Fotomarathon

Mit der Kamera auf Schnitzeljagd durch Berlin

500 Teilnehmer haben die Hauptstadt beim 11. Berliner Fotomarathon nur durch die Kameralinse betrachtet. Unter dem Motto "Musik liegt in der Luft" entstanden 12.000 Bilder, die ab dem 23. Juli ausgestellt werden.

Ihre Kamera hat Rebekka Wolf während der vergangenen Wochen gut im Schrank versteckt. Die kreativen Ideen wollte sie sich für den Fotomarathon aufheben. Kurz vor Beginn des Fotowettbewerbs sitzt die 20-Jährige am Startpunkt Osthafen in der Sonne und hört Musik. Es ist ein Wettbewerb unter Extrembedingungen. Die Regeln sind hart: In nur zwölf Stunden müssen Rebekka Wolf und die anderen Teilnehmer zu 24 Themen eine Serie aus 24 Fotos abliefern. Wie echte Marathonläufer sind alle Teilnehmer mit einer Startnummer ausgestattet. Eine festgelegte Strecke gibt es nicht. Jeder entscheidet selbst, wie viele Kilometer er für seine Fotoserie zurücklegt. Am Ende gewinnt nicht der Fotograf mit der schnellsten Zeit, sondern die beste Fotoserie.

Die Veranstalter – der „Verein für Ereignisse“, ein Zusammenschluss von Fotoenthusiasten – halten die Themen bis zum Startschuss streng geheim. Erst nachdem sich alle 500 Teilnehmer zu einem Gruppenfoto mit Kamera in der Hand versammelt haben, erfahren sie das Rahmenthema „Musik liegt in der Luft“. Alle 12.000 Fotos, die an diesem Tag in Berlin entstehen werden, sollen darauf Bezug nehmen. Die 24 Unterthemen sind Songtitel von Künstlern, die in enger Verbindung zu der Stadt stehen.

Rebekka Wolf freut sich. „Für mich ist Berlin wirklich eine Musikstadt!“ Die Tochter eines Deutschen und einer Norwegerin wohnt seit einem Jahr in Berlin, um ihr Deutsch zu perfektionieren. Sie verstaut die Liste mit den ersten acht Themen in ihrer Tasche und läuft los. Sie soll das erste Thema, ein Rosenstolz-Lied mit dem Titel „Ich bin ich“, umsetzen.

Der Anfang ist besonders schwierig: Als Erkennungszeichen muss Rebekka Wolf ihre Startnummer 313 möglichst originell auf dem ersten Bild unterbringen. Sie fährt ein paar Haltestellen mit der Straßenbahn und will in einem Musikgeschäft die Rosenstolz-CD fotografieren. Nach langem Suchen findet sie ein passendes Preisschild über 3,13 Euro, das mit auf das Bild kommt. In der Zwischenzeit hat es angefangen, stark zu regnen. „Wie soll ich jetzt das Thema ‚Wochenend und Sonnenschein' umsetzen?“, fragt sie entsetzt. Sie macht sich Sorgen um ihre Kamera und bittet ihre Großeltern um Hilfe, die in der Nähe wohnen. Eine halbe Stunde später bringen die beiden ihr ein Regencape und einen Regenschirm vorbei. Mit der Kamera in der einen und dem Schirm in der anderen Hand eilt sie weiter. Die Zeit drängt.

Jörg Hapke hat die Startnummer 97 an seinem Rucksack befestigt und ist auf Motivsuche in Friedrichshain. Für den Fotomarathon ist der 49 Jahre alte Lehrer extra aus Kassel angereist. Als Ausrüstung hat er neben seiner Kamera nur Gummibärchen, eine Regenjacke und eine Wasserflasche dabei. Zur Unterstützung begleitet ihn Bettina Wachter, eine Freundin aus Kassel. Nicht der Siegeswillen, sondern der olympische Gedanke steht für Jörg Hapke im Vordergrund. „Dabei sein ist alles“, schwärmt er, „und zu zweit macht das einfach mehr Spaß!“ Dennoch erweist sich der Wettbewerb als schwierig. „Ich weiß gar nicht, wie ich mich bei all den Ideen in so kurzer Zeit für ein Motiv entscheiden soll“, sagt er. Um das Rahmenthema nicht aus den Augen zu verlieren, hat er in einem Antiquariat ein Buch mit Noten gekauft: eine Sammlung von Operettenschlagern mit dem Titel „Perlen der Musik“. Am unteren Bildrand soll auf jedem seiner Fotos eine Notenzeile aus dem Buch erkennbar sein.

Bei der Motivsuche entdecken die Kasseler viele ungewöhnliche Ecken Berlins. Sie sind fasziniert, wie viele inspirierende Orte und Menschen sie zufällig treffen. Während Jörg Hapke für das Thema „Großstadtpflanze“ die Balkone rund um den Boxhagener Platz inspiziert, läuft eine tätowierte Frau mit großem Boxerhund an ihm vorbei. „Das ist es!“, ruft er und läuft der Passantin hinterher. Die Frau hat ein Tuch mit Totenkopfaufdruck über ihre blonden Rastalocken gebunden und gibt ihrem Hund Johann den Befehl, sich hinzusetzen. „Ich heiße Bine“, sagt sie und stellt ihre Einkaufstasche zur Seite. Während Bettina Wachter das Notenheft in die richtige Position bringt, fotografiert Jörg Hapke eifrig. Nur Hund Johann kann nicht lange still halten. Jörg Hapke verstaut die Kamera. „Los, wir müssen weiter“, drängt er. Als er auf dem Weg die überzähligen Fotos löscht, zittern seine Hände. Wenn er nur ein Bild zu viel entfernt, war die ganze Mühe umsonst.

Nach den ersten vier Stunden Fotomarathon kommt Rebekka Wolf außer Atem an der nächsten Wettbewerbsstation in der Nähe des Potsdamer Platzes an. Hier erfährt sie wie bei einer Schnitzeljagd die nächsten acht Themen für ihre Fotos. Das Organisationsteam überwacht die Spielregeln genau und wird alle Teilnehmer disqualifizieren, die nicht rechtzeitig am Treffpunkt sind. Rebekka Wolf holt sich schnell die Liste mit den nächsten Themen. Um Zeit zu gewinnen, will sie keine langen Wege mehr zurücklegen und stattdessen nur noch in der Gegend um das Brandenburger Tor auf Motivsuche gehen. „Süßes Leben, saures Leben“ ist ihre nächste Aufgabe.

Ihr Blick schweift suchend umher. Sie ist auf der Suche nach Passanten, die Süßigkeiten naschen. Doch es laufen nur Leute mit Regenschirmen an ihr vorbei. Sie spricht zwei Cola trinkende Straßenmusiker an, die sich als Vitek und Lila aus Polen vorstellen. Rebekka Wolf hat Glück: Die beiden stehen gerne vor ihrer Linse und haben sichtlich Spaß beim Posieren. „Das ist mein bestes Foto!“, schwärmt sie.

Am Ende des langen Marathon-Tages versammeln sich alle Teilnehmer am Ziel im Görlitzer Park. „Jetzt weiß ich, warum der Wettbewerb Marathon heißt“, sagt Jörg Hapke und setzt sich auf eine der Bänke. Nach zwölf Stunden Fotografieren ist er sichtlich erschöpft. Doch es überwiegt der Stolz, die Herausforderung gemeistert zu haben. Neugierig tauschen sich er und die anderen Teilnehmer über ihre Bilder aus.

Alle Fotoserien werden am 23. und 24. Juli in einer Ausstellung im Glashaus der Arena Berlin in Treptow zu sehen sein. Bis dahin bleibt es spannend für die Teilnehmer – denn ob Rebekka Wolf oder Jörg Hapke mit ihrer Fotoserie gewonnen haben, erfahren sie erst bei der Preisverleihung im Rahmen der Ausstellung Ende Juli.