Dritte Feuer-Nacht

Neue Autobrände – Berlins Polizei ist machtlos

Die dritte Feuer-Nacht in Folge: Wieder haben Unbekannte Autos angezündet. Die Betroffenen sind wütend, die Politik schaltet sich erst jetzt ein. Und die Polizei muss ohnmächtig zusehen.

Wie ein Déja Vu - die Szenen wiederholen sich. In der dritten Nacht in Folge haben Brandstifter Autos in Berlin angezündet. In Charlottenburg, Tiergarten und Neu-Hohenschönhausen brannten in der Nacht zu Donnerstag neun Fahrzeuge. Die Menschen erzählen sich die gleichen Geschichten. Und das ist das Traurige an der Berliner Situation. Auch am Mittwochmorgen standen die Anwohner in Charlottenburg an ausgebrannten Autowracks zusammen und machten ihrer Wut Luft. „Die müssen mit aller Macht bestraft werden. Nicht einfach nur verurteilt werden und dann im Knast auf der faulen Haut liegen, die müssten die Schäden der Autobesitzer abarbeiten.“ Die Passanten am Halemweg geben dem empörten Bürger recht, er habe genau den Nerv getroffen.

Für Kathrin Hildisch ist dies ein schwacher Trost, als sie auf ihren zerstörten Opel Astra blickt. „Ich bin wütend, mein Wagen ist nur noch Schrott. Jetzt muss ich mehr Zeit einplanen, um zur Arbeit zu gelangen“, sagt die 38 Jahre alte Bauingenieurin. Zwar sei ihr Wagen bereits etwas älter, doch in 13 gemeinsamen Jahren habe es keine einzige Panne gegeben. Ihren Opel hatte sie neben dem Mercedes von Daniel Joffe geparkt, der sich nun mit dem Versicherungskram wegen des Totalschadens beschäftigen muss. Man stehe den Chaoten im Moment offenbar machtlos gegenüber, sagt der 32-Jährige. „Ich hoffe, dass diese Täter zur Vernunft kommen, bevor Menschen durch diesen Wahnsinn ihr Leben verlieren. Der Ruf nach Polizei reicht da nicht aus.“

„Ich komme mir unfähig vor“

Es sind eben die Polizisten, die ihren Angaben nach unter den Brandserien ebenso leiden wie die betroffenen Berliner. „Ich bin Polizist geworden, um Menschen zu helfen“, sagt ein Zivilbeamter. „Im Moment komme ich mir absolut unfähig vor, obwohl wir alles versuchen. Aber das Problem ist nicht mit Bordmitteln zu lösen.“ Er wolle keine Ausreden zusammendichten, aber die Berliner Polizei sei schlicht in den vergangenen Jahren bis zur Verantwortungslosigkeit zusammengespart worden. „Zu Mauerzeiten waren nachts allein in West-Berlin fünf Hundertschaften im Einsatz, heute ist es für den gesamten Stadtbereich nur noch eine. Wie soll das gehen bei all den anderen Aufträgen?“

Das Aufgabenspektrum hat in den vergangenen Monaten zugenommen. Die Polizei muss die Hooligan-Szene beobachten, ebenso den Rockerkrieg zwischen den Hells Angels und den Bandidos. Nach den Prügelattacken in den öffentlichen Verkehrsmitteln wurden auch dort Bereitschaftspolizisten eingesetzt. Insider wissen, dass dies nur für die Außenwirkung ist. „Wir sind zu wenige. Wenn wir in U-Bahnhöfen unterwegs sind und es plötzlich eine Massenschlägerei in einer Großdiskothek gibt, werden wir abgezogen“, sagt ein Angehöriger der geschlossenen Einheiten.

Nach Angaben eines ranghohen Polizeiführers ist es sehr schwer, die Täter zu stellen. „Es ist kein Geheimnis mehr, dass mit Grillanzündern gearbeitet wird, die erst glimmen und erst dann das Auto in Flammen aufgehen lassen, wenn die Brandstifter längst im Nachbarbezirk sind.“ Außerdem seien die Unbekannten schnell und schlau. „Sie fahren die Straßen ab, achten zur Nachtzeit auf Licht hinter den Fenstern und auf Passanten beim Gassi-Gang mit ihren Hunden. Wo sollen sich die Zivilbeamten denn verstecken? In den Bäumen?“ sagt der Polizeiführer.

Und: „Unsere Kritiker sollen sich einfach mal ans Fenster setzen und eine ganze Nacht lang nur ihren Straßenabschnitt beobachten, dann wird klar, worum es geht.“ Es habe Einsätze gegeben, bei denen mutmaßliche Täter sich neben die Radkästen gehockt und sich die Reifen angeschaut hätten, sagt der Polizist. „Natürlich sind die Kollegen angerannt gekommen und haben die Personen angesprochen. Denen konnte man nichts beweisen, und die Observation war geplatzt.“

Auch sei es nicht selbstverständlich, dass ein nahezu auf frischer Tat erwischter Verdächtiger, der unweit eines brennenden Fahrzeugs auf einem Fahrrad mit Grillanzündern erwischt werde, ins Gefängnis komme, sagt der Polizist. Erst kürzlich war in einem vergleichbaren Fall in Berlin eine Strafe zur Bewährung ausgesetzt worden – ein Schlag ins Gesicht der zahlreichen Fahnder und Ermittler.

Andere Länder sollen helfen

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hat zusammengestellt, wie sich das Problem vielleicht lösen lässt. „In den letzten zehn Jahren hat der Berliner Senat etwa 4000 Polizisten eingespart, sodass heute nur noch rund 15000 voll einsetzbare Beamte für Gesamt-Berlin zur Verfügung stehen, 1990 waren es allein in West-Berlin 22000“, sagt Berlins GdP-Chef Michael Purper. Seiner Ansicht nach müssten über mindestens sechs Monate Polizisten aus anderen Bundesländern und des Bundes in Berlin eingesetzt werden.

Der Gewerkschafter fordert auch, zum alten Arbeitszeitmodell zurückzukehren, „weil die Kollegen rund um die Uhr sofort verstärkt werden können. Mit den neuen Arbeitszeitmodellen wurde die Polizeidichte in Berlin besonders zur Nachtzeit deutlich heruntergefahren.“ Purper schlägt zudem einen neuen Dienstzweig „Polizeivollzugsangestellte“ vor. Dessen Angehörige könnten dann flexibel im Verkehrsdienst sowie im kriminalpolizeilichen Ermittlungsdienst eingesetzt werden. Das würde mittelfristig wirken.

Und der Gewerkschafter fordert mehr Personal: Zusätzliche Polizeiabschnitte sollen aufgebaut werden und zwei weitere Einsatzhundertschaften. So „könnte sich die Polizei die Fläche zurückerobern, die sie durch Abschnittsschließungen und den Personalabbau bei der Bereitschaftspolizei verloren hat“, sagt er. „Und es muss sofort im Wahlkampf eine politische Diskussion über die Ächtung von Gewalt begonnen werden.“

Seit den Brandnächten diese Woche scheint das Thema in der Politik angekommen zu sein. Was Polizisten seit geraumer Zeit fordern, nämlich die Bevölkerung in die Jagd nach den Brandstiftern einzubeziehen, ist jetzt auch aus dem Senat zu hören. So forderte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) die Bürger zu Wachsamkeit auf, „weil die Polizei in einer Metropole wie Berlin nie überall gleichzeitig präsent sein kann“. Die Bürger sollten verdächtige Beobachtungen umgehend der Polizei melden. „Ich hoffe sehr, dass es der Polizei schnell gelingt, die Täter zu fassen und Nachfolgetaten zu verhindern.“ Sie müsse ihre Kräfte bündeln, um möglichst wenig Raum für Brandstiftungen zu lassen.

Am Dienstag hatte bereits Innensenator Ehrhart Körting (SPD) einen vergleichbaren Aufruf gestartet. Zudem wurde eine Belohnung von 5000 Euro für Hinweise ausgelobt, die zur Ergreifung der Brandstifter führt. Der CDU-Kreisverband Charlottenburg-Willmersdorf hat nach der jüngsten Serie von Brandanschlägen die ausgesetzte Belohnung um 2000 Euro erhöht. In dem Bezirk waren zuletzt zahlreiche Autos angezündet worden. Die Politiker im Bezirk forderten die Autoversicherungen auf, ebenfalls Belohnungen auszusetzen, „damit diesem strafbaren Treiben ein rasches Ende gesetzt wird“.

Ein Bereitschaftspolizeiführer spricht von einem Mix, der wieder für Ruhe auf den Straßen sorgen könnte. „Wir brauchen den Kommissar Zufall ebenso wie den aufmerksamen Bürger, der uns schnell alarmiert, wenn er etwas sieht. Und der sich auch dann meldet, wenn es den Wagen eines anderen trifft und nicht nur den eigenen. Es muss mehr Verbundenheit geben.“ Und man könnte in der Hauptstadt tatsächlich mehr Polizisten gebrauchen. „Dabei muss es gar nicht so sehr um die beweissichere Festnahme gehen, sondern viel mehr um eine heftige Abschreckung. Wenn die Täter ständig Polizisten durch die Straßen fahren sehen, seien es nun uniformierte oder zivile, werden sie über kurz oder lang aufgeben.“

Kathrin Hildisch ist heute früher aufgestanden als sonst. Sie musste die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, um zur Arbeit zu kommen. Ein neues Auto will sie sich nach dem Verlust ihres Opels vorerst nicht anschaffen. „Man weiß doch gar nicht, wo man sicher parken kann.“ Sie hat mitbekommen, dass Polizei und Politik jetzt noch mehr unternehmen wollen, um die Täter zu bekommen. Für die Bauingenieurin ist dies nur ein schwacher Trost.