Brennende Autos

Wie der Staatsschutz gegen Brandstifter vorgeht

In Berlin ist jede zweite Autobrandstiftung politisch motiviert. Einzeltäter und Trittbrettfahrer stellen dabei die Mehrheit der Täter dar. Stefan Redlich vom Staatsschutz sprach mit Morgenpost Online über die Gefahr für Berlin.

Foto: Massimo Rodari

Die Tür zu den Räumen des Staatsschutzes ist versperrt. Stefan Redlich, Dezernatsleiter für politisch motivierte Kriminalität in Berlin, zückt die Chipkarte. Es piept, die Stahltür schwingt auf, dahinter liegt ein Gang. Mit Türen, bei denen die Klinken fehlen. Im Staatsschutz-Konferenzzimmer darf interviewt werden. Mit Stefan Redlich sprach Alexandra Kilian.

Morgenpost Online: Warum so heimlich?

Stefan Redlich: Diese Sicherheit haben wir, um uns zu schützen. Wir sind Teil der Polizei und damit nicht „heimlich“.

Morgenpost Online: Momentan brennt fast jede Nacht in Berlin ein Auto, ein Kinderwagen, ein Fahrrad.

Stefan Redlich: Es gibt Menschen, die zünden Autos aus nicht politisch motivierten Gründen an. Aus enttäuschter Liebe zum Beispiel. Oder weil sie sich rächen möchten, an der Exfrau, am Nebenbuhler. Außerdem gibt es noch den Versicherungsbetrug, puren Vandalismus oder auch Verdeckungshandlungen. Diese Täter sind Menschen, die alle ein persönliches Motiv dafür haben. Und dann gibt es noch Menschen, die Autos anzünden, weil sie eine Botschaft transportieren wollen. Zum Beispiel, weil sie Sorge vor Mietsteigerung haben oder es verkehrt finden, wenn man einen großen Wagen fährt.

Morgenpost Online: Wird die brennende Luxuskarosse in Prenzlauer Berg automatisch zu den politisch motivierten Taten gerechnet?

Stefan Redlich: Nein, auch der Corsa in Charlottenburg kann zum Beispiel einem Rechtsextremen gehören. Das gibt es auch. Wir hatten dieses Jahr auch schon Fahrzeuge von Linken, die von Rechten angezündet wurden.

Morgenpost Online: Wie können Sie das so genau zuordnen, Sie haben bisher nur vier Täter gefasst.

Stefan Redlich: Wir gucken uns den Wert des Autos an und schauen, welche anderen Autos in der Straße gestanden haben. Wenn beispielsweise ein A-Klasse-Mercedes in Wilmersdorf brennt, dann wäre diese A-Klasse in Friedrichshain eher politisch motiviert als in Wilmersdorf. Ein sicheres System haben wir aber nicht. Manchmal bekommen wir Selbstbezichtigungsschreiben.

Morgenpost Online: Wie viele der Brandanschläge sind politisch, wie viele persönlich motiviert?

Stefan Redlich: Wir gehen davon aus, dass ungefähr die Hälfte aller Anschläge politisch motiviert ist, 104 von 240 angezündeten Fahrzeuge in diesem Jahr. Bei den politisch motivierten Brandstiftungen wurden weitere 69 Fahrzeuge in Mitleidenschaft gezogen. Immer noch mehr als zum Beispiel in Hamburg, wo die Kollegen von 10 Prozent politisch motivierten Taten ausgehen.

Morgenpost Online: Selbstbezichtigungsschreiben sind in Berlin bislang nur ganze sieben eingegangen.

Stefan Redlich: Wir hatten vier gegen „Gentrifizierung“, eines im Begründungszusammenhang „Anti-Atom“ und zwei wegen vermeintlicher Repressionen. Als das Autohaus von Citroen gebrannt hat, wollten die Täter Solidarität mit Griechenland zeigen – weil die griechische Polizei mit Wagen von Citroen fährt. In der Regel wird ein fiktiver Gruppenname ausgewählt, mit dem sich die Täter anonym erklären.

Morgenpost Online: Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) hat gerade den Vergleich zu den Anfängen der RAF gezogen…

Stefan Redlich: Nein, die Gruppennamen werden immer nur für eine Aktion gewählt. Die RAF hat gezielt Menschen ermordet, entführt, als Geiseln genommen. All das gibt es in Deutschland zurzeit nicht von linker Seite – und deswegen bin ich nicht der Meinung, dass man das vergleichen kann. Der Schritt zum Linksterrorismus ist nicht überschritten. Wir hatten auch schon in der Vergangenheit Brandanschläge und Straßenschlachten. Zum Ermorden und Entführen ist es nicht gekommen. Die linke Szene sagt, sie wollen nicht morden, dies würden nur die Rechten tun. Sie haben ein „höheres“ Ziel. Es geht ihnen nicht darum, ein Auto anzuzünden, sie wollen damit den Umsturz der Gesellschaft, eine Revolution, antikapitalistische Verhältnisse. Oder wenigstens das Freihalten bestimmter Kieze von Yuppie-Strukturen.

Morgenpost Online: Können Sie das nachvollziehen?

Stefan Redlich: Ich persönlich sehe die Gewalt gegen Sachen nicht als reine Sachbeschädigung, so wie die linke Szene das bezeichnet. Das ist keine Bagatelle. Wenn ich Farbeier gegen ein Haus werfe, dann will ich nicht die Wand farbig machen, sondern ich will Menschen vertreiben, ihnen Angst machen. Und das ist für mich eine Schwelle zur Gewalt, die schon überschritten ist. Weil man Menschen zeigt, dass sie unerwünscht sind. Das Ziel der linken Szene sind die Menschen, wie bei Rechten auch.

Morgenpost Online: Könnte es also passieren, dass schon bald Brandanschläge aus der linken Szene für diese sinnlos erscheinen, weil Trittbrettfahrer die „falschen“ Ziele attackieren?

Stefan Redlich: Im Jahr 2009 hatten wir eine Serie linksextremer Brandstiftungen, die getragen war von einer gewissen Solidarität der linken Szene. Es gab Solidaritätsdemos für Inhaftierte. Und diese Stimmung kippte, als ein Schreiben in einem linksextremen Magazin auftauchte, wo Linke schrieben: „Lasst diesen Quatsch.“ Die verwendeten sogar den Begriff „Hassbrennerei“. Und sagten, dass alles, was man mit diesen Brandstiftungen erreichen würde, nur die Unterstützung der Autoindustrie sei. Sozusagen die Abwrackprämie von oben. Sie bemängelten, das würde nur die Stimmung in der Stadt gegen die linke Szene aufbringen. Nach dem Artikel haben sich scheinbar viele gesagt, gut, lassen wir das. Die Brandstiftungen gingen von acht pro Nacht auf drei pro Monat zurück.

Morgenpost Online: Dann käme Ihnen so ein Signal aus der linken Szene also ganz gelegen?

Stefan Redlich: Zumindest fehlt diesmal schon die offen gezeigte Solidarität der linken Szene mit den Brandstiftungen. Das Thema wird komplett gemieden. Das deutet darauf hin, dass es momentan keine breite Bewegung in der Szene gibt, Autos anzuzünden. Da, wo die Taten politisch motiviert sind, sind es vermutlich die Taten Einzelner.

Morgenpost Online: Die Sie mit Verhaftungen abschrecken? Nachdem im Juni Detlef M. festgenommen wurde, sank die Zahl der Brandstiftungen.

Stefan Redlich: Wenn eine Serie nach einer Festnahme endet, prüft die Polizei stets, ob die Festgenommenen für den Großteil der Taten verantwortlich waren. Jetzt haben wir wieder Brandstiftungen, die allerdings nicht die gleichen Charakteristika haben.

Morgenpost Online: Die Taten haben sich in die City West verlagert. Warum?

Stefan Redlich: Tja, wenn ich das wüsste. Vielleicht sind es Leute, die gern brandstiften und die sich eine Art pseudolinken Anstrich geben. Geltungssucht könnte eine Rolle spielen. Aber das sind Spekulationen. Ich kann hinter den Handlungen momentan keine politische Botschaft erkennen.

Morgenpost Online: Vorhin sprachen Sie von 50 Prozent mit politischer Botschaft. Realistisch gesehen: Wie gut kennen Sie die linke Szene?

Stefan Redlich: Meine Aufgabe ist die Einschätzung der linken und der rechten Szene. Die Gefährdungsbewertungen, die von meinen Mitarbeitern geschrieben werden, sagen mir, mit welchen Problemen wir zu rechnen haben. Ich muss verstehen, wie die linke Szene Sachen sieht. Wo wir nicht den gleichen Einblick haben, ist, was das Vorgehen einzelner Täter momentan angeht.

Morgenpost Online: Daher auch die seltenen Festnahmen.

Stefan Redlich: Die Art der Tatbegehung erschwert eine Festnahme für uns. Bei dem Brand werden alle Spuren zerstört. Und zwischen Opfer und Täter besteht keine Beziehung.

Morgenpost Online: Was tun?

Stefan Redlich: Wir sind ja schon dabei, das zu ändern. Durch Maßnahmen, die ich so im Einzelnen nicht beschreiben möchte. Es ist schon schwer genug, Brandstifter festzunehmen. Und mit jedem Ermittlungsschritt, den wir offenbaren, machen wir es den Tätern leichter, so eine Tat unbemerkt zu begehen. Die linke Szene schottet sich schon gut genug vor Beobachtung ab. Es gibt einen Leitfaden, in dem beschrieben wird, wie man sich am besten zu verhalten hat, so dass die Polizei nie auch nur irgendeine Aussage nutzen kann.

Morgenpost Online: Recherchieren Sie auch zu Norwegen – gibt es Verbindungen nach Deutschland bzw. wäre so eine Tat auch hier denkbar?

Stefan Redlich: Wir stehen in engem Kontakt mit den anderen Sicherheitsbehörden und stimmen uns ab. Eine Verbindung des Tatverdächtigen nach Berlin haben wir bisher nicht festgestellt. Straftaten dieser oder vergleichbarer Art können jedoch nie vollständig ausgeschlossen werden.

Morgenpost Online: Sie gehen regelmäßig mit zu Demonstrationen. Wie viel Angst nehmen Sie mit?

Stefan Redlich: Ich habe durchaus Respekt vor unkontrollierbaren Situationen, wie vor Menschenmassen. Weil ich weiß, als Einzelner keine Chance zu haben. Und als Zivilpolizist bin ich im Wesentlichen ungeschützt. Na klar, davor habe ich Angst. Aber bislang ist mir noch nichts passiert, außer wörtlich angegriffen oder angespuckt worden zu sein. Und ich glaube nicht, dass man nur durch das Lesen von Protokollen Fachmann für die Lage werden kann. Ich muss ein Gefühl für die Atmosphäre kriegen. Die Polizei ist jede Nacht mit über 100 Mann draußen, mit Brandstreifen.

Morgenpost Online: Und Sie hören Handys ab?

Stefan Redlich: Handy abhören geht nur im Rahmen von bestimmten Strafverfahren. Wenn ein konkreter Verdacht gegen eine Person vorliegt, kann erst nach richterlicher Anordnung auf Antrag der Staatsanwaltschaft ein Verdächtiger abgehört werden. Wir können nicht einfach in irgendwelche Gespräche reinhören, das ist unmöglich.

Morgenpost Online: Was können die Berliner tun?

Stefan Redlich: Wichtig ist, dass uns verdächtige Beobachtungen gemeldet werden. Personen, die in der Nähe des Brandortes waren. Auch wenn der Zeuge sie vielleicht nicht genau beschreiben kann. Von einer Bürgerwehr halte ich nichts. Aber für uns ist wichtig, dass Gewalt als politisches Mittel der Auseinandersetzung mehr geächtet wird. Ich habe ein Interview im Fernsehen mit einem Schauspieler gesehen, der sagte, er finde das ganz okay, solange nicht Asylbewerberheime in Hoyerswerda brennen. Das erschreckt mich.

Morgenpost Online: Spielen Sie da auch auf Landespolitiker an, die bislang wenig Stellung bezogen haben?

Stefan Redlich: Die Parteien haben klar gegen Brandstiftungen gestellt. Es ist wichtig, dass man sieht, dass es hier keine breite schweigende klammheimlich sich freuende Mehrheit gibt, weil Autos vermeintlich reicher Menschen angezündet werden.

Morgenpost Online: Oder ist Solidarisierung mit den Opfern, reichen Zugezogenen, zu unrealistisch? À la „Lichterkette für Investmentbanker“?

Stefan Redlich: Eine Demo gegen Brandstifter kann ich mir schwer vorstellen, aber es gibt zum Beispiel von Bewohnern der Liebigstraße die Aktion „Bitte zündet uns nicht an“, das ist gut. Der Staatsschutz, die Berliner Polizei wird das Problem alleine nicht bewältigen. Es muss einen Konsens in der Gesellschaft geben, dass auf diese Art und Weise nichts geändert werden kann.

Morgenpost Online: Was erwartet Berlin in der nächsten Zeit?

Stefan Redlich: Mein Eindruck ist, dass es Trittbrettfahrer oder linksextreme Einzeltäter sind. Und da muss unser Ziel sein, diese festzunehmen. Sowie uns das im Juni und jetzt gelungen ist. Dann bricht die Serie auch ab.