Kliniken

Vivantes buhlt um ausländische Patienten

Die Komfortkliniken von Vivantes ziehen immer mehr Patienten aus dem Ausland nach Berlin. Vor allem Araber kommen mit Diener und Dolmetscher. Sie schätzen die luxuriöse Ausstattung für vergleichsweise wenig Geld.

Foto: Christian Kielmann

Mohammad Fadi steuerte seinen Porsche mit 140 Stundenkilometern über den Highway, er war kurz vor Dubai, als er plötzlich diese große Baustelle sah. Fadi erinnert sich, wie er die Kontrolle über den Wagen verlor und eine Wand rammte. Er erlitt mehrere komplizierte Knochenbrüche. Sein Onkel riet ihm, sich in die Hände des Berliner Unfallchirurgen Hans-Josef Erli zu begeben. Fadi wurde nach Deutschland geflogen. Seit einigen Wochen humpelt er schon wieder sehr zuversichtlich über die Gänge des Humboldtklinikums. An diesem Morgen sitzt Fadi zwischen frisch aufgeschüttelten weißen Kissen, ein 21 Jahre alter Wirtschaftsstudent mit weichen Gesichtszügen und längerem, lockigen Haar. Es ist sein erster Deutschlandaufenthalt, von Berlin hat er bisher kaum etwas gesehen. Vom Balkon seines Zimmers aus blickt er auf eine gepflegte Parkanlage mit Teich und Magnolienbäumen. Im Hintergrund erklingt arabisches Musik-TV, es riecht nach orientalischen Gewürzen – der Lieferservice „Sharazad“ hat Fadi gerade Falafel ans Krankenbett gebracht. „Toll ist, dass es Internet auf dem Zimmer gibt.“

Krankenzimmer mit Mini-Bar

Deutsche Kliniken buhlen seit einigen Jahren um ausländische Patienten, die Selbstzahler kommen aus Dubai, Moskau oder Shanghai. Sie kommen, weil deutsche Ärzte einen guten Ruf haben, aber auch, weil die Preise unter denen der internationalen Konkurrenz liegen. Eine Prostatakrebs-Operation beispielsweise kostet in Berlin rund 15.000 Euro, in den USA bis zu 44.000.

Mehr als 1000 Patienten wurden bei Vivantes im vergangenen Jahr behandelt, das sind in etwa so viele wie auch an der Charité. Während Russen sich häufiger für die Uniklinik entscheiden, gehen viele Patienten aus den arabischen Ländern zu Vivantes. Es sind Patienten, die mehr Luxus und Betreuung wünschen. So investierte das landeseigene Klinikum jüngst in zwei Komfort-Kliniken in Reinickendorf und Spandau. In Krankenstationen mit Mini-Bar, Flachbildfernseher, Klimaanlage und Internet auf dem Zimmer. Suiten für Staatsoberhäupter und Prominente wurden mit spezieller Sicherheitstechnik ausgestattet.

Kundenorientierter Service

Wer über rote Teppichböden an den Empfang kommt, trifft auf freundliche Krankenschwestern. Sie erhielten Englischkurse und wurden von der Geschäftsführung dazu angehalten, kundenorientierter zu arbeiten. Vor Kurzem war Ramadan, da wurde das Essen zwischen zwei und drei Uhr nachts serviert. Wer beten möchte, bekommt Teppich und Koran aufs Zimmer. „Manche wünschen weitere Extrabehandlungen, sie bringen dann ihre Diener mit“, sagt Schwester Carina Westphal.

Im Luxussegment von Vivantes stehen inzwischen rund 200 Betten zur Verfügung. Anders als in Privatkliniken können hier auch Kassenpatienten die Zimmer nutzen, haben sie keine Zusatzversicherung, müssen sie 70 Euro pro Tag zuzahlen. „Momentan sind wir ausgebucht“, sagt Nizar Maarouf, Vize-Chef von Vivantes International. Gemeinsam mit Andreas Schmitt leitet er die 2006 gegründete Sparte. 2010 wurde mit dem gesamten Auslandsgeschäft ein hoher siebenstelliger Betrag umsetzt. Trotzdem mussten Maarouf und Schmitt sich anfangs viele kritische Fragen gefallen lassen: Was soll ein kommunaler Krankenhauskonzern im Ausland? Und sollte Vivantes sich nicht eher auf die Versorgung Berlins konzentrieren? Maarouf und Schmitt argumentierten, wie es Betriebswirte tun: „Durch die Einnahmen können wir uns teure Spezialisten leisten, das nutzt auch den Berliner Patienten.“ Angesichts des notorisch klammen Senats sei dies eine lukrative Alternative, Einnahmen zu erwirtschaften. Inzwischen entsendet Vivantes auch Spezialisten, Ärzte und Manager beraten beim Krankenhausbau in China, Kasachstan oder in Nahost.

Günstige Dolmetscher in Berlin

Auf den Berliner Gesundheitsmarkt haben sich längst professionelle Vermittler spezialisiert. Einer von ihnen ist Ibrahim Elarabi, ein Sudanese, der zwischen seinen Büros in Charlottenburg und Abu Dhabi pendelt. An diesem Tag sitzt er in der Komfortklinik Spandau, mit einem Araber, der an Parkinson erkrankt ist. Neben der Charité werde Vivantes immer öfter nachgefragt, sagt Elarabi. Berlin sei sehr beliebt, hier gebe es günstige Dolmetscher und Betreuer. Wenn Familien kommen, reserviert Elarabi Zimmer in Fünf-Sterne-Hotels der Stadt.

Um Mohammad Fadi kümmert sich eine Berliner Dolmetscherin, die in Kuwait geboren wurde. Heute erinnert sie den Studenten an seine Reha. Der Physiotherapeut wartet im Schwimmbad, er will Fadis Beinmuskulatur mit Wassergymnastik wieder aufbauen.

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