens Tegel .

Seitenhieb gegen Vorgängerin

Die Konzepte für Tempelhof sehen bislang neben den Planungen für ein Kreativ- und Gründerzentrum sowie einer Eventlocation im ehemaligen Flughafengebäude einen Park auf dem ehemaligen Flugfeld sowie an dessen Rand vier Baufelder vor. Dabei handelt es sich um ein Gesundheitsquartier im Norden mit Einrichtungen der Prävention, Geriatrie und Wellness, im Osten ein Wohnquartier als Erweiterung des Schillerkiezes, im Süden ein Gewerbequartier und im Westen ein Bildungsquartier mit Wohnanteil und dem Neubau der Zentralen Landesbibliothek (ZLB) . Sie allerdings lässt Müller bei seiner „Denkpause“ bezüglich der weiteren Planungen außen vor, sondern will – im Gegenteil – das Projekt beschleunigen. Nicht verwunderlich, denn die Bibliothek ist nach all den Jahren des Planens das einzige halbwegs konkrete Vorhaben im Rahmen der vier neuen Stadtquartiere. Baustart soll 2016 sein.

Angesprochen auf den deutlichen Seitenhieb des neuen Senators gegen seine Amtsvorgängerin Junge-Reyer (SPD) und die weiterhin amtierende Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, äußerte Letztere sich am Dienstag betont zurückhaltend: „Ein neuer Senator hat durchaus das Recht, bei der einen oder anderen Planung, die jetzt unter seiner Verantwortung steht, noch einmal genauer hinzuschauen und darüber nachzudenken“, sagte Lüscher Morgenpost Online. Warum Müller, der ja bereits seit Jahren von den Plänen gewusst hatte, sich nicht bereits als SPD-Fraktionsvorsitzender eingeschaltet hat, wollte die Senatsbaudirektorin nicht kommentieren. Allerdings sagte sie: „Es besteht die Gefahr, dass auch die Pflöcke, die bereits eingeschlagen sind, jetzt noch mal in Frage gestellt werden.“

Das neue Abgeordnetenhaus habe das Recht, neu nachzudenken und sich möglicherweise auch neu zu orientieren, goutiert die CDU das Vorgehen Müllers. Der Vorsitzende des Ausschusses für Stadtentwicklung und Umwelt, Manuel Heide (CDU), plädiert überdies dafür, auch über die bereits entschiedene Planung für die Gestaltung des Parks Tempelhofer Freiheit neu nachzudenken. „Ob da unbedingt so ein Berg hingehört, sollte man noch mal überlegen“, so Heide.

Die Linke begrüßt die Überprüfung der Bauplanungen. „Ich hoffe, dass die einzigartige Freifläche kurz- oder mittelfristig nicht bebaut wird“, so Katrin Lompscher. Wichtiger sei die Aufarbeitung der Geschichte dieses Ortes.

Der Stand der Planungen für Tempelhof ist am Mittwoch Thema im Stadtentwicklungsausschuss, der nach einer Rundfahrt über das Gelände vor Ort tagt.

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