Spaziergang mit Jugendrichter Müller

Ein Querulant im Namen der Gerechtigkeit

Er gilt als gefürchteter Jugendrichter aus Bernau und war der verstorbenen Richterin Kirsten Heisig in enger Freundschaft verbunden. Beinahe legendär ist seine Idee, Springerstiefel als Waffen einzustufen. Sein Kampf für Gerechtigkeit ist eine Lebenshaltung.

Foto: M. Lengemann

Als das Gespräch auf Kirsten Heisig kommt, schweigt er. Wir laufen vom Viktoriapark auf die Kreuzbergstraße. Es regnet. Und er steht plötzlich ganz starr, blickt nach unten. Als müsse er sich darauf konzentrieren, jetzt überhaupt noch weitermachen zu können. Andreas Müller, der gefürchtete Jugendrichter aus Bernau, der Mann mit der dunklen, einprägsamen Stimme, kann plötzlich nicht mehr reden.

Später, da sitzen wir schon in einer verqualmten Kreuzberger Kneipe namens „Alptraum“, wird er erzählen, wie sehr er Kirsten Heisig verbunden war. Der Jugendrichterin aus dem Amtsgericht Tiergarten, die im Jahr 2009 mit ihrem „Neuköllner Modell zur besseren und schnelleren Verfolgung von jugendlichen Straftätern“ für Furore sorgte. Und die sich Ende Juni 2010 das Leben nahm. Ganz unvermittelt. Auch für Müller, der zu ihren guten Freunden zählte und den sie in ihrem Buch „Das Ende der Geduld – Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter“ ausdrücklich hervorhebt. Ihr Dank gelte dem „Kollegen Andreas Müller aus Bernau, der meine Arbeit als überzeugter ,Linker‘ kritisch begleitet“, heißt es. Es ist im Präsens geschrieben. Es deutet an, dass sie auch weiterhin auf Müllers Hilfe und Freundschaft setzte. Doch als das Buch erschien, war sie schon tot.

Springerstiefel als „Waffen“ verboten

Aufmerksam wurde Müller auf die Kollegin erstmals im Jahr 2001 auf einer Veranstaltung der Deutschen Richterakademie. „Kirsten und ich, wir waren gleichgestrickt“, sagt er. „Ich weiß noch genau, wie wir uns beim Abendessen trafen. Fast alle tranken Tee oder Saft. Aber wir hatten jeder ein Glas Bier in der Hand, haben uns zugeprostet und anschließend fast den ganzen Abend miteinander geredet.“

Kirsten Heisig war damals noch unbekannt. Den Jugendrichter Müller hingegen kannte fast jeder auf der Veranstaltung. Sein Auftreten im Amtsgericht Bernau, seine konsequenten Urteile und seine nicht ganz konventionellen Bewährungsauflagen hatten ihn bekannt gemacht. „Es ging um Skinhead-Gewalt, um den braunen Sumpf der damaligen Zeit“, erinnert er sich. „Die Brandanschläge in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, ich habe mir immer die Frage gestellt: Wie kann das auf deutschen Boden sein? Mir war klar, wenn da nicht konsequent reagiert wird, dann wird das so weitergehen.“

Es gibt einige Geschichten aus dieser Zeit, die im Zusammenhang mit Müller immer wieder gern erzählt werden. So verurteilte er im Jahr 2000 jugendliche Skinheads, für die der Staatsanwalt Bewährungsstrafen beantragte, zu Haftstrafen ohne Bewährung und ließ sie dann auch gleich in Handschellen abführen und in die Jugendstrafanstalt bringen. Oder jene Geschichte von der 15-Jährigen, die auf der Straße aus einer Meute heraus provokant den Arm zum Hitlergruß hob. Das Mädchen musste nicht nur zehn Stunden Sozialarbeit leisten. Müller trug ihm außerdem auf, eine Moschee in Kreuzberg zu besuchen und gemeinsam mit jungen Türken Döner-Kebab zu essen. Wieder andere, junge Angeklagte wurden von ihm verpflichtet, mit ihren Lehrern die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen zu besuchen.

Fast legendär ist seine Idee, Springerstiefel als Waffen einzustufen. „Darauf kam ich in einer Disko in der Kreuzberger Marheinekehalle“, erinnert er sich. „Ich sah einen Skinhead martialisch mit seinen Stiefeln durch die Gegend stampfen. Das hat mich geärgert. Ich wusste ja, dass es eben nicht nur Schuhwerk ist: Und dann kam mir morgens um vier die Idee: Ich verbiete denen, die mit diesen Dingern durch die Gegend laufen und andere bedrohen, beleidigen, angreifen oder auch schlagen, diese Stiefel zu tragen. Unter Androhung von Arrest oder Bewährungswiderruf. Und das habe ich dann auch durchgezogen.“

Doch es traf nicht nur die Kleinen. Auch ein NPD-Funktionär, der in Müllers Saal in Springerstiefeln als Zeuge erschien, musste sich dem Willen des Richters beugen und stand schließlich auf Socken im Gerichtssaal. „Springerstiefel, 18 Loch, weiße Schnürsenkel – das heißt: Ich bin gewaltbereit. Ich bin ausländerfeindlich und im Übrigen liebe ich Adolf Hitler“, sagt Müller. „Wenn jemand mit so einem Plakat in den Saal käme, würde sich das ein Richter auch nicht gefallen lassen.“

In der Dudenstraße kommt uns eine Gruppe Jugendlicher entgegen. Müller mustert sie. Er hat einen festen Blick, und sie merken das auch und drehen sich um. Hat er manchmal Furcht vor Racheakten? Nein, sagt er, habe er nicht. Es heißt, dass er nachts nicht mehr mit der S-Bahn fahre. „Aber nicht, weil ich Angst vor Tätern habe, die von mir verurteilt wurden“, erwidert er. Es sei eher die Sorge, das Interesse von potenziellen Gewalttätern direkt auf sich zu lenken. Weil er diesen Blicken nicht ausweichen könne. Diesem provokanten ,Was guckst du?!‘ Er würde sich, wenn andere attackiert werden, immer auch einmischen, sagt er. „Ich kann nicht anders. Ich hatte auch immer schon so einen Minderheitenschutz im Kopf.“

Es ist eine Lebenshaltung. Sie hat viel zu tun mit Müllers Kindheit im niedersächsischen Meppen. Er wurde von anderen Kindern verspottet: Rote Haare, Sommersprossen/ sind des Teufels Artgenossen. „Ich habe in der Badewanne gesessen und meine Mutter angebettelt, mir die Haare so lange zu waschen, bis ich auch so bin wie die anderen.“ Aber es waren ja nicht nur die roten Haare. Als er elf war, starb sein alkoholkranker Vater. Und als sein fünf Jahre älterer Bruder zum ersten Mal festgenommen wurde, weil er Haschisch rauchte, wurde Andreas Müller von einem Lehrer geschlagen. Quasi vorbeugend, damit er nicht so werde wie der große Bruder. „Das war für mich ein Schlüsselerlebnis“, sagt Müller. „Ich hatte damals schon ein tiefes Gerechtigkeitsgefühl.“ Aus diesem Gefühl, sagt er, habe er dann auch im Jahr 2002 seinen viel diskutierten Vorstoß beim Bundesverfassungsgericht unternommen, den Besitz geringer Mengen Cannabis zu legalisieren. Weil er es als nicht hinnehmbar empfand, dass jedes Bundesland andere Mengen zuließ. Und weil er bis heute vermutet, dass sein Bruder, der damals bei seiner Festnahme nur wenige Gramm Haschisch bei sich trug, durch die Ächtung seiner Umgebung erst richtig in die Drogenszene abdriftete.

Als Müller sein Jurastudium an der Freien Universität in Berlin begann, wollte er noch Anwalt werden. Dass es anders kam, hat auch viel mit der Liebe zu seiner Mutter zu tun. Im Ort war bekannt, dass ihr Mann ein Trinker war. Und fast jeder wusste auch, dass Andreas Müllers älterer Bruder immer weiter abdriftete und schließlich mehrfach im Gefängnis saß. Aber es gab ja ihn, den Jurastudenten. „Sie war unendlich stolz auf mich.“

Anfang der 90er-Jahre erkrankte seine Mutter an Krebs. Als sie zunehmend schwächer wurde, ließ er sich für sie an ein Gericht im nordrhein-westfälischen Münster versetzen. „Das war nicht weit entfernt von Meppen. Ich konnte sie oft sehen“, sagt er. Das größte Geschenk für sie war jedoch seine erfolgreiche Bewerbung in Brandenburg. „Meine Mutter hat gesagt: Jetzt haben wir einen Richter in der Familie.“ Drei Monate später starb sie.

Wir erreichen jetzt den Mehringdamm. Müller mag diese Gegend. Als Student hat er auch in Neukölln und Wedding gewohnt. Aber am besten gefiel ihm Kreuzberg. Und dort wiederum der Berg, der diesem Stadtteil seinen Namen gab. Er hätte auch gern Kirsten Heisig „diesen tollen Blick über die Innenstadt“ gezeigt, sagt Müller. „Aber wir haben es zeitlich nie geschafft. Wir waren ja noch nicht alt. Ich hatte nie den Eindruck, dass es irgendwann zu spät sein könnte.“

Nachdem er von ihrem Suizid hörte, war er erst einmal abgetaucht. Erst ein Vierteljahr später hielt er wieder einen öffentlichen Vortrag, in Minden (Niedersachsen). Er las bewusst aus ihrem Buch vor. „Da war ich dazu zum ersten Mal in der Lage.“ Seitdem ist Müller eine Art Testamentsvollstrecker. Ein Mann, der verhindern will, dass Kirsten Heisig und ihre Ideen für das Jugendstrafrecht in Vergessenheit geraten. Es sind ja letztlich auch seine Ideen und Vorstellungen. Zu den wichtigsten zählt eine möglichst geringe Zeitspanne zwischen Tat und Ahndung. Auch durch eine effizientere Zusammenarbeit zwischen Jugendämtern, Polizei, Familiengerichten, Staatsanwaltschaft und Strafrichtern. „Manche sind wegen verschiedenster Delikte schon 15 Mal bei der Polizei gewesen, bis ich sie zum ersten Mal vor Gericht sehe“, sagt er. „Die wussten manchmal gar nicht mehr, in welche Laube sie eingebrochen waren oder welches Auto sie geklaut hatten.“

Eine weitere Forderung, die von ihm und Heisig in der Praxis schon umgesetzt wurde, ist die konsequentere Anwendung der Gesetze. „Man kann im Jugendstrafrecht, wie es jahrelang gemacht wurde, nicht immer nur den Täter im Blick haben“, sagt er. „Noch eine Auflage, noch eine Streicheleinheit, noch eine Verwarnung – darüber lachen sich die Intensivtäter irgendwann kaputt, und es gibt immer wieder neue Opfer.“

Er liest oft aus Kirsten Heisigs Buch

All das stehe auch in Heisigs Buch, sagt Müller. „Es drängt sich förmlich als Vorlage für Veränderungen auf. Aber ich habe Justizminister und Innenpolitiker getroffen, die hatten das Buch nicht gelesen oder kannten es erst gar nicht. Dabei müsste dieses Buch doch für sie etwas sein wie die Bibel für den Katholiken.“

Die letzten Worte schreit er fast. Es ist dieses Gefühl, immer wieder gegen unsichtbare Wände zu rennen. So wie es seiner Meinung nach Kisten Heisig passierte. „Sie hat den schwierigsten Weg gewählt“, sagt er. „Sie hat es von unten nach oben versucht, ist in die Schulen gegangen, in die Wohngebiete, zur Polizei, war immer wieder in den Medien präsent – und sie hat sich dabei aufgerieben.“

Er selbst hat den anderen Weg versucht. Nicht sehr glücklich. Im Frühjahr 2002 zog er für die PDS als Parteiloser in den Bundestagswahlkampf, erwog aber schon drei Wochen vor der Wahl, die Sache wieder abzubrechen. „Die wollten mich als bekannte Figur haben“, sagt er, „aber sie haben mich nicht unterstützt.“ Es hätte auch eine andere Partei sein können. Die Grünen seien ihm sehr viel näher, „kamen für mich als überzeugten Pazifisten wegen ihrer Afghanistanpolitik aber nicht infrage“. Im Nachhinein ist er ganz froh, dass er nicht gewählt wurde. „Ich wäre mit diesem Wechsel in die Politik vermutlich auch nicht glücklich geworden“, sagt er. „Ich gelte als Polarisierer. Ich passe in keine Schublade.“

Aber er macht weiter. Sitzt in Talkshows, hält Vorträge über das Jugendstrafrecht und wie es wirksamer angewandt werden könnte, gibt Interviews und referiert dabei über das Modell der beschleunigten Verfahren.

Nach dem Tod des Fußballnationaltorwarts Robert Enke wurde über das Phänomen berichtet, dass die Betroffenen oft schon Tage vor der geplanten Selbsttötung zu einer merkwürdigen Ruhe kommen. Sie wissen jetzt, dass sie es tun werden. Andreas Müller sah Kirsten Heisig fünf Tage vor ihrem Tod zum letzten Mal. Es war die Zeit der Fußballweltmeisterschaft. Berlin war in einer euphorischen Stimmung. Auch Müller und Heisig, so glaubte er damals zumindest, waren in Feierlaune. „Wir haben auf der Fanmeile gestanden, jeder eine Flasche Bier in der Hand. Kirsten war geschminkt, sie sah sehr süß aus“, erinnert er sich.

Sie besprachen den Vorschlag einiger Justizpolitiker, Diebstahl mit der Entziehung des Führerscheins zu ahnden. Die beiden Jugendrichter fanden diese Idee lächerlich. Beide waren von Medienvertretern deswegen in den Tagen zuvor angerufen worden. „Ich habe überhaupt keinen Bock mehr auf diese Pressegeschichten“, habe er zu Kirsten Heisig damals gesagt, erinnert er sich. Sie sei darauf aber nicht eingegangen. Sondern habe nur wissen wollen, ob er denn da sei, wenn in den nächsten Wochen ihr Buch erscheine. „Ich habe das abgetan und gesagt: Bei deinem Buch passiert nicht viel, das kannst du schon allein.“ Und sie habe erwidert: „Du wirst mehr machen müssen, als du denkst.“

Zur Person

Kindheit und Familie Andreas Müller wurde am 5.Juli 1961 in Meppen (Niedersachsen) geboren. Er besuchte eine katholische Schule. Nach dem Abitur studierte er an der Freien Universität Berlin Jura. Sein Referendariat machte er am Kammergericht, unter anderem bei der Berliner Jugendstaatsanwaltschaft und am Amtsgericht Tiergarten. Nach einer Zwischenstation am Landgericht Frankfurt (Oder) arbeitet Müller seit 1997 als Jugendrichter am Amtsgericht Bernau (Landkreis Barnim). Müller wohnt im Berliner Ortsteil Glienicke. Er ist geschieden und hat zwei Töchter.

Jugendrichter Müller ist als sehr konsequenter Jugendrichter bundesweit bekannt geworden. So ließ er jugendliche Skinheads im Gerichtssaal mit Handschellen abführen. Er schätzte die Springerstiefel von Skinheads als Waffen ein und ließ sein Stiefelverbot polizeilich kontrollieren. Ein NPD-Funktionär, der zu einer Verhandlung mit Springerstiefeln erschien, musste das Schuhwerk vor dem Verhandlungssaal ablegen.

Kirsten Heisig Müller war mit der Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig befreundet, die sich im Sommer 2010 das Leben nahm, unmittelbar vor dem Erscheinen ihres Buches „Das Ende der Geduld – Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter“. Beide teilten die Forderung nach schnelleren Strafverfahren gegen Jugendliche und konsequentere Anwendung des Jugendstrafrechts.

Spaziergang Vom Kreuzberg durch den Viktoriapark zur Kreuzbergstraße, von dort in die Katzbachstraße, weiter in die Dudenstraße, den Mehringdamm und wieder zur Kreuzbergstraße.

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