Verunsicherte Eltern

Neugründungen – Berliner Privatschulen boomen

Weil sie unzufrieden mit dem Schulsystem sind, wenden sich immer mehr Eltern von staatlichen Einrichtungen ab und melden ihre Kinder an freien Schulen an. Zwar werden immer mehr Privatschulen gegründet, doch noch ist die Nachfrage größer als das Angebot.

Foto: Massimo Rodari

Schulleiterin Yvonne Wende steht jeden Morgen am Tor der Cosmopolitan-School und begrüßt die Kinder und Eltern. Sie kennt jeden Namen, auch den der achtjährige Malene und ihrer kleinen, dreijährigen Schwester Emilia. Die Schule an der Rückerstraße in Mitte ist klein und familiär, in den Klassen sitzen nicht mehr als 20 Schüler. Emilia kann hier schon in der Kita Englisch lernen, Malene hat seit der ersten Klasse bilingualen Unterricht.

Immer häufiger wenden sich Eltern von den staatlichen Schulen ab und melden ihre Kinder an freien Schulen an. Insgesamt 34 Prozent aller Befragten in Deutschland würden sich für eine Privatschule entscheiden, vier Prozent mehr als noch vor zwei Jahren. Das hat eine Donnerstag vorgestellte repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbandes Deutscher Privatschulen ergeben. Der Zuspruch für die freien Schulen zieht sich laut Umfrageergebnisse durch alle Schichten, unabhängig vom Bildungsgrad und vom Einkommen der Befragten.

„Die Ergebnisse der Umfrage sind Ausdruck der Unzufriedenheit mit Teilen des Schulwesens“, sagt Paul Schuknecht, Vorsitzender der Vereinigung Berliner Schulleiter. Dabei müssten die staatlichen Schulen die Konkurrenz nicht fürchten. Allerdings müssten dringend auch die öffentlichen Schulen freier agieren können und weniger gegängelt werden.

In Berlin wächst die Zahl der Privatschulen seit dem Mauerfall jedes Jahr – und der Gründungsboom hält weiter an. Derzeit gibt es 322 Schulen in freier Trägerschaft, davon 65 berufsbildende Schulen. Etwa acht Prozent der Berliner Schüler besuchen inzwischen eine freie Schule, doch die Nachfrage ist viel größer als das Angebot. „Die meisten Schulen haben Wartelisten“ sagt Andreas Wegener vom Privatschulverband Berlin. Die Verunsicherung der Eltern angesichts der Schulreformen sei groß.

Doppelt so viele Anmeldungen

Zum neuen Schuljahr sind die Anmeldezahlen an einigen Einrichtungen erneut sprunghaft gestiegen. „Wir hatten in diesem Jahr doppelt so viele Anmeldungen wie im vergangenen Jahr“, sagt Schulleiterin Yvonne Wende. Der Grund: An den begehrten öffentlichen Grundschulen in Alt Mitte gibt es nicht genügend Plätze. Der Bezirk versucht, die Kinder auf die weniger nachgefragten Schulen in Wedding und Moabit umzulenken. Doch dort kommen sie nicht an. Aufgefangen werden sie von den freien Schulen, von denen in diesem Jahr sechs neue gegründet worden sind.

Der Privatschulverband fordert, angesichts der großen Nachfrage die Neugründung von freien Schulen zu erleichtern. In Berlin werden die Gesamtkosten der freien Schulen nur zu etwa 60 Prozent durch Zuschüsse gedeckt, zudem müssen sich neue Schul-Träger zwischen zwei und fünf Jahre auf dem Markt bewähren, bevor sie überhaupt Zuschüsse erhalten. In den Koalitionsverhandlungen allerdings konnten sich SPD und CDU nur darauf einigen, dass nicht weiter an den freien Schulen gekürzt werden soll. Im Nachbarland Brandenburg plant die rot-rote Landesregierung, die Zuschüsse für Privatschulen massiv zu kürzen. Einige Schulen müssen mit Einbußen bis zu 37 Prozent rechnen.

Bevor sich die Eltern von Malene und Emilia vor vier Jahren für die Cosmopolitan-Schule entschieden haben, waren sie auch an öffentlichen Schulen. „An der Grundschule in unserem Einzugsgebiet herrschte noch durch und durch der alte Geist des Frontalunterrichts, sagt Vater Tobias Schönpflug. Es habe sogar einen Kaffeedienst von Schülern für die Lehrer gegeben. Auch die Europa-Schule hatte die bilinguale Familie in Erwägung gezogen. Doch da sei der Schulleiter nicht einmal bereit gewesen, einen Gesprächstermin zu verabreden.

Bezahlen für die Bildung

Jetzt sind sie froh über ihre Wahl, auch wenn sie für das monatliche Schulgeld auf den einen oder anderen Urlaub verzichten müssen. Die Mutter der Mädchen, Cristina Schönpflug-Roman, kommt aus Ecuador. „Dort, wo ich aufgewachsen bin, ist es ganz normal, dass man für gute Bildung bezahlen muss“, sagt sie. Deshalb sei ihr der Schritt nicht so schwer gefallen. Sie schätzt vor allem das internationale Klima an der Schule und die engagierten Lehrer. „Hier wird kein Kind zurückgelassen“, sagt sie.

Die aktuelle Forsa-Umfrage zeigt, dass Eltern vor allem davon ausgehen, dass die Lehrer an Privatschulen stärker auf die Bedürfnisse der Schüler eingehen als an staatlichen Schulen. Insgesamt glauben 65 Prozent der Befragten, dass die freien Schulen das besser können.

Genau das ist auch der Grund, warum Hartmut Fischer, Unternehmensberater und Vater von drei Kindern, vor einem Jahr selbst eine Schule gegründet hat. Vor drei Monaten ist das Galileo-Gymnasium an der Schlangenbader Straße in Wilmersdorf an den Start gegangen. Auslöser waren die immer wiederkehrenden Probleme seines ältesten Sohnes in der Schule. „Bereits wenige Monate nach der Einschulung hatte mein Sohn die Lust am Lernen verloren“, sagt Hartmut Fischer. Er habe sich kaum noch am Unterricht beteiligt und habe bald auch an sich selbst gezweifelt. „Die Lehrer bestätigten zwar, dass die Ergebnisse nicht mit seinem Leistungsvermögen übereinstimmten, waren aber auch nicht in der Lage, individuell auf seine Bedürfnisse einzugehen“, sagt der Vater. Schließlich standen die Eltern vor der Frage, ob sie die fünfte Schule für ihren Sohn ausprobieren oder selber eine nach ihren Vorstellungen gründen sollten. Das Prinzip an den öffentlichen Schulen sei eben immer noch „alle lernen zur selben Zeit nach der gleichen Methode“, sagt Fischer. Es gebe aber Kinder, bei denen dieses Prinzip nicht funktioniere.

Am Galileo-Gymnasium werde die natürliche Neugier der Kinder genutzt, erklärt Fischer das Konzept. Es gehe nicht darum, Lehrbuchwissen einzupauken, sondern die Schüler lernten in fächerübergreifenden Projekten, bei Exkursionen und Praktika die Inhalte der Lehrpläne. Höchstleistungen seien nur erreichbar, wenn die Schüler es selbst wollten, sagt Fischer. Durch die Eigenständigkeit könnten die freien Schulen auch flexibler im Sinne des einzelnen Schülers reagieren, wenn es Probleme gebe. Allerdings, betont Fischer, kenne er auch staatliche Schulen, die das sehr gut hinbekämen. Immerhin würden seine beiden jüngeren Kinder auch eine staatliche Grundschule besuchen.