Zwei Tote in Wedding

Mehmet Y. gibt Schwiegervater die Schuld

Nach seiner Festnahme soll der mutmaßliche Doppelmörder von Wedding die Taten eingeräumt haben. Nun muss sich Mehmet Y. für den Doppelmord, versuchten Mord, gefährliche Körperverletzung und unerlaubten Waffenbesitz verantworten müssen

86 Stunden dauerte die Flucht des mutmaßlichen Doppelmörders Mehmet Y. 86 Stunden lang bewachten schwer bewaffnete Bereitschaftspolizisten die Wohnanschrift seiner Ex-Frau an der Hochstraße in Wedding, 86 Stunden lang jagten Berlins hartnäckigste Fahnder den 25-Jährigen. Zehn Minuten vor Mitternacht am Sonntag dann schließlich Aufatmen bei der Polizei – Elite-Polizisten des Spezialeinsatzkommandos (SEK) nahmen Mehmet Y. in Neukölln fest, er leistete keinen Widerstand. Nach Informationen dieser Zeitung soll er weitgehend gestanden haben. Dabei habe er seinen Schwiegervater beschuldigt, dass er ihn nicht zu seiner Frau gelassen, sie vor ihm abgeschirmt habe. Seine Verzweiflung sei so groß gewesen, dass es zu dem Anschlag am vergangenen Donnerstag gekommen sei. Bei den Beamten verursachte diese Erklärung Kopfschütteln.

Die Ermittler hatten gewusst, dass sie einen skrupellosen Täter finden mussten, der eine große Bedrohung für die Bevölkerung und auch für die eingesetzten Polizisten darstellte. Wie berichtet, soll Mehmet Y. am Donnerstag um 10.15Uhr bei der versuchten Ermordung seiner geschiedenen Frau Feride Y. seine junge Schwägerin Leyla C. und seine Schwiegermutter Nevin C. erschossen haben, als sie in einem Auto an der Kolberger Straße in Gesundbrunnen unterwegs waren. Seine Ex-Frau (24) verletzte sich durch das plötzliche Stoppen des Fahrzeugs am Auge, ihr Bruder Ferit C. (27) liegt immer noch im Krankenhaus, schwer verletzt durch Schüsse in Arm und Hüfte. Sein Zustand ist nach wie vor kritisch. Nach der Tat tauchte der Türke unter, seine Spur verlor sich im Stadtgebiet. Zielfahnder wurden angesetzt, aus der Bevölkerung gingen Hinweise ein, mehr als 50 wurden es allerdings nicht. Deshalb weiteten die Ermittlungsbehörden die Fahndung auf den gesamten Schengen-Raum aus.

In leerem Krankenhaus versteckt

Jetzt stellte sich heraus, dass Mehmet die Stadt gar nicht verlassen, sondern sich in auf einem leerstehenden Krankenhausgebäude an der Hannemannstraße in Buckow versteckt hatte. Durch intensive Ermittlungen waren die Zielfahnder schließlich auf diese Spur gekommen. Weil das in Frage kommende Gebäude groß ist und zahlreiche Verstecke sowie Hinterhaltsmöglichkeiten für den Gesuchten bot, wurden gleich zwei Teams des SEK – mehr als 20 Männer - auf diesen Einsatz vorbereitet, um gleichzeitig in alle Räume eindringen zu können.

Doch zu diesem Großeinsatz der Elite-Polizisten sollte es nicht mehr kommen: Aufklärer hatten den Gesuchten in einem Taxi lokalisiert und die Verfolgung aufgenommen. Als er das Fahrzeug schließlich gegen 23.50Uhr an der Neuköllner Grenzallee nur 600 Meter von seinem Versteck entfernt verließ, griffen SEK-Beamte zu und überwältigten den 25-Jährigen auf dem Gehweg. Mehmet wurde von den Sondereinsatzkräften überrascht, überwältigt, er leistete keinen Widerstand. Danach brachten die Polizisten den Mann in einem Zivilfahrzeug weg, weitere Polizeiautos sicherten die Fahrt.

Noch in der Nacht fuhren die Beamten der Mordkommission mit dem Beschuldigten in die Nähe des Tatorts an der Kolberger Straße. Im Bereich der Wiesenstraße führte er die Ermittler dann auch zum Versteck der Tatwaffe, dort wurde die tschechische Pistole gefunden, mit der Neun-Millimeter-Parabellum-Projektile verschossen worden waren. Die Pistole wird derzeit von Experten der Kriminaltechnik untersucht. Die Nacht verbrachte Mehmet in der Gefangenensammelstelle am Tempelhofer Damm.

Verzweiflungstat

Am Montagmorgen kurz vor 8 Uhr wurde der Verdächtige zur 3. Mordkommission an die Keithstraße in Tiergarten transportiert und erstmals im Detail befragt. Nach Informationen dieser Zeitung soll sich Mehmet Y. zu Gesprächen bereit erklärt haben, wegen seiner geringen Deutschkenntnisse wurde ein Dolmetscher angefordert. Mehmet soll die Taten eingeräumt, die Schuld aber auf seinen Schwiegervater geschoben haben. Dieser habe eine Kontaktaufnahme mit Feride verhindert, dadurch seien Verzweiflung und Ohnmacht entstanden, die sich in den Todesschüssen entladen habe.

Im Polizeipräsidium wurde diese Darstellung mit Verständnislosigkeit quittiert. „Dieser Mann hat allem Anschein nach eiskalt auf seine ehemalige Frau gefeuert und den Tod von Familienangehörigen in Kauf genommen und schließlich auch verursacht. Die Schuld dafür einem trauernden und am Boden zerstörten Mann geben zu wollen, ist ein Hohn“, so ein Kriminalbeamter. „Der Mann hat seine Tochter beschützen wollen.“ Der Vater von Feride soll bereits von Anfang an gegen die Beziehung der beiden gewesen sein. Deshalb war er auch der Hochzeit ferngeblieben. Nach Informationen dieser Zeitung soll sich Mehmet Y. sogar einmal mit ihm Schwiegervater getroffen und Besserung versprochen haben – doch schon kurz darauf wurde ihm ein neuerlicher Seitensprung mit einer Nachbarin nachgesagt.

Die Berliner Justizbehörden ermitteln seit September 2010 gegen Mehmet. Nach Angaben des Pressesprechers der Berliner Strafgerichte, Tobias Kaehne, soll der Mann seine Schwägerin Leyla und auch seine geschiedene Frau schon damals mit dem Tode bedroht haben. Leyla starb am vergangenen Donnerstag im Kugelhagel.

Auch ein Gerichtsurteil aus dem Jahr 2008 beweist die Gewaltbereitschaft des Türken: Damals hatte Mehmet Y. als Angestellter in einem Imbiss gearbeitet, als zwei Personengruppen miteinander in Streit geraten waren. Laut Überzeugung des Gerichts hatte Y. eingegriffen und dabei die Grenze der Notwehr überschritten. Wenig später hatte er mit einem Messer nach einem Bekannten gestochen, ohne diesen zu verletzen. Wegen der beiden Fälle – gefährliche Körperverletzung und versuchte gefährliche Körperverletzung - wurde der 25-Jährige zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Nun wird sich Mehmet Y. erneut vor Gericht verantworten müssen, nur wiegt der Vorwurf diesmal weitaus schwerer: Doppelmord, versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung, unerlaubter Waffenbesitz.

Große Anteilnahme bei Berlinern

Die Tat hatte in ganz Berlin für Entsetzen gesorgt, gerade junge Türken waren fassungslos. „Es ist absolut unverständlich, dass ein Mann wegen einer Scheidung zu einem Mehrfachmörder wird, zumal er die Gründe für diesen Schritt seiner Frau geliefert hat“, so ein Anwohner aus der Kolberger Straße. Der Mann hatte gehofft, dass Mehmet möglicherweise die Flucht in sein Heimatland gelungen sein könnte, da eine Haftstrafe dort weitaus härter ausfallen würde als hier in Deutschland. Andere junge Männer hatten wiederum gehofft, den Gesuchten selbst anzutreffen und die Sache „unter Landsleuten“ zu klären. Ein Umstand, der für Mehmet Y. auch im Gefängnis zum Problem werden könnte. „Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich der Beschuldigte in der Untersuchungshaft als auch später beim Verbüßen seiner Haftstrafe Gewaltattacken von türkischen Mitgefangenen ausgesetzt sieht“, so ein Ermittler. „Diese Tat hat für große Anteilnahme unter türkischen Menschen gesorgt, und diese Anteilnahme macht nicht an Gefängnismauern halt.“ Ob es besondere Haftbedingungen für Mehmet Y. geben wird, ist noch unklar. Das wird eine Einzelfallprüfung klären.

In den gestrigen Abendstunden kehrte spürbar Ruhe bei den Ermittlungsbehörden ein. Ein mutmaßlicher gefährlicher Gewaltverbrecher konnte gestellt werden, ohne dass weitere Menschen und Polizisten zu Schaden kamen. Doch mit diesen Gedanken machte sich in mancher Amtsstube auch die Ohnmacht über die eigentliche Tat breit. „Letztlich“, so ein an den Ermittlungen beteiligter Polizist, „war die Tat vorhersehbar und ist dennoch nicht verhindert worden. Eine junge Frau wird bedroht, weil sie die Scheidung einreicht. Es gab Berichte und Augenzeugen von Belästigungen, auch gegenüber der Schwester der betroffenen Frau. Und obwohl bereits die Staatsanwaltschaft ermittelte, konnte der mutmaßliche Täter seine Pläne umsetzen und eine junge Frau und deren Mutter erschießen und einen jungen Mann schwer verletzen.“ Sicherlich würde es täglich zahlreiche Bedrohungen in einer Metropole wie Berlin geben, und nicht jeder Bedrohte könnte Polizeischutz bekommen. Die Erkenntnis, dass offenbar doch erst etwas Schlimmes geschehen müsse, bevor gefährliche Personen aus dem Verkehr gezogen würden, wiege schwer. Leyla C. wurde nur 22 Jahre alt, ihre Mutter starb mit 45.