Drei Überfälle

Erneute Gewaltexzesse auf Berlins Bahnhöfen

Mehrere Überfälle auf Berliner U- und S-Bahnhöfen: Eine schwangere Frau wurde am Gesundbrunnen von einem Schläger angegriffen, am Kottbusser Tor in Kreuzberg überfiel ein Trio einen 48-Jährigen, in Hellersdorf wurde ein 24-Jähriger bewusstlos geprügelt. Die Gewerkschaft der Polizei fordert Konsequenzen.

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Bei neuerlichen Attacken auf Fahrgäste auf Berliner U- und S-Bahnhöfen sind insgesamt drei Menschen angegriffen worden, darunter eine schwangere Frau. Die 33-Jährige kam mit dem Schrecken davon, ihr ungeborenes Kind blieb unverletzt. Zumindest in diesem Fall konnte der Täter gefasst werden.

Angesichts der zunehmenden Gewalt im öffentlichen Nahverkehr forderte die Gewerkschaft der Polizei (GdP) am Freitag, mehr Personal für die Sicherheit der Fahrgäste einzusetzen. „Die dafür erforderlichen finanziellen Mittel müssen entweder Senat und Abgeordnetenhaus zur Verfügung stellen, oder die BVG muss das zusätzliche Personal der Polizei mit einem Sicherheitszuschlag finanzieren“, sagte der GdP-Landesvorsitzende Michael Purper.

Der erste Zwischenfall ereignete am Donnerstagnachmittag gegen 16.30 Uhr auf dem S-Bahnhof Gesundbrunnen. Ein offenbar geistig verwirrter 44 Jahre alter Mann griff ohne erkennbaren Grund die 33-jährige schwangere Frau an und riss sie zu Boden. Anschließend trat er auf sein am Boden liegendes Opfer ein.

Angreifer in die Psychiatrie

Ein Bundespolizist, der sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Feierabend befand, eilte der im fünften Monat Schwangeren zu Hilfe. Sie wurde von der Feuerwehr ins Krankenhaus transportiert. Die Ärzte dort konnten wenig später Entwarnung geben – Kind und die werdende Mutter blieben unverletzt. Der Angreifer wurde festgenommen und in die psychiatrische Abteilung einer Klinik eingewiesen. Gegen ihn wird unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Kurz vor der Attacke soll er bereits eine 44-Jährige in der Linie S1 angegriffen haben.

Nur eine halbe Stunde zuvor wurde ein 48-Jähriger auf dem U-Bahnhof Kottbusser Tor Opfer eines Gewaltexzesses. Gegen 17 Uhr wartete der Mann auf dem Bahnsteig auf einen Zug der Linie U8, als er von einem Trio angesprochen und gefragt wurde, ob er Drogen verkaufen würde. Als der 48-Jährige verneinte, entwickelte sich ein Streit, in dessen Folge einer der Männer dem Opfer mit einer vollen Glasflasche ins Gesicht schlug und anschließend ein Messer zog. Der Angegriffene konnte den Stichen zwar ausweichen, wurde dann aber von zwei Komplizen zu Boden gedrückt und mehrfach gegen den Kopf getreten. Die Angreifer raubten das Bargeld des 48-Jährigen und entkamen mit einem Zug in Richtung Wittenau. Das Opfer musste wegen einer Augenverletzung in ein Berliner Krankenhaus gebracht werden, konnte dies allerdings nach einer ambulanten Behandlung wieder verlassen.

Gegen 21 Uhr schließlich musste ein 24-Jähriger in Hellersdorf zur Behandlung nach einem Übergriff ins Krankenhaus gebracht werden. Der Mann war auf der gleichnamigen U-Bahn-Station mit vier Unbekannten aus bislang ungeklärter Ursache in Streit geraten. Ein Beteiligter schlug ihm dann so hart gegen den Kopf, dass er bewusstlos zu Boden ging. Während die Unbekannten flüchteten, alarmierten Zeugen den Rettungsdienst, der das Opfer ins Krankenhaus brachte. Schwerwiegende Verletzungen wurden nicht festgestellt, der 24-Jährige konnte die Nacht zu Hause verbringen.

Sicherheitskräfte koordinieren

Vor dem Hintergrund des jüngsten Anstiegs der Zahl von Gewalttaten auf Berlins Bahnhöfen fordert der GdP-Landesvorsitzende nun ein koordiniertes Vorgehen der Sicherheitskräfte. „Wir brauchen zur Eindämmung der Gewalt ein zwischen der Polizei und der BVG abgestimmtes Sicherheitskonzept, in das auch die Bundespolizei für den Bereich der S-Bahnen einbezogen werden sollte“, so der Gewerkschafter.

Er und seine Mitarbeiter hätten bereits am 23. August des vergangenen Jahres den damaligen Innensenator Ehrhart Körting (SPD) mit einem Fünf-Punkte-Programm aufgefordert, zur Bekämpfung der Gewalt und der Brandstiftungen auf öffentlichem Straßenland und im öffentlichen Personennahverkehr den neuen „Dienstzweig Polizeiangestellte im Vollzugsdienst“ zur Entlastung der Schutzpolizei zu bilden. „Das hat der Innensenator am 11. Oktober 2011 abgelehnt. Mit den Folgen muss sich aktuell sein Nachfolger auseinandersetzen. Die Bevölkerung erwartet jetzt Entscheidungen, die Wirkung zeigen“, kritisierte der GdP-Vorsitzende.

Nach den Vorstellungen der GdP könnten diese Polizisten ausschließlich zur Sicherheit der Fahrgäste im ÖPNV eingesetzt werden. Diese Maßnahme würde schon mittelfristig wirken, da sie nach einer verkürzten und speziellen Ausbildung nur in diesem Aufgabengebiet den Polizeivollzugsdienst unterstützen könnte.

An der Basis sorgt das derzeit übliche Verschieben von Polizeieinheiten längst nur noch für Kopfschütteln. „Präventiv können wir eigentlich kaum noch wirken, sondern nur noch nach Bedarf arbeiten“, sagte ein Polizeiführer. „Wenn Unbekannte wochenlang stadtweit Autos anzünden, werden wir in Brandstreifen eingeteilt. Gehen gleichzeitig die Fallzahlen von Attacken in den U-Bahnhöfen hoch, werden wir offiziell auch noch dafür abkommandiert, obwohl jedem klar ist, dass dies alles für die Galerie ist.“ Die Polizei und ihre Führung könne nur das tatsächlich vorhandene Personal anbieten, mehr könne nur die Politik schaffen.