Neukölln

Was aus der alten Kindl-Brauerei werden soll

Im Sudhaus der ehemaligen Kindl-Brauerei in Neukölln könnten bald Models über den Catwalk laufen. Denn die Modemesse "Bread&Butter" hat Interesse an der Location. Das passt zum Konzept der neuen Eigentümer.

Foto: Christian Kielmann

Noch bevor Bodo Weih zu sehen ist, ist er zu hören. An seiner Hand klappert ein Schlüsselbund, das jeden Hausmeister mit Stolz erfüllen würde. Zwischen mehr als 30 Schlüsseln sucht der Architekt den passenden für das Sudhaus. Die Glastür geht auf, ein süßlicher Geruch kriecht in die Nase. Hopfen, Malz, Maische – oder eine Mischung aus allem könnte es sein. In gelbliches Licht getaucht sehen die sechs runden Sudpfannen aus wie Ufos. Und als hätte er den Gedanken erraten, sagt Bodo Weih: „Das ist unser Raumschiff Orion.“

Bereits im Januar 2012 könnte sich das Raumschiff in einen Catwalk verwandeln. Die Modemesse „Bread&Butter“ habe ihr Interesse an der Location auf dem früheren Gelände der Kindl-Brauerei in Neukölln angemeldet, sagt Weih. Exklusivität statt Massenevent, geladene Gäste statt Laufpublikum – das soll das Sudhaus im Gegensatz zur Veranstaltung auf dem einstigen Flughafen Tempelhof bieten.

Die Anfrage aus der Modebranche passt bestens ins Konzept der neuen Eigentümer. Seit kurzem gehört Burkhard Varnholt und seiner Frau, Salome Grisard, diese ganz besondere Immobilie. Varnholt – Banker, Kunstsammler und Mäzen mit Wohnsitz in der Schweiz – habe genau so ein Gebäude für eine vielfältigen Kultur- und Kunstszene mit Theater, Ateliers, Mode und Musik gesucht, sagt Weih. Der Architekt wurde von den Eigentümern mit der Umsetzung ihrer Pläne beauftragt.

Viele Zwischennutzer seit 2005

Seit Ende 2005 wird im Rollbergviertel kein Kindl-Bier mehr gebraut. Eine 50.000 Quadratmeter große Industriebrache blieb zurück. Viele Ideen und Projekte wurden seither diskutiert und verworfen, die ersten realisiert. Braumeister Wilko Bereit, der seine Gesellenprüfung bei Kindl gemacht hat, braut im Keller des Sudhauses seit einiger Zeit ein Neuköllner Bier, das er in mehr als 30 Restaurants, Bars und Hotels liefert. Und in der Leerguthalle, in der Peter Stein 2007 seinen zehnstündigen „Wallenstein“ inszenierte, ist ein Einkaufszentrum entstanden. Viele Zwischennutzer zogen in den vergangenen Jahren ein und wieder aus. Die Heag, einst Eigentümer des Gesamtareals, hat mittlerweile einzelne Grundstücke an Investoren verkauft.

Zum Zug kamen dabei nicht nur die Schweizer Kunstliebhaber, sondern auch das Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation (KfH) aus dem hessischen Neu-Isenburg. Mehr als 200 Nierenzentren betreibt das Kuratorium in ganz Deutschland, acht davon in Berlin. Auf ihrem 3200 Quadratmeter großen Areal an der Mainzer Straße steht bereits ein Kran. Im Frühjahr 2013 soll die neue Behandlungseinrichtung mit 56 Dialyseplätzen für chronisch nierenkranke Patienten fertig sein. Das KfH-Nierenzentrum an der Sonnenallee wird dann aufgegeben. „Wir sind froh, für unsere Patienten einen modernen Neubau in der Nähe des jetzigen Standorts errichten zu können“, sagt Manfred Plüer vom KfH-Nierenzentrum.

Während der Klinik-Neubau rasch aus der Erde wachsen wird, geht es im benachbarten Sudhaus in kleineren Schritten voran. „Als erstes haben wir eine Bestandsaufnahme eingeleitet“, sagt Salome Grisard. Um die Räume nutzen zu können, müssten Elektronikinstallationen und Sanitäranlagen erneuert sowie der Brandschutz verbessert werden. So glanzvoll das Sudhaus mit den Wänden aus lackiertem Glas und Granitfußboden unter einem Lichtgewölbe aussieht, so kahl und trostlos sieht es in den anderen Räumen wie dem Maschinenhaus, dem Kesselhaus und im Turm aus. Der Begeisterung von Bodo Weih tut das keinen Abbruch. Auf einem Gang durch die Hallen, bei dem fast alle Schlüssel zum Einsatz kommen, gibt er einen Einblick in seine ersten Ideen.

Im Sudhaus sollen eines Tages nicht nur Models über den Laufsteg laufen. Der Raum eigne sich auch als Kulisse für besondere Empfänge und Abendessen, sagt Weih. Mehr Fantasie braucht der Betrachter im Keller des Maschinenhauses, in dem eine kleine Bühne für Tanzveranstaltungen eingebaut werden soll. Reinen Industrie-Charme versprüht der ehemalige Maschinensaal eine Etage darüber. Ein Glaserker an der Wand, in dem früher der Aufseher saß, könnte künftig der Platz des DJs sein, Scheinwerfer und Requisiten fänden Platz an der sogenannten „Laufkatze“ – einer Transportschiene an der Decke, ausgelegt für Lasten von bis zu zehn Tonnen Gewicht. Aber auch Theater, Varieté oder Aufführungen der Neuköllner Oper kann sich der Architekt in der Halle vorstellen. Auf dem Gang durch das Maschinenhaus und den Turm gehen noch etliche Türen zu Hallen und fensterlosen Kammern auf. Mal sieht Bodo Weih eine Kunstmesse darin, mal Ateliers.

Nicht alle Träume gehen auf

Das Neuköllner Bauamt betreut die Entwicklung des Kindl-Areals und musste einige Ideen schon beerdigen. So sollte zum Beispiel eine Privat-Universität an der Mainzer Straße entstehen. „Wir haben viele Interessenten gehabt“, sagt Roland Sator, Mitarbeiter im Stadtplanungsamt. Letzten Endes sprangen aber alle ab. Dafür hat Sator gerade die Bauanträge von zwei Großveranstaltern vorliegen, die in der ehemaligen Lagerhalle zwei Clubs für 2500 Besucher eröffnen wollen. Die Genehmigung sei nur noch eine Frage der Zeit. Kultur, Bildung, Dienstleistung und Gesundheit – das sind die Potenziale, die Sator in dem Gelände sieht. Gerade hat ein Projektentwickler die Pläne für ein Ärztehaus im Verwaltungstrakt vorgestellt. Auch das passt bestens.