Erweiterungsbau

Libeskind baut wieder für Jüdisches Museum

Sein Bau für das Jüdische Museum Berlin zieht jedes Jahr Hunderttausende an. Nun ergänzt der polnisch-amerikanische Stararchitekt Daniel Libeskind sein erstes Projekt mit einem neuen Gebäude.

Foto: picture alliance / dpa / picture alliance / dpa/Jüdisches Museum Berlin

In der Außenhülle der alten Blumengroßmarkthalle an der Lindenstraße in Berlin-Kreuzberg klafft ein gewaltiges, asymmetrisches Loch. Nur ein schräg verlaufender Stahlpfeiler an der Oberkante des Einschnitts zeigt, dass hier nicht ein Bauunternehmen schlampige Arbeit geleistet hat, sondern der schiefe Einschnitt gewollt ist. Von außen betrachtet bleibt dies der einzige bauliche Eingriff, den Star-Architekt Daniel Libeskind vornimmt, um eine schlichte Industriehalle aus den 60-er Jahren in eine moderne Bildungsstätte zu verwandeln.

Als das Jüdische Museum im September 2001 eröffnete, rechneten die Planer mit 300.000 Besuchern im Jahr. 750.000 Menschen sind es heute im Schnitt pro Jahr. Damit gehört das JMB zu den meistbesuchten Museen Berlins.

„Vor anderthalb Jahren haben wir uns dafür entschieden, das Jüdische Museum um eine Akademie zu erweitern“, so Börries von Notz, Geschäftsführender Direktor der Stiftung Jüdisches Museum Berlin und Stellvertreter des Direktors. „Dass wir dazu Daniel Liebeskind gewinnen konnten, ist ein großes Glück.“ Nachdem die Wahl für den Erweiterungsbau auf die Blumenhalle vis-à-vis des Museum fiel und kurz darauf auch der Kaufvertrag mit dem Land Berlin perfekt war, konnte im Februar mit den Bauarbeiten begonnen werden. Die rund elf Millionen Euro, die für den Bau notwendig sind, trägt zu 60 Prozent der Bund. „Die restlichen 40 Prozent haben Privatpersonen beigesteuert, allen voran Eric F. Ross. Nach dem US-Unternehmer soll die Akademie „Eric F. Ross Bau“ benannt werden. Ross, 1919 als Erich Rosenberg in Dortmund geboren, floh als 19-Jähriger kurz vor der Pogromnacht in die USA und gründete dort mehrere erfolgreiche Kunststofffirmen. Er starb im Herbst vergangenen Jahres in Zürich.

Holzkuben erinnern an Arche Noah

Wie bei jedem Projekt verzögerten unerwartete Schwierigkeiten den Baufortschritt. So erwies sich beispielsweise der Betonboden als extrem bröckelig und musste komplett ausgetauscht werden. Statt wie geplant im Herbst dieses Jahres wird die Fertigstellung nun für den Sommer kommenden Jahres anvisiert.

In die Wunde, die Libeskind in die Außenhülle der Halle geschlagen hat, soll in wenigen Monaten ein halb in der Erde versunkener und in der Mitte gespaltener Kubus aus Holz gesetzt werden, der als Eingang, Sicherheitsschleuse, Museumsshop und Garderobe dienen wird. Im Inneren der Halle werden in zwei weiteren gegeneinander geneigten Kuben das Auditorium und die Bibliothek untergebracht. Sie sind ebenfalls mit Holz verkleidet. „Die Holzkuben sollen einerseits an Transportkisten, andererseits an die Arche Noah erinnern“, so Jochen Klein, Projektleiter von Daniel Libeskind. Entlang der Außenwände werden Büro- und Seminarräume entstehen. Beheizt werden sollen später nur die in die Halle gesetzten Neubauten. Die Halle verfügt immerhin über eine Nutzfläche von 6400 Quadratmetern, durch die Einbauten müssen nur rund 1000 Quadratmeter beheizt werden.

Blumengarten in der Halle

Doch damit sich die vergleichsweise kleinen Holzwürfel in der riesigen Halle nicht verlieren, soll die rund 900 Quadratmeter große Freifläche um die Kuben herum genutzt werden. Bereits in einem frühen Planungsstadium hatte Libeskind vorgeschlagen, dort einen Garten anzulegen – unter anderem als Reminiszenz an die frühere Nutzung der Halle als Blumengroßmarkt. Libeskind hatte einen „Biblischen Garten“ mit den Pflanzen vorgeschlagen, die im Alten Testament erwähnt werden. Doch das erwies sich als schwer realisierbar: In der Halle kann die Temperatur in längeren Frostperioden unter Null Grad sinken, keine guten Bedingungen für Olivenbäume und Dattelpalmen.

In einem Wettbewerb 2010 wurden deshalb Ideen gesucht, einen „Indoor-Garten“ zu entwickeln, der den widrigen Klimabedingungen trotzt und einen Bezug zum jüdischen Leben in den vergangenen zwei Jahrtausenden hat. Die zündende Idee hatte schließlich das Atelier le Balto. Nach dem Entwurf des Landschaftsarchitektenbüros soll dort ein „Garten der Diaspora“ entstehen, der gleichzeitig als Lernort für die Besucher dienen soll. Auf vier scheinbar schwebenden Stahlplateaus soll Erde aufgebracht werden, die von den Seminarbesuchern mit Samen und Pflanzen aus den neuen Heimatländern von Juden in der Diaspora (griechisch, Verstreutheit) begrünt werden sollen. „Uns ist klar, dass mit der Eröffnung der Akademie noch kein grüner Garten präsentiert werden kann“, so Véronique Faucheur vom Atelier le Balto. „Wir werden den Entstehungsprozess daher drei Jahre lang begleiten“, versichert sie. Dieser Zeitraum werde ausreichen, um auf den Plateaus blühende Landschaften entstehen zu lassen. Für die Plateaugärten in der Halle werden übrigens noch Spender gesucht. „Derzeit reicht das Geld wohl nur für einen Garten“, so die Französin. Börries von Notz ist sicher, das das Geld zusammenkommen wird. „Erforderlich sind 300.000 Euro, das sollte zu schaffen sein.“