Baustopp in Mitte

Archäologen finden 40 Skelette am Spittelmarkt

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Alexandra Kilian

Foto: Massimo Rodari

Seitdem ein Arbeiter auf einen Sarg gestoßen ist, sind die Bauarbeiten auf dem Spittelmarkt unterbrochen. Jetzt kümmert sich ein Archäologenteam um die Bergung der Gebeine des historischen Friedhofes.

Wild übereinandergestapelt liegen sie in dem Graben, den die Bauarbeiter am Spittelmarkt ausgehoben haben. Bretter, lange und kurze, einige rötlich verfärbt. Jeweils vier formen ein Rechteck, nicht groß, anderthalb Meter lang vielleicht. Darin liegen Knochen. Es sind Särge. Die Knochen stammen von unterschiedlich großen Skeletten, die längs der Leipziger Straße unter der Erde des Spittelmarkts in zweieinhalb Metern Tiefe liegen. In den Särgen, die sich hier stapeln, liegen Gebeine von Hunderten Toten. In mehreren Schichten drängen sich bis zu vier Leichenverschläge dicht an dicht aufeinander.

Mitten auf dem Spittelmarkt sind bei den Bauarbeiten zur Anbindung der Axel-Springer-Straße an die Leipziger Straße die Reste der alten Gräber entdeckt worden. Beim Verlegen einer neuen Regenwasserleitung der Berliner Wasserbetriebe war einer der Bauarbeiter vor drei Wochen auf einen Sarg gestoßen. Seitdem sind die Bauarbeiten unterbrochen – und ein Archäologenteam einer privaten Grabungsfachfirma ist vom Landesdenkmalamt (LDA) mit dem Freilegen der Funde beauftragt worden. Seit vergangener Woche kümmern sich die vier Grabungshelfer jetzt, Gebeine und Sargreste am Spittelmarkt behutsam zu bergen. Jedoch nur dort, wo der Kanal für die Wasserleitung von den Bauarbeitern gegraben worden ist. Der 40 Meter lange Graben wird baubegleitend untersucht – weitere Grabungen um die eigentliche Baustelle in der Axel-Springer-Straße und Leipziger Straße herum sind nicht geplant.

Reste des Getraudenspital-Friedhofs

An einem der Särge kniet Grabungshelfer Harald Fuchs in dicken Stiefeln und beiger Jacke, vorsichtig schiebt er Erde von den Knochen. Einzeln hebt er sie hoch, verpackt sie in durchsichtige Plastiktüten. Zuerst die Knochen des linken Beins, dann die des rechten, dann die der Arme, das Becken und die Wirbelsäule und zuletzt den Schädel.

40 ganze Skelette hat Harald Fuchs mit seinem Team schon gefunden, mit 250 rechnen sie insgesamt. Die Skelette stammen von ehemaligen Bewohnern des Gertraudenspitals. Das im Jahre 1405 errichtete Hospital wurde bis 1739 betrieben und dann nach Hohenschönhausen verlegt. Im 15. Jahrhundert waren Aus- und Neubau von Spitälern in der 1432 vereinigten Doppelstadt Berlin-Cölln beschleunigt worden. Das Hospital zum Heiligen Georg an der Nordseite des Alexanderplatzes wurde umfassend renoviert, das Gertraudenspital im Südwesten entstand komplett neu. Für die Bürger Cöllns, die aufgrund von Armut oder Krankheit pflegebedürftig geworden waren. Sie wurden auf städtische Kosten versorgt, bis sie ihre letzte Ruhe auf dem anliegenden Spitalfriedhof fanden.

In dessen Resten auf dem westlichen Teil des ehemaligen Friedhofs Harald Fuchs nun steht. Von Grab-Beigaben hat er noch nichts gesehen, bis auf einen schwarzen Hut und ab und zu Haaren an den Schädeln hat er noch nichts Außergewöhnliches gefunden. „Aber bei jedem Sarg ist man wieder neugierig, ob man was Interessantes findet“, sagt er. Neben ihm misst eine Kollegin ein anderes Skelett aus. Mit einem Tachimeter werden Tiefe und Lage bestimmt und notiert. Dann werden Fotos gemacht, bevor die Knochen einzeln in die kleinen Plastiktüten verpackt werden.

"Die Menschen dieser Zeit kennenlernen"

Nach der Bergung durch Harald Fuchs und sein Team werden die Skelette in das Landesdenkmalamt in der Klosterstraße gebracht. Dort werden sie von Anthropologen auf Alter und Geschlecht untersucht und zur mikroskopischen Untersuchung in weitere Labore verschickt. Die Forscher untersuchen, an welchen Krankheiten die Verstorbenen litten oder wie sie sich ernährten. „So kann man die Menschen dieser Zeit besser kennenlernen“, sagt Karin Wagner, projektleitende Archäologin des LDA.

Bisher deuten die gefundenen Särge auf eine für den Barock typische Form hin, auch einige Bekleidungsreste würden dies bestätigen. Zudem seien bereits Kinder- und Erwachsenenskelette freigelegt worden. In einfachen Truhensärgen. Spuren von Massengräbern, wie sie auf Spitalfriedhöfen zu Zeiten der Pest üblich waren, seien jedoch nicht entdeckt worden.

„Wir sind sehr dankbar, dass wir hier graben dürfen“, sagt Karin Wagner. Die eigentlichen Bauarbeiten auf dem westlichen Teil des ehemaligen Friedhofs ruhen bis Anfang August an dieser Stelle. So lange dürfen die Archäologen arbeiten und die Bauarbeiter konzentrieren sich auf die Bauabschnitte Richtung Krausenstraße.

Die Skelette aus der Baugrube sollen ihre letzte Ruhe auf dem Friedhof in Friedrichsfelde finden. Dort ist eine große Grabstelle geplant. Mit einer erklärenden Tafel oder einem Stein, sagt Karin Wagner. Nebeneinander werden sie dann dort liegen, nicht aufeinandergestapelt.