Spaziergang

Mit Christine Köhler-Azara an Berlins Drogen-Orten

Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Diesmal: ein Spaziergang mit Christine Köhler-Azara, Landesdrogenbeauftragte der Stadt Berlin.

Foto: M. Lengemann

Bevor ich die Drogenbeauftragte Berlins treffe, rauche ich eine selbstgedrehte Öko-Tabak-Zigarette und schaue dem Rauch nach. Es gibt Völker, die glauben, dass der Schöpfer unserer Erde etwas von seiner Kraft in Tabakpflanzen zurückgelassen habe. Der Mensch nimmt diese Pflanze, rollt sie und verwandelt sie zusammen mit Feuer und seinem Atem in etwas Ätherisches: einen Rauch, der sich kräuselt, dann verschwindet und Teil des Himmels wird. Der Mensch ist in diesen fünf Rauch-Minuten ein direktes Bindeglied zwischen Erde und Himmel. Ein Schamane würde sagen, das ist ein durchaus heiliger Moment.

Gern hätte ich darüber mit Christine Köhler-Azara, Berlins Drogenbeauftragter, bei einem Abendspaziergang gesprochen. Erst ein Biergarten in Mitte, dann eine Bar in Kreuzberg und vielleicht noch einen Club in Friedrichshain, aber Christine Köhler-Azara sagte am Telefon, ein Großteil der Krankheiten von Männern über 30 habe mit Alkohol zu tun, außerdem wolle sie niemandem das Feierabendbier verderben. Stattdessen bietet sie einen Kompromiss an: Sie will mir an einem Nachmittag drei Einrichtungen zeigen, die alle mit Süchtigen arbeiten und zwar dort, wo Touristen und Berliner im Prinzip rund um die Uhr mindestens Koffein, Nikotin und Alkohol zu sich nehmen: Am Hackeschen Markt.

Prävention war ihr immer wichtig

Also warte ich rauchend vor einem Zentrum für „Integrative Drogenberatung“ der Caritas in der Großen Hamburger Straße. Als ich sie sehe, werfe ich meinen gar nicht mehr heilig aussehenden gelblichen Stummel weg, stecke einen Kaugummi in den Mund und drücke ihre Hand.

Christine Köhler-Azara sieht jünger aus als ihre 54 Jahre, ist makellos weiß gekleidet und hat einen dunkelblauen Blazer übergeworfen. Ihre Tasche ist prall gefüllt. Die Drogenbeauftragte sieht gut gelaunt aus, vielleicht, weil dieser Nachmittag für sie ein Heimspiel wird. Schließlich hat sie sich zwei Drittel ihres Lebens intensiv mit Drogenberatung beschäftigt. Mit 18 Jahren hat sie in einer Psychiatrie mit Abhängigen gearbeitet, später ihre Abschlussarbeit zu verschiedenen Therapieformen geschrieben – und vor fast 25 Jahren beim Berliner Senat angefangen. Dass sie einmal Landesdrogenbeauftragte der deutschen Hauptstadt werden würde, hatte sie damals nicht gedacht, aber sie wirkt nicht so, als sei das ein sehr aufregender Job. Sie beschreibt ihr Arbeitsfeld nüchtern: „Ich bin seit 2007 für Prävention, Suchthilfe und Drogenpolitik in Berlin zuständig.“

Als wir die Caritas betreten, werden wir überschwänglich von der Projektleiterin Christine Grunau begrüßt, die Berlins Drogenbeauftragte wie eine alte Freundin behandelt. Später wird sie sagen, dass sie Christine Köhler-Azara schon kannte, als sie noch ABM-Kraft in der Senatsverwaltung war. Ihr habe an der jungen Frau vor allem die pragmatische Art gefallen und dass sie sich immer für Prävention eingesetzt habe, auch als es noch unpopulär war. Es lässt sich eben schwierig messen, wenn ein Ereignis nicht eintritt. Immerhin: In Berlin ist die Zahl der Drogentoten von 195 im Jahr 2005 auf rund 155 im Jahr 2009 gesunken.

Vorbeugen fängt bei den Kindern an

Christine Köhler-Azara hat sich besonders für Präventionsschulung im Vorschulalter eingesetzt und sie weiß, dass das zunächst komisch klinge, Kinder und Drogen. „Sie sollen eine kritische Haltung zu Konsum lernen“, sagt sie, „mit negativen Gefühlen umgehen.“ Kinder sollen sich fragen, wie es sich anfühle, wenn es einem schlecht geht und was sie tun können, damit sie sich wieder besser fühlen. Ganz ohne Gummibärchen und Spielzeug. Durch diese frühkindliche Prävention, davon ist Christine Köhler-Azara überzeugt, können Menschen besser mit ihrem „Belohnungszentrum“ umgehen lernen.

Jetzt sind wir beim Thema der Drogenbeauftragten, dem Belohnungszentrum. Sie meint das mesolimbische System, also jenen Teil des Gehirns, der entscheidend das Gefühl „Freude“ beeinflusst. Zuständig sind dafür die chemischen Stoffe Dopamin und Serotonin. Diese können stimuliert werden, etwa durch Sport, Lesen, ein Rätsel lösen, das Gewinnen in einem Spiel oder guten Sex. Aber diese Botenstoffe werden auch angeregt von Alkohol, Nikotin, Haschisch, Kokain, Heroin und all den anderen Stoffen, die süchtig machen können, weil sie für kurze Zeit dem Gehirn vorgaukeln, glücklich zu sein.

Während wir noch über Belohnung reden, beginnt sich mit Getöse in der Caritas die Jalousie automatisch zu schließen. Es ist wohl das Zeichen, dass jetzt Feierabend ist. Beim Hinausgehen fällt auf, dass über jedem Türrahmen die Widmung „C-M-B“ steht. „Christus mansionem benedicat“, Jesus hat diese Räume gesegnet. Diese Zimmer sind also wie eine Zigarette, Mittler zwischen Himmel und Erde, denke ich, und zünde mir draußen auf der Straße … nichts an.

Auf dem Weg zum zweiten Drogen-Ort am Hackeschen Markt, dem St. Hedwig-Krankenhaus, reden wir über Religion, auch wenn es da für Christine Köhler-Azara nicht viel zu erzählen gibt. Sie sei katholisch, ja, hat ihre Töchter taufen lassen, ja, ist mit einem Italiener verheiratet, ja, geht selbst aber selten in die Kirche, nein, nicht einmal unbedingt an Weihnachten. Und nein, ausgetreten sei sie auch noch nicht. Aber die Caritas sei eben noch immer ein Vorreiter in Sachen Drogentherapie.

In der Tat war Berlin einer der ersten Orte Deutschlands, an denen es Beratungsstellen zum Thema Drogen gab. Ende der 60er-Jahre und Anfang der 70er-Jahre ging es vielen Konsumenten um Bewusstseinserweiterung. Sie kamen häufig aus gebildeten Schichten. Für Eltern von kiffenden Kindern aber gab es damals keine Ansprechpartner, deshalb gründeten diese im Jahr 1971 die erste Selbsthilfegruppe. „Synanon“ hieß sie. Christine Köhler-Azara sagt, Synanon sein noch heute ein „wichtiger Baustein im Suchthilfesystem“.

Insgesamt aber sei Berlin noch immer keine Drogenhauptstadt. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl sei Bremen viel schlimmer dran als Berlin. Trotzdem weiß auch sie, dass viele Menschen gerade in einer 3,5-Millionen-Stadt immer noch mehr Energie brauchen, als ihr Körper ihnen zur Verfügung stellt. „Heute will keiner mehr Downer, es geht fast nur noch um Upper“, sagt sie und meint aufputschende Drogen, die auf Großveranstaltungen wie der Love-Parade genommen wurden. „Mehr Farben, mehr Energie, es muss doch immer mehr sein.“ Das Kiffen sei nur noch zum Modellieren da. Regelrecht chemisches Gefühlsmanagement sei das. Es ärgert sie sichtlich. Vor allem männliche Jugendliche seien auf der Suche nach solchen intensiven Gefühlen, wofür sie Risiken eingehen, ohne sie genau zu kennen. Sie wird richtiggehend wütend und legt ihre 30 Jahre Erfahrung in den Satz: „Da werfen Menschen ihre Zukunft weg!“

Im Krankenhaus laufen wir durch ein Labyrinth von Gängen, landen in einem kaputten Fahrstuhl, nehmen dann doch die Treppe. Niemand bemerkt uns, als wir schließlich in der Therapiestation im dritten Stock stehen, neben einer älteren Betreuerin, die auf eine junge Frau einredet. Sie ist vielleicht 20 Jahre alt, sitzt zusammengekrümmt auf einem Stuhl und nickt immer wieder. Die Betreuerin mit gedämpfter Stimme: „Sie müssen dem Ganzen Zeit geben.“ – „Hmhmm.“ – „Sie werden sich hinterher besser fühlen.“ – „Hm.“ Dann stehen beide auf. Die Süchtige läuft, nein schlurft, einen weiteren sehr langen, sehr leeren Gang entlang. Die Betreuerin lächelt uns an, wie zwei weitere Klienten: „Kann ich helfen?“

Sie bringt uns zu Felix Bermpohl ins Büro, einem Professor für Neurowissenschaften, einem hagerer Mann mit einem hintergründigen Lächeln. Er wirkt, als hätte er schon wirklich verrückte Dinge mit seinen Patienten erlebt. Er formuliert lockerer als die Landesdrogenbeauftragte, statt „Drogenkonsum“ sagt er „was Menschen sich so einflößen“. Er gibt häufig Interviews, auch, weil Drogen ein gutes Thema im Sommerloch seien, sagt er. Christine Köhler-Azara rollt mit den Augen und stimmt zu: In diesem Sommer habe es dieses Badesalz gegeben, auf dessen Packungstext Eingeweihte herauslesen konnten, dass man den Inhalt auch rauchen könne. Es sei verboten worden.

Doch dann wird der hintergründige Bermpohl plötzlich ernst. Aktuell mache ihm Liquid Ecstasy Sorgen, ein Stoff, mit dem man auch Farbe von Wänden ätzen kann. „Schon der Name ist irreführend, weil es nicht wie Ecstasy wirkt“, sagt Bermpohl. „Es ist eher ein Downer, als ein Upper.“ Und es lasse sich im Blut nicht so leicht finden, dadurch wisse er nicht, wie er helfen könne, wenn jemand bewusstlos eingeliefert werde. Außerdem sei die Entgiftung von Liquid Ecstasy sehr extrem. Bermpohl musste kürzlich eine Patientin auf die Intensivstation verlegen.

Doch viel schlimmer sei die steigende Häufigkeit von Polytoxikomanie, sagt er, und erklärt das komplizierte Wort so, als wäre er beim Feierabendbier: „Die Leute werfen sich alles durcheinander ein und wundern sich dann, dass sie nicht mehr aufwachen.“ Erst kürzlich hatte er einen Patienten, in dessen Blut Alkohol, Heroin, und Valium festgestellt wurden. „Wenn ich im Bericht aufschreiben soll, wovon ein solcher Patient abhängig ist, reicht nicht einmal eine Seite aus.“

Innenstadtbezirke stärker betroffen

Felix Bermpohl erzählt noch ein paar solcher Geschichten, auch von Alkohol, weswegen doch die meisten seiner Patienten zu ihm kommen. Beim Hinausgehen laufen wir an einer Gruppensitzung vorbei. Die Frau von vorhin sitzt mit in dem Raum. Christine Köhler-Azara sagt, dass die Innenstadtbezirke stärker betroffen seien vom Drogenproblem: Mitte, Neukölln, Kreuzberg-Friedrichshain und Charlottenburg-Wilmersdorf. In diesen vier Bezirken werden zwei Drittel der Drogentoten gefunden.

Wir verlassen das Krankenhaus in Richtung Hackescher Markt. Auf dem Weg dorthin reden wir darüber, ob sich das tückische Belohnungszentrum durch Anti-Drogen-Werbung umstimmen lasse. In den 90er-Jahren gab es nur den Spruch „Keine Macht den Drogen“, ein Plakat mit einer Spritze und einem Skelett. „Man hatte diese Vorstellung, dass man die Jugendlichen abschrecken muss“, sagt sie, „aber das funktioniert nur bei denen, die ohnehin weit weg von Drogen sind.“ Inzwischen gebe es Werbung aus Zürich, die Alternativen aufzeigt: Zum Beispiel einen Vater, der mit seinem Kind Ball spielt. Dopamin, Serotonin, alles da, sagt das Bild, nur eben anders.

Im Café Seidenfaden, einem alkohol- und drogenfreien Frauencafé in der Dircksenstraße, machen wir halt. Wir reden darüber, dass hier ehemalige Drogenabhängige eine Ausbildung machen können, dass hier keine Männer zugelassen sind, weil das Drogenproblem von Frauen häufig mit ihren Männern zusammenhängt. Christine Köhler-Azara holt Prospekte aus ihrer Tasche: „Cannabis denn Sünde sein?“ oder „Break!“ oder „Quit the Shit!“. Dazu ein Handbuch: 180 Seiten, auf denen alle Suchthilfeprogramme Berlins aufgezählt sind. „Catch up“ für Mädchen bis 18 Jahren, „KOKON“ für Kokainabhängige, und auch Café Seidenfaden und die Caritas sind drin. Sie nennt das Buch „meine Bibel“, fügt aber an, dass es all diese Information auch Online gibt.

Auf dem Weg zur Haltestelle rauche ich immer noch nicht, aber so langsam könnte ich wieder. Berlins Drogenbeauftragte sagt, dass die Abhängigkeit von Nikotin mit der von Heroin vergleichbar sei. Sie selbst habe bis sie 30 wurde geraucht. Sie sagt: „Ich war nie abhängig, eher eine Gelegenheitsraucherin.“ Auch ein Glas Wein trinke sie gelegentlich mit ihrem Mann – und Kaffee sowieso. Sie winkt ab: „Man kann auch übertreiben!“ Zu der Frage, ob sie schon einmal einen Joint weitergereicht habe, sagt sie nichts, nur dass sie die Frage langweilig und erwartbar findet. Sie hätte auch einfach „Ja, weitergereicht“ sagen können.

Wie verabschieden uns freundlich, meine Tasche ist dick mit Prospekten gefüllt die oft ein Ausrufezeichen auf dem Cover haben („Halt!“), der Öko-Tabak, der sonst Himmel und Erde zusammenbringen kann, liegt darunter. Irgendwann an dem Abend habe ich ihn hervorgekramt und mir eine Zigarette gedreht und dem Rauch hinterher gesehen. Wie eine Belohnung hat sie sich nicht angefühlt.