Aigner und Wowereit

10.145 Schritte auf der Grünen Woche

Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit haben die Grüne Woche eröffnet. Dabei mussten - traditionell - sie einiges vertragen. Auch Otto-Normal-Besucher erwartet ein Mammutprogramm..

Foto: dpa / dpa/DPA

Bei der offiziellen Eröffnungsfeier zur 77. Internationalen Grünen Woche am Donnerstag haben sie sich mit Küsschen rechts und links auf die Wange begrüßt. Am Freitag dann gingen Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) gemeinsam ab 7.30 Uhr beim traditionellen Rundgang durch die Hallen unterm Funkturm. Und auf diesen Rundgang an der Seite des Messe-Routiniers Wowereit hatte sich Deutschlands oberste Verbraucherschützerin besonders gefreut.

Nur wenige Minuten vor acht Uhr allerdings wurde die kulinarische Rundreise des Politikerpaares unterbrochen. Ein Tierschützer bahnte sich seinen Weg vorbei an Sicherheitsmitarbeitern durch den Begleittross und fand so den Weg vor die Fernsehkameras. Er entrollte ein kleines Transparent. „Frau Aigner, lassen sie die Kaninchen frei!“ stand darauf geschrieben. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis ihn Sicherheitsleute abdrängen konnten. Nach dieser kurzen Unterbrechung, setzten der Pulk denn unbehelligt das Probier- und Flanierprogramm durch die Hallen fort. Rund zwei Stunden später beenden sie den diesjährigen Gang durch die Hallen. Bei dem jemand offenbar ganz genau hingesehen haben muss: Denn später am Tag wurde dann gemeldet, dass die Ministerin und der Regierende Bürgermeister 10.145 Schritte zurückgelegt haben. Die Wegstrecke soll insgesamt sieben Kilometer betragen haben.

Tausende warten auf Einlass

Die liegen um 10 Uhr noch vor den mehreren Tausend Besuchern, die auf Einlass warten. Das Interesse an der weltweit größten Landwirtschaftsschau ist wie immer groß. „Die Grüne Woche gehört zu Berlin wie die Avus und der Funkturm“, sagen Ilse und Hans-Peter George. „Wir sind seit Jahrzehnten als Besucher dabei.“ Vor dem Eingang warten auch ganze Schulklassen. Ihr vorrangiges Ziel ist die Halle 23a. Dort gibt es eine Sonderschau des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) „Verbraucher und Landwirtschaft – Gemeinsame Verantwortung für Mensch, Tier und Umwelt“. „Wir besuchen diese Halle und die Grüne Woche im Rahmen des Ethik-Unterrichts“, sagen Jenna Woche und Helen Haserodt. Beide besuchen die 10. Klasse der Bettina-von-Arnim-Schule in Reinickendorf. „Bei der Führung durch die Verbraucherschutzhalle geht es um das Thema Lebensmittel. Darüber müssen wir auch einen Bericht schreiben.“ Spannend finden sie den Vortrag über Mangos und Zitrusfrüchte. Eine Mitarbeiterin des Ministeriums erklärt Herkunft, Lieferländer, Vielfalt, Inhaltsstoffe und Ernte.

Zeitgleich mit der Messe wurde auch eine neue Internetseite ins Netz gestellt: www.bmelv-durchblicker.de. „Das ist eine Kinder- und Jugendseite des Bundesministeriums“, erklärt eine Mitarbeiterin der Internetredaktion. „Es geht unter anderem um die Themen Ernährung, sicheres Surfen im Internet, Tipps zum Handy und Bauernhof und Wald.“ Schulklassen und Familien mit Kindern lassen sich die Seite erklären. Auch die Stände der Verbraucherzentrale sind gut besucht. Da geht es um Themen wie Preisangaben im Lebensmittelhandel, lückenlose Kennzeichnungspflicht und Inhaltsstoffe. „Sich auf einer Messe alles in Ruhe zeigen und erklären lassen ist sehr lehrreich und interessant“, sagt Anne-Katrin Gerber. „Im Einkaufsstress unter Zeitdruck das alles auch vergleichen zu können ist aber fast nicht realistisch.“

Auf einem Tisch hat die Verbraucherzentrale Produkte ausgestellt, die von Verbrauchern besonders häufig auf der erst neuen Interseite www.lebensmittelklarheit.de kritisiert worden sind. Anhand von Abbildungen auf Etiketten und der tatsächlichen Liste der Inhaltsstoffe, wird den Besuchern deutlich gemacht, wie die Lebensmittelindustrie manipuliert. „Wer das Foto auf der Saftflasche sieht, könnte meinen, es handele sich um verschiedene Beerensäfte“, sagt eine Dozentin. „Dabei sind mehr als 70 Prozent Apfelsaft in der Flasche.“ Viele der Besucher den Kopf. „Solche Lebensmittel müssten alle nur boykottieren“, sagt Andreas Leisinsky. „Bis die merken, dass sie so etwas nicht mit uns machen können.“

Vorsicht Messetrubel

Besonders gefragt sind Handzettel der Verbraucherzentrale Berlin. Darauf warnt die Organisation vor Vertragsabschlüssen im Messetrubel. „Die Grüne Woche ist keine Freizeitveranstaltung, sondern eine Verkaufsveranstaltung. Die Möglichkeit des kostenlosen Widerrufs gibt es hier nicht“, heißt es in dem Informationsblatt.

In Zeiten ständig neuer Hiobsbotschaften aus der Lebensmittelbranche, erfreut sich die Halle 6.2a sehr großer Beliebtheit. Auf 3000 Quadratmetern geht es um die Themen artgerechte Tierhaltung, regionale Herkunft sowie faire Erzeugerpreise. „Der Bio-Markt entwickelt sich trotz Eurokrise weiter positiv“, sagt Alexander Gerber, Geschäftsführer des Branchendachverbandes Bund Ökologischer Lebensmittelwirtschaft. „Der Bio-Markt ist nach wie vor durch eine starke Nachfrage geprägt. Die Potenziale sind bei Weitem nicht ausgeschöpft.“ Verkostungen bieten unter anderem die Biohöfe aus dem Netzwerk Demonstrationsbetriebe Ökologischer Landbau an. „Beim Brot merke ich sehr deutlich den Qualitätsunterschied zum täglichen Supermarktbrot“, sagt Bärbel Sobotka. „Da ist aber auch ein großer Preisunterschied. Eine junge Familie mit zwei Kindern kann sich das nicht jeden Tag leisten, ein Brot für vier bis fünf Euro das Kilo.“ Trotz der höheren Preise für Bio-Lebensmittel würden immer mehr Besucher Interesse an gesundem Essen zeigen, sagt eine Mitarbeiterin. Gerade nach Lebensmittelskandalen, sei es bei Eiern oder Fleisch, gebe es vorübergehend einen regelrechten Nachfrageboom nach Bio-Produkten.

Grüne Woche 2012 in Berlin: bis zum 29. Januar 2012 auf dem Messegelände unter dem Funkturm in Charlottenburg. Öffnungszeiten: Die Agrarmesse ist täglich von 10 bis 18 Uhr, am 21., 27. und 28. Januar 2012 bis 20 Uhr geöffnet. Anfahrt: U-Bahn-Linie 2 (bis Kaiserdamm oder Theodor-Heuss-Platz), S-Bahn-Linien 41,42, 46 (Bahnhof Messe Nord/ICC) sowie S3 und S75 (Bahnhof Messe Süd). Die 5000 Parkplätze um das Messegelände sind schnell besetzt. Vom Parkplatz am Olympiastadion verkehren kostenlose Shuttlebusse. Eintritt: Die Tageskarte kostet zwölf, für Schüler und Studenten ermäßigt acht Euro. Happy-Hour-Karten, ab 14 Uhr, acht Euro. Familientickets (zwei Erwachsene und maximal drei Kinder bis 14 Jahre) kosten 26 Euro. Kinder bis zu sechs Jahren haben freien Eintritt.

Programm und Anmeldungen im Internet unter: www.gruenewoche.de