Gourmet-Führer

Berlin ist die Hauptstadt der Sterneköche

Mit einem Dutzend Sternerestaurants und insgesamt 16 Sternen führt die Hauptstadt im bundesweiten Vergleich und konnte den Abstand zum diesjährigen Zweitplatzierten München vergrößern.

Foto: Amin Akhtar

Die Sterne für die Berliner Gastronomie stehen weiterhin günstig. Zumindest die, die jedes Jahr im November von dem renommierten Gourmet-Führer Guide Michelin verliehen werden. Und die belegen auch in diesem Jahr den Aufwärtstrend der einst als Buletten-Metropole belächelten Hauptstadt hin zur kulinarischen Hochburg Deutschlands.

Keine andere deutsche Großstadt hat derart viele Sternerestaurants und Sterne wie Berlin zu bieten. Konnte sich die deutsche Hauptstadt noch im vergangenen Jahr mit zwölf Sternerestaurants und 13 Sternen nur knapp vor Hamburg (11 Restaurants) behaupten, ist der Abstand in diesem Jahr schon deutlich größer geworden. Denn neben dem bereits arrivierten Zwei-Sterne-Koch Christian Lohse vom „Fischers Fritz“ im Hotel Regent gibt es mit Hendrik Otto („Lorenz Adlon Esszimmer“, Adlon Kempinski) und Daniel Achilles („Reinstoff“) gleich zwei neue Küchenchefs in dieser Kategorie. Und Dank des jungen Küchenchefs Sebastian Frank gibt es mit dem „Horvath“ in Kreuzberg jetzt mehr als ein Dutzend Sterne-Restaurants in Berlin mit insgesamt 16 Sternen. Dagegen verblasst Hamburg. Dort gibt es zwar auch aktuell zwei neue Zwei-Sterne-Köche, aber nach der Schließung des Restaurants „Tafelhaus“ von TV-Koch Christian Rach muss die Elbmetropole sogar München (elf Restaurants) den Vortritt lassen – sie hat nur noch zehn Sternerestaurants.

Dass es in Berlin ausreichend Potenzial für die gehobene Gourmetküche gibt, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Nach Einschätzung von Fremdenverkehrsexperten ist das vielfältige und hochklassige gastronomische Angebot zu vergleichsweise günstigen Preisen schon jetzt für zahlreiche Touristen ein entscheidender Grund für einen Berlinbesuch – das dürfte künftig noch zunehmen. Erstklassige Restaurants gibt es hier schon lange, nur wurde den Küchenkünstlern bislang allzu oft die Anerkennung für ihre Leistung durch den Guide Michelin verwehrt, so Branchenkenner. Da war es in der Vergangenheit häufig leichter, in der Provinz zu Ehren zu kommen.

Trend zur legeren Gastronomie

Seit einigen Jahren hat aber offensichtlich ein Umdenken bei den Testern der französischen Feinschmecker-Bibel eingesetzt. So müssen die von ihnen bewerteten Restaurants längst nicht mehr unbedingt luxuriös in der Ausstattung, steif im Service und ausschließlich mit erlesensten Edelprodukten daherkommen. Selbst Tischdecken sind nicht mehr in jedem Fall ein Muss. Und es können auch bodenständige Produkte auf den Tisch kommen – vorausgesetzt, sie sind kreativ und perfekt zubereitet. Als Pionier einer derartig legeren Gastlichkeit auf kulinarischem Höchstniveau gilt der diesjährige Berliner Meisterkoch Marco Müller, der bereits 2007 den Stern für die „Weinbar Rutz“ holte. Davon profitierten andere „Szene-Gourmet-Restaurants“, die diesem Trend folgten – wie zwei Jahre später Daniel Achilles, 2010 Tim Raue und Stefan Hartmann und in diesem Jahr Sebastian Frank.

Der Bezirk Mitte ist weiter das Berliner Dorado für Feinschmecker. Aber Kreuzberg hat mit seinen Szene-Gourmet-Restaurants aufgeholt und in diesem Jahr, was die Zahl der Sterne angeht, sogar die etablierten Restaurants in der City West, in Charlottenburg-Wilmersdorf überflügelt.

War Kreuzberg noch bis Ende 2010 eine sternefreie Zone, gibt es jetzt mit Raue, Hartmann und Sebastian Frank („Horvath“) schon drei Sterne-Restaurants. Als bei Frank Anfang der Woche der Guide Michelin anrief, um ihm die frohe Botschaft zu übermitteln, glaubte er an Glückwünsche zum 30.Geburtstag. „Ich hätte nie geglaubt, dass ich schon jetzt einen Stern bekomme“, sagt der Österreicher, der in diesem Jahr Vater geworden ist und auf der Lebensmittelmesse „Anuga“ zum Koch des Jahres gewählt wurde. Im September hat Frank die Morgenpost-Leser mit einem Fünf-Gänge-Menü begeistert. Trotz der Ehre bleibt Frank bescheiden: „Wir machen weiter wie bisher, was Restaurant, Speisekarte und Preise anbelangt.“

Aufsteiger des Jahres

Auch Daniel Achilles sieht keinen Grund, etwas an seinem Erfolgskonzept für das „Reinstoff“ zu ändern. Sein Aufstieg war atemberaubend: Erst 2009 eröffnet, wurde er noch im selben Jahr mit seiner Avantgarde-Küche Aufsteiger des Jahres bei den Berliner Meisterköchen, erhielt einen Stern und nun, zwei Jahre später, seinen zweiten. „Den hatten wir absolut nicht auf dem Plan“, sagt der 35 Jahre alte Küchenchef. „In diesem Jahr hatten wir mit null Komma nix gerechnet.“

Ähnlich überraschend wie für Achilles kam der zweite Stern auch für Hendrik Otto. Der 37 Jahre alte Küchenchef des Nobel-Restaurants „Lorenz Adlon Esszimmer“ in der Beletage des Adlon gilt als Meister seines Fachs, der mit edlen Produkten außergewöhnliche und unvergessliche Geschmackserlebnisse zaubern kann und offensichtlich überall sein Können entfalten kann. Denn schon zuvor hatte Otto im ehemaligen Gourmet-Restaurant „Vitrum“ im Berliner Ritz-Carlton als Nachfolger von Thomas Kellermann den Stern verteidigt. Dasselbe Glanzstück gelang ihm im vergangenen Jahr im Lorenz Adlon, wo er erst im April 2010 die Nachfolge von Thomas Neeser angetreten hat.

Nach einem weiteren Jahr jetzt also schon der zweite Stern. Otto: „Mein Team und ich sind unserer Linie stets treu geblieben. Unsere Passion ist es, Emotionen zu wecken. Wir möchten alle Sinne unserer Gäste beim Genießen ansprechen. Dass der renommierte Gourmetführer diese Leistung mit einem zweiten Stern krönt, erfüllt uns mit großer Freude und mit Stolz.“

Etwas enttäuscht vom diesjährigen Sterneregen für Berlins Köche dürfte Tim Raue („Tim Raue“) sein, hatte er sich doch berechtigte Hoffnung auf den zweiten Stern machen können. Doch auch im zweiten Jahr als Anwärter auf die höheren Weihen blieb ihm dieser Ritterschlag versagt. Raue hatte sich nach seinem Weggang als Küchendirektor der Adlon-Holding und Chefkoch des Sternerestaurants „Ma“ im Sommer 2010 in Kreuzberg selbstständig gemacht und auf Anhieb einen Stern erhalten. Für den Michelin gelten nun Tim Raue und Michael Hoffmann („Margaux“) als heiße Anwärter auf einen weiteren Stern im kommenden Jahr. Allen anderen Sterneköchen in Berlin wurde ihre konstant erstklassige Küchenleistung bestätigt.