Betrugsskandal

So kämpfen Berliner Schüler um ihre Abi-Party

Die Veranstaltungsagentur Easy Abi soll Tausende Schüler aus Berlin und Brandenburg um das Geld für Abi-Bälle und -Fahrten betrogen haben. Jetzt wurden die Geschäftsräume und Wohnungen durchsucht. Die Konten des Unternehmen wurden eingefroren.

Foto: David Heerde

Die Party-Agentur Easy Abi hat Hunderte Abiturienten in Berlin und Brandenburg bei der Ausrichtung von Abi-Bällen abgezockt. Inzwischen seien Anzeigen von 30 Berliner Schulen und vier Anzeigen aus Brandenburg eingegangen, sagte ein Polizeisprecher. Die Zahl der Opfer nehme buchstäblich stündlich zu. Außer in Berlin hat die Agentur auch in Hamburg, Essen und München intensiv Werbung für die Ausrichtung von Abi-Feiern betrieben. Erkenntnisse über dort betrogene Kunden lagen dem Landeskriminalamt Berlin bislang nicht vor.

Am Donnerstag hat die Staatsanwaltschaft den Firmensitz der Event-Agentur Easy Abi in Kreuzberg durchsuchen lassen sowie zwei Wohnungen in Köpenick und ein weiteres Objekt in Niedersachsen. Mittlerweile gibt es über 40 Ermittlungsverfahren. Die Konten der Agentur wurden bereits eingefroren.

Bis zu 1000 Jugendliche könnten um ihren Ball zum Schulabschluss betrogen worden sein. Erst kurz vor den geplanten Feiern hatten zahlreiche Schüler aus Berlin und dem Umland am vergangenen Wochenende erfahren, dass das Geld, das sie bei der Agentur eingezahlt hatten, nie bei den Hotels oder anderen Festveranstaltern ankam. Beim Landeskriminalamt sind inzwischen bereits 34 Anzeigen eingegangen. Die Polizei ermittelt wegen des Verdachts des Leistungsbetruges. Die Eventagentur hatte mindestens 38 Schulen aus Berlin und Brandenburg unter Vertrag, doch wahrscheinlich sind noch weitaus mehr Schulen und Schüler betroffen.

Vier der Anzeigen, die jetzt gestellt wurden, kamen von brandenburgischen Schulen in Potsdam, Wandlitz, Zossen und Bernau. „Wir fordern alle Geschädigten auf, sich an die Polizei zu wenden und Anzeige zu erstatten“, sagte Polizeisprecher Thomas Neuendorf.

Nach vorliegenden Erkenntnissen beschuldigen sich die ehemalige und die neue Geschäftsleitung jetzt gegenseitig, für die Ende voriger Woche ans Licht gekommenen Betrügereien verantwortlich zu sein. Das Unternehmen wechselte im Mai für einen Betrag von 400.000 Euro den Besitzer. Das Besondere an dem Betrugsfall sei, so die Polizei, dass die Agentur bereits geraume Zeit Veranstaltungen rund um Abiturfeiern in Berlin organisiert hatte, ohne dass es Unregelmäßigkeiten gab. „Für die Schüler beziehungsweise den von ihnen gewählten Veranstaltungsbeauftragten war es von daher überaus schwer, betrügerische Absichten zu erkennen. Die Kriminalpolizei muss nun klären, wer zu welcher Zeit für welche Auftragsabwicklungen zuständig war“, sagt Thomas Neuendorf. Ermittelt werde auch, ob weitere Bankkonten genutzt wurden oder eventuell fingierte Kosten, etwa für Berater oder Dienstleister, berechnet wurden.

Hilfsangebote für Abiturienten

Unabhängig vom Ausgang der Ermittlungen ist schon jetzt klar, dass die Schüler in absehbarer Zeit wohl nicht an ihr Geld kommen werden. Sie haben nun die Wahl, den Abi-Ball ausfallen zu lassen, den Preis noch einmal zu zahlen oder eine neue günstigere Variante für den Abschlussball zu finden. Die Festkomitees der betroffenen Schulen versuchen, die Situation noch in letzter Minute zu retten.

Sechs Schulen hatten die Abschlussfeier im Hotel Maritim geplant. „Normalerweise wird eine Tagung abgesagt, wenn der Kunde nicht bezahlt“, sagt Geschäftsführer Bernhard Dohne, Geschäftsführer des Hotels. In diesem Fall sei das etwas anderes, schließlich sei ein Abiball ein sehr emotionales Ereignis für Schüler und Eltern.

Nachdem die Geschäftsführung des Hotels am Dienstagabend anbot, den Preis von ursprünglich 50 auf 36 Euro zu senken, stimmten die Schüler darüber am Mittwochmorgen ab. Die Abiturienten des Max-Planck-Gymnasiums entschieden, das Angebot anzunehmen. Auch das Penta Hotel in Köpenick ist den sechs dort betroffenen Schulen entgegen gekommen.

Für viele Schüler, die bereits hohe Summen gezahlt hatten, ist das dennoch kaum zu bewältigen. „Wir werden den Ball am Sonnabend im Maritim durchführen, aber wir benötigen dringend noch Sponsoren, damit wirklich alle Schüler teilnehmen können“, sagt Fränze Müller vom Organisationskomitee des Max-Planck-Gymnasium. Ein großzügiger Sponsor, der anonym bleiben möchte, habe sich schon gemeldet. In mehreren Teams schwärmen die Schüler nun aus, um weitere Unterstützer zu finden.

Die Schüler des Wilhelm-von-Siemens-Gymnasiums in Marzahn, die ebenfalls im Maritim gebucht hatten, haben sich gegen das Angebot des Hotels entschieden. „Es ist zwar entgegenkommend, aber leider für uns immer noch zu teuer“, sagt Linh Nguyen vom Festkomitee. Innerhalb von nur einem Tag ist es dem Komitee gelungen, einen neuen Ball durchzuplanen. Mit Hilfe einer anderen Eventagentur, die bereits mit den zwölften Klassen der Schule zusammenarbeitet, haben sie den „Saal der Träume“ in Charlottenburg gefunden, den sie praktisch kostenlos nutzen können. „Für das Catering leisten wir erst mal nur eine Anzahlung. Der Rest wird erst überwiesen, wenn wir das Buffet gesehen haben“, sagt Linh. Die Anzahlung konnten sie aus den Spenden, die die Mitschüler der Schule aus anderen Jahrgängen innerhalb eines Tages für ihre Abiturienten gesammelt hatten. „Die Solidarität ist toll“, sagt Linh. „Wir hatten sogar auch zwei Angebote von Berliner Clubs, aber wir wünschen uns einen festlichen Rahmen“, sagt die Abiturientin. Derzeit sind sie bei einem Preis von 25 Euro pro Teilnehmer.

Doch die Schüler wollen weiter nach Sponsoren suchen. Schließlich haben sie alle schon einmal viel Geld für den Abiball gezahlt. Einige Familien kamen mit zehn Gästen auf 500 Euro, die an die Agentur Easy Abi überwiesen wurden.

Noch keine Lösung haben die Schüler vom Sartre-Gymnasium in Hellersdorf gefunden, die ebenfalls im Maritim-Hotel feiern wollten. „Wir haben viele Schüler aus sozial schwachen Familien, die sich den Preis einfach nicht leisten können, auch wenn er abgespeckt ist“, sagt Paul Müller. Schon am Freitag sollte der Ball stattfinden, der Termin wird wohl kaum zu halten sein. Heute wollen die Schüler beraten, wie es weiter gehen soll.

Hilfe angeboten hat der Tanzsportverband Phönix e.V. in Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf. Im festlichen Bürgersaal des Rathauses könnte der Verband für einen geringen Unkostenbeitrag Abibälle an vier Terminen ausrichten. „Bälle sind unsere Leidenschaft, deshalb fühlen wir uns hier verpflichtet zu helfen“, sagt Dimitri Zamanski, Vorsitzender des Vereins. Es sei einfach erschütternd, wenn die jungen Menschen ausgerechnet am Start in ihr neues Leben so um ihr Geld betrogen werden, sagt Zamanski.

Die betroffenen Schulen organisieren sich Hilfe auch über das Netzwerk Facebook. Hier tauchte am Mittwoch eine Stellungnahme von David Hinkel, dem ehemaligen Geschäftsführer von Easy Abi, auf. Hinkel erklärt, dass er die Agentur aus gesundheitlichen Gründen verkauft habe. Bis dahin hätten alle gebuchten Abibälle und Fahrten durchgeführt werden können, so Hinkel. Nach dem Verkauf habe er als externer Mitarbeiter die Bälle weiter betreut und erst in der vergangenen Woche von den gebuchten Locations erfahren, dass von der Easy Abi GmbH kein Geld eingegangen sei. „Entsetzt von den Geschehnissen legte ich sofort meine Arbeit endgültig nieder, da ich mich mit dem Verhalten der Easy Abi GmbH nun nicht mehr identifizieren kann und möchte“, schreibt er weiter.