Gourmet-Metropole

Berlin ist Deutschlands kulinarische Hauptstadt

Berlin besitzt die meisten Top-Restaurants der Republik: 16 Michelin-Sterne verteilen sich auf insgesamt 13 Standorte - und 2012 werden zahlreiche neue Spitzenrestaurants hinzukommen.

Foto: Christian Kielmann

Das Wort des Jahres in der Berliner Gastronomie ist: Sterneregen. Die deutsche Hauptstadt ist längst auch die kulinarische Metropole des Landes. Sie besaß bereits 2010 die meisten Sternerestaurants der Republik. 2011 kamen noch ein paar Michelin-Sterne hinzu: jeweils ein zweiter für das „Reinstoff“ und das „Lorenz Adlon Esszimmer“ in Mitte sowie einer für das „Horvath“ in Kreuzberg.

Damit gibt es nun in Berlin 13 Restaurants mit 16 Sternen – ein blendendes Ergebnis für eine Stadt, die bis Anfang der 90er-Jahre auf der Landkarte der Gourmets nur als kulinarische Randnotiz existiert hatte. Doch Berlin wäre nicht Berlin, wenn es nur in der Oberliga mit Neuigkeiten aufwartete. Im Gastronomiejahr 2011 ist viel passiert, sind neue Restaurants eröffnet worden. Aber es gab auch Wirte, die Pleite machten und die Jalousien für immer herunterlassen mussten. Also ein Kommen und Gehen in der Gastronomie, was bei mehr als 15.000 Bars, Restaurants und Imbissen in Berlin aber nicht verwundert. Rund 30 Prozent des Bestandes seien jährlich Neuerungen unterworfen, so Fachleute.

An der kulinarischen Basis feierte im April mit „Konnopke“ die berühmteste Currywurstbude ihre Wiedereröffnung unter dem U-Bahn-Viadukt in Prenzlauer Berg. „Curry 36“ am Kreuzberger Mehringdamm beging das 30-jährige Bestehen. Das „La Mano Verde“, Berlins erstes veganes Restaurant, zog von Mitte an den Kurfürstendamm. Sternekoch Marco Müller von der „Weinbar Rutz“ durfte sich über die Wahl zum „Berliner Meisterkoch 2011“ freuen und darüber, dass er für den Papst bei dessen Berlin-Besuch im September das Menü vor der Messe im Olympiastadion kochen durfte.

Trend zu temporären Lokalen

Auch als kulinarisch versierter Beobachter musste man sein Adressbuch deutlich erweitern. Zur Fashion Week im Januar bewies Modemacher Michael Michalsky sein Talent als Interior-Designer. Das Styling der „Catwalk Bar“ im „Marriott“ am Potsdamer Platz ist sein Werk. Die Modewoche war auch für den Caterer Klaus Peter Kofler Anlass, mit dem „Pret a Diner – The Melting Pot“ in der ehemaligen „Alten Münze“ gegenüber vom Roten Rathaus ein „Pop-up“-Restaurant zu erschaffen – ein nur für kurze Zeit existierendes Lokal. Zur Fashion Week 2012 wird das wiederholt. Am 13. Januar eröffnet dort wieder ein Pret-a-Diner-„Pop-up“-Restaurant – das „In the Mix“. Auf der Dachterrasse des „Hotel de Rome“ ist eine „Pop-up“-Eisbar geplant.

Bei zahlreichen Wirten ging in diesem Jahr – mitunter überraschend – der Trend zum Zweitrestaurant. In Sachen Fleischkost versetzte die Eröffnung des „Brooklyn Beef Clubs“ an der Köpenicker Straße in Kreuzberg im Frühjahr Gourmets in Entzücken. Die „Filetstück“-Chefs von der Schönhauser Allee eröffneten eine Dependance im feinen Westteil Berlins, an der Uhlandstraße in Charlottenburg.

Tim-Raue-Kost im Asphalt Club

Menüs vom Sternekoch Tim Raue gibt es nun nicht mehr nur in dessen Restaurant an der Rudi-Dutschke-Straße in Kreuzberg, sondern auch im „Asphalt Club“ im Hotel „Hilton“ am Gendarmenmarkt. Raue lieferte das „Urban Dining“-Konzept für den Club, der bis 22 Uhr als Restaurant fungiert und erst danach zum Tanzen umgestaltet wird. Gastronom Anton Stefanov zog mit seinem Gourmetrestaurant „Berlin-Sankt Moritz“ im Sommer in die ehemalige Hundekehle nach Schmargendorf um und machte aus dem Ex-„Sankt Moritz“ das „Brenner“, dessen Küche Alpenländisches anbietet. Weitere interessante Neuzugänge des Jahres sind das „Fräulein Fiona“ in Charlottenburg, „Der Hahn ist tot“ in Prenzlauer Berg, das Zweitrestaurant der „Horvath“-Betreiber, „Rio Grande“, an der Oberbaumbrücke in Kreuzberg oder auch das Clubrestaurant „KaterHolzig“ in Mitte, das von den Machern der einst am gegenüberliegenden Spreeufer betriebenen „Bar25“ gemanagt wird. Diese angesagte Location repräsentiert bis Mai 2012 die Berliner Szenegastronomie auch im ersten „Pop-up“-Design-Hotel der Welt in Mexiko.

Zurück auf der Gastronomenbühne ist seit diesem Jahr der einstige Sternekoch des „first floor“, Matthias Buchholz, der nach einer Auszeit nun im Gutspark des Britzer Schlosses ein eigenes Restaurant mit feiner Landhausküche eröffnet hat. Den bekanntesten Berliner Vertreter der Molekular-Küche, Cristiano Rienzer, können Gäste nach der Schließung seines „Maremoto“ nun im „Guten Morgen Franz“ in Mitte mit außergewöhnlichen Kreationen erleben. Auch der fast schon legendäre Markus Semmler ist nach „Mensa“-Pleite, Sylt-Abstecher und Jahren im Edel-Event-Catering zurück. Er eröffnete im November „Das Restaurant“ an der Sächsischen Straße in Wilmersdorf. „Restaurantbesuche sind ein Hauptgrund für Touristen, nach Berlin zu kommen“, sagt VisitBerlin-Geschäftsführer Burkhard Kieker. So konnten sich unternehmungslustige Touristen im zurückliegenden Jahr an Neuzugängen wie dem „Mio“ im Fernsehturm, dem „Franz“ am Roseneck oder dem „Hofbräu Berlin“ am Alexanderplatz erfreuen.

2011 eröffnet und wenig später wieder geschlossen haben das „Holyfields“ Unter den Linden, der „Neubau“-Ableger von Sternekoch Stefan Hartmann an der Bergmannstraße in Kreuzberg sowie die „Adnan“-Dependance „Bey“ in Charlottenburg. Ebenfalls schließen mussten das „Heinrichs“ am Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte, baulich bedingt das „Rodeo“ an der Oranienburger Straße, Roland Marys „San Nicci“ am Bahnhof Friedrichstraße und eine Institution, das „Marché“ am Kurfürstendamm. Adieu hieß es 2011 für Josef Diekmanns „Austernbar“ im Hauptbahnhof, das Restaurant „Guy“ am Gendarmenmarkt – Hartmut Guy übernahm das „Riehmers“ in Kreuzberg – und Ende des Jahres schließt auch das „Opernpalais“ in Mitte.

Doch die positiven Nachrichten überwiegen: Ende November machte ein Nachfolger des Restaurantschiffs „Van Loon“ am Urbanhafen fest. Nach Kreuzberg umgezogen ist auch „Frau Rauscher“. „Die Eselin von A.“ ist an die Königstraße in Wannsee gezogen.

„Die kulinarische Vielfalt in Berlin wird noch größer“, prognostiziert Stefan Elfenbein, Chef der Berliner Meisterköche-Jury. „Berlin ist die Stadt, in der neue Ideen geboren werden, und das setzt sich auch 2012 fort.“ Der Pionier der Eventgastronomie, Hans-Peter Wodarz, hat nicht nur im Herbst eine weitere Palazzo-Saison eingeläutet, Mitte Januar 2012 steht das Soft-Opening seines nächsten Projekts an: des drei Millionen Euro teuren XL-Lokals „Berlin Moscow“ im ehemaligen „Lindenlife“ Unter den Linden. Wodarz vermutet: „Im kommenden Jahr wird es weitere Sterne geben.“ Ob er damit sich selbst meint oder den Hamburger Fernsehkoch Christian Rach, der auf dem Sprung nach Berlin sein soll, oder etwa den Belgier Roel Lintermans, der ab Frühjahr Küchenchef im „Les Solistes by Pierre Gagnaire“ im neuen „Waldorf Astoria“ wird?

Aber auch der neue Hauptstadtflughafen in Schönefeld will gastronomisch durchaus glänzen. Wenn der Airport am 3. Juni eröffnet wird, werden dort auch zahlreiche Ableger Berliner Restaurants wie das „Lutter & Wegner“, das „Traiteur by borchardt“ oder das „Pelegrini Gusto Italiano“, eine Art „Ana e Bruno No. 2“, kulinarisch mit am Start sein.