Abschied

Diese Stars spielten in der Deutschlandhalle

Jimi Hendrix, die Rolling Stones oder Metallica – obwohl die Deutschlandhalle nicht gerade für ihre Soundqualität bekannt war, zog sie jahrelang internationale Rock- und Showstars an. Jetzt wird sie abgerissen. Morgenpost Online blickt zurück.

Der beste Platz war vorne links. Direkt an der Absperrung vor der Bühne. Selbst bei einem ausverkauften Konzert blieb stets genug Platz, hatte man sich erst einmal durch die Menschenmasse geschoben. Hier konnte man der Musik ganz nahe sein. Und war das Saallicht erst einmal aus, war die ganze Hässlichkeit der Deutschlandhalle vergessen.

Der mächtige Betonkasten, der nun endgültig aus dem Stadtbild Berlins verschwinden soll, war nie die beste aller Konzertarenen. Aber die einzige, die das alte West-Berlin zu bieten hatte. Und eine der größten. Bundesweit. Nein, europaweit. Dies und sein Fassungsvermögen von mehr als 10.000 Besuchern machten den monströsen Bau – Heimat von Shows wie „Menschen Tiere Sensationen“ und „Holiday On Ice“ – zur attraktiven Spielstätte für internationale Rock- und Showstars. Obwohl die Atmosphäre so grenzwertig war wie die Soundqualität, konnte man hier in den 70er- und 80er-Jahren große Konzerte erleben. Unvergessliche Abende, die auf immer im Gedächtnis verankert bleiben.

Anfang der 70er-Jahre waren es Namen wie Jimi Hendrix, Creedence Clearwater Revival, Emerson, Lake & Palmer oder Led Zeppelin, die den Ruf der Deutschlandhalle als Konzerttempel mehrten. Frank Zappa gab hier zwischen 1971 und 1988 zehn Konzerte, bei seinem letzten Auftritt am 12. April 1988 mit eigenwilligen Versionen von Led Zeppelins „Stairway To Heaven“, Ravels „Bolero“ und „I Am The Walrus“ von den Beatles.

Legendäre Auftritte und Effekte

Obwohl die Mehrzweckhalle schon bald nicht mehr den Anforderungen moderner Bühnentechnik entsprach, konnte man immer wieder verblüffende Showeffekte erleben. Pink Floyd ließen 1977 ihr aufblasbares Schwein durch die Halle fliegen. Bei der Funkrock-Explosion Earth, Wind & Fire wurde der Schlagzeuger im Februar 1982 auf einem hydraulischen Podest rotierend in die Höhe gehievt. Kopfüber hämmerte er sein Solo. Oder Lionel Richie. 1987 haben es die Bühnendesigner durch waghalsige Seilkonstruktionen geschafft, Richie und die komplette Band bei „Dancing On The Ceiling“ an der Decke der Halle tanzen zu lassen.

Ja, die Rolling Stones begeisterten in dem muffigen Monster ebenso wie Santana, Police, Genesis, Peter Gabriel, The Who. Und im April 1976 landete David Bowie im schicken Anzug und mit surrealistischer Show erstmals in der Deutschlandhalle. Und er blieb. Bis 1978 wohnte er, zeitweise gemeinsam mit Iggy Pop, in Schöneberg. Hier entstanden seine Alben „Heroes“, Low“ und „Lodger“. Und auch im Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ist er zu sehen – wie er auf der Deutschlandhallen-Bühne „Heroes“ singt.

Im November 1980 gaben AC/DC ihr drittes Berlin-Konzert. Es war eine der lautesten Shows, die Eichkamp je erschüttert hat. In Sachen Auftritt stand Queen den australischen Rockrabauken freilich in nichts nach. Gleißende Scheinwerferwände fuhren in die Höhe, als Sänger Freddie Mercury im Januar 1979 mit nacktem Oberkörper und schwarzlederner Hose im Scheinwerferlicht badete und eine königliche Show mit Pomp und Pathos zelebrierte.

Bob Dylan erstmals live in Deutschland

Zu den legendären Erlebnissen gehört auch das Konzert von Bob Dylan, der sich im Juni 1978 erstmals live in Deutschland präsentierte und eines der größten Buh-Konzerte entfachte, das die Deutschlandhalle je hörte. Damals gab es pure Entrüstung über einen Dylan, der es sich herausnahm, den Erwartungen eines engagierten Publikums in keiner Weise gerecht zu werden. Da kam nicht der Protestsänger, der gegen alle Ungerechtigkeiten der Welt ansang. Sondern ein Entertainer, der mit einer quietschbunten Revue mitsamt Band und Chorsängerinnen seine Songs in poppige Blues- und Reggaeversionen kleidete. Auf einer aufwendigen Rundbühne inmitten der Halle. Es war großartig. Wie großartig diese Tourneeshow war, konnte man später auf dem Doppelalbum „Live at Budokan“ hören.

Einen tiefen Eindruck hinterließ auch Prince bei seinen beiden Konzerten am 14. und 15. Mai 1987 im Rahmen seiner „Sign of the Times“-Europa-Tour. Es waren die ersten Konzerte mit neuen Musikern nach der Trennung von seiner Band The Revolution, am Schlagzeug die unvergleichliche Sheila E. Auch hier wurde die opulente Bühne inmitten der Halle errichtet. Und nach der Show zogen Prince und die komplette Band weiter in den Jazzclub Quasimodo, wo sie nachts um drei Uhr ihr legendäres Berliner Clubkonzert gaben.

Metallica mit Rundbühne

Eine Rundbühne bevorzugten auch Metallica bei ihrem Konzert 1996, einem der letzten Großereignisse im Westend. Für manche Produktion, bei der tonnenschwere Licht- und Lautsprecherkonstruktionen an die Decke gehängt werden sollten, war die Deutschlandhalle nicht mehr gerüstet. So fand das nächste Metallica-Konzert auch woanders statt: Im September 2008 eröffnete die Band die O2 World in Friedrichshain. Da war die Deutschlandhalle schon längst Geschichte.

Denn eigentlich neigte sich die Konzertära mit dem Fall der Mauer dem Ende. Unter dem Motto „Konzert für Berlin“ wurde am 12. November 1989 ein Festival organisiert, bei dem Musiker aus Ost und West die Wiedervereinigung feierten. Bei freiem Eintritt spielten Udo Lindenberg (der all seine großen Rock-Revuen in der Deutschlandhalle präsentiert hatte), Nina Hagen, Ulla Meinecke, Konstantin Wecker, Joe Cocker, Die Toten Hosen, Die 3 Tornados, Die Zöllner, Puhdys, BAP.

Ein Abgesang auf eine Konzert-Ära. Durch neue Hallen im Ostteil der Stadt wie Velodrom und Max-Schmeling-Halle und schließlich die O2 World wurde die Deutschlandhalle als Konzertstandort obsolet. Der Abschied fällt nicht schwer. Aber die Erinnerung bleibt.