Tourismus-Grauzone

Wenn Touristen plötzlich zu Nachbarn werden

Immer mehr private Wohnungen in Berlin werden zu Ferienunterkünften umgewandelt. Das vernichtet nicht nur Wohnraum in der Stadt. Die Touristen stören auch viele Mieter.

Foto: Massimo Rodari

Mit den ständig steigenden Übernachtungszahlen in der Berliner Tourismusbranche wächst auch der „Graue Hotelmarkt“. So nennt der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Berlin (Dehoga) professionell vermarktete Ferienwohnungen, die aber die Sicherheits- und Hygienestandards nicht einhalten. Der Verband schätzt, dass in rund 50.000 Betten mindestens drei Millionen Touristen jährlich nächtigen und schlägt Alarm, weil bei einem großen Teil dieser Betten nicht die entsprechenden Vorgaben eingehalten würden.

Kontrollen nur nach Beschwerden möglich

"Touristen in Berlin müssen sicher und sauber untergebracht werden“, sagt Willy Weiland, Präsident des Dehoga Berlin. „Wenn Ferienwohnungen vermietet werden, dann muss das auch in dem dafür vorgegeben gesetzlichen Rahmen geschehen.“ Nach Angaben des Interessenverbandes gebe es immer mehr Anbieter, die bis zu 100 Ferienwohnungen auf mehrere Gebäude verteilt professionell vermarkten. Gerade sie würden in völlig unzulässiger Art und Weise rechtliche „Schlupflöcher“ auf Kosten der Verbraucher ausnutzen und Grundstandards in Bezug auf Sicherheit, Brandschutz und Hygiene verletzen. „Wir kritisieren nicht den einzelnen Wohnungseigentümer, der seine vier Wände im Internet an Individualtouristen vermietet“, sagt Thomas Lengfelder, Hauptgeschäftsführer des Verbandes. „Uns geht es um die Vermarktung im großen Stil, der in dieser Art und Weise eine Gefahr in der Stadt darstellt. Berlins Gäste müssen sich sicher fühlen.“

Bereits im vergangenen Jahr hat der Senat auf Drängen des Verbandes den entscheidenden Passus in der Verordnung über den Betrieb von baulichen Anlagen geändert. Das bedeutet in der Praxis, dass bestimmte Auflagen für den Brandschutz und die Rettungswege nun strenger sind. Beherbergungstätten mit mehr als zwölf Betten sind seit dem vergangenen Jahr an dieselben Vorschriften wie Hotels gebunden. Nur eingehalten werden sie nicht. Und kontrolliert auch nicht. Viele Bezirksämter hatten dem Dehoga mitgeteilt, dass die Probleme bekannt seien, Kontrollen und Überprüfungen aber nur möglich sind, wenn die Fälle aufgrund von Beschwerden an den Fachbereich herangetragen werden. „Das ist ein riesiges Problem, und wir suchen nach Lösungen, wie es gelöst werden kann“, sagt Pankows Sozialstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD). „Da geht auf der einen Seite Wohnraum verloren und die Kieze in unserem Bezirk verändern sich. Auf der anderen Seite freuen wir uns über alle Touristen, die in unseren Hostels und Hotels absteigen und übernachten.“

Fehlende Kontrolle durch Anonymität

Ortstermin Friedrichshain, Bänschstraße 81. In dem sanierten Altbau befinden sich neben vier Mietparteien noch fünf Ferienwohnungen mit offiziell 39 Betten, die einer Person gehören.

„Keine Ausschilderung von Fluchtwegen, keine Rauchmelder und Feuerlöscher, keine Hinweise auf richtiges Verhalten im Brandfall“, sagt Lengfelder bei der Führung durch das Haus. „Alle Vorhänge und Gardinen sind nicht aus schwer entflammbaren Stoffen“, ergänzt Weiland und hebt einen der Vorhänge an. „Alle Sicherheitsstandards, die wir in den Hotels einhalten müssen, gibt es hier nicht.“

Auch werden die Personalien bei Anreise und Buchung eines Zimmers nicht kontrolliert. „Durch die Buchung im Internet und die anonyme Schlüsselentnahme aus einem Schlüsseltresor findet keine Kontrolle statt“, sagt Hans Eilers, Vorstandsvorsitzender von Visit Berlin Partnerhotels. „So können Menschen, die die Anmeldung in einem Hotel aus welchem Grund auch immer umgehen wollen, völlig unerkannt in Berlin untertauchen.“ Ganz andere Dinge stören die Mieter in diesem Haus. „Früher waren wir mal eine richtig nette Hausgemeinschaft“, sagt eine Mieterin. „Die gibt es jetzt nicht mehr.“ Hin und wieder wird es auch richtig laut. So ist es nach Aussage der Mieterin vorgekommen, dass bis zu 15 junge italienische Touristen sich eingemietet hatten und richtig laut Party gefeiert haben. „Andere Mieter haben dann die Polizei gerufen und es gab laute Auseinandersetzungen.“ Als Serviceleistung für die Feriengäste hatte die Vermieterin den Dachboden mit Waschmaschinen vollgestellt. „Da sind dann Tag und Nacht die Touris hoch und haben Wäsche gewaschen. Und damit die Wäsche auch im Winter trocknet, standen Heizlüfter da.“ Nach Beschwerden ist der Waschsalon verschwunden.

„Es wird Tag und Nacht geklingelt“

An der Wilhelmstraße hat das Ganze viel größere Dimensionen. In einer riesigen Wohnanlage werden von 930 Wohnungen mittlerweile 257 als Ferienwohnungen vermietet. In dem Haus Nummer 90 sind es von 21 Wohnungen zehn. „Bei mir wird Tag und Nacht geklingelt und nach den Wohnungen gefragt“, sagt Daniel Dagan, Mieter in dem Haus. „Als Zweitberuf gebe ich mittlerweile Concierge an. Ich bin unfreiwillig Ansprechpartner für alle Fragen, die die Touristen haben.“ Und auf der Suche nach den Müllräumen bleiben die vollen Mülltüten oft auf den Gängen stehen. „Die Touristen kommen auch nicht nach Berlin, um traurig zu sein“, sagt Dagan. „Sie wollen Party machen und sich amüsieren. Da wird es regelmäßig laut.“

Das Problem mit der Vermietung von Ferienwohnungen an der Wilhelmstraße hat auch das Bezirksamt erkannt. Doch es fehlt eine rechtliche Grundlage zum Einschreiten. „Die Umnutzung von 257 Wohnungen in Ferienwohnungen erfolgte bereits 2009“, sagt Tanja Lier aus der Abteilung Stadtentwicklung. „Aufgrund der rechtlich schwierigen Situation wird derzeit anhand eines Hausaufganges ein Musterverfahren geführt. Sollte es zu keiner Einigung kommen, besteht im Interesse aller Beteiligten die Absicht, so schnell wie möglich in das ohnehin unumgängliche Klageverfahren vor dem Verwaltungsgericht zu kommen und dort eine Entscheidung zu bekommen.“

Eine Entscheidung und konsequentes Handeln wünscht sich auch der Interessenverband. „Wenn es schon Gesetze gibt, dann müssen die auch eingehalten werden“, sagt Lengfelder. „Hier drängt die Zeit, denn der Tourismus ist einer der wichtigsten Umsatzbringer für Berlin.“