Radtouren rund um Berlin

Die Renaissance der Kaiserzeit in Bad Saarow

Dieser Teil der neuen Serie von Morgenpost Online führt nach Bad Saarow. Der edle Urlaubsort am Scharmützelsee hat aber auch viel Bodenständiges zu bieten

Foto: Reto Klar

Das Haus war einst ein beliebtes Ausflugslokal für DDR-Bürger. Heute ist die „Seegaststätte Neptun“ in Bad Saarow-Strand nur noch ein Schatten früherer Tage – und trotzdem ein Hingucker. Rost hat die Lettern an der Wand überzogen, junge Birken wuchern auf der Terrasse des klobigen Gebäudes. Nur wenige Meter weiter sieht es ganz anders aus: Am Friedrich-Engels-Damm – ausgerechnet – blitzen bodentiefe Fensterfronten in der Sonne, parken Porsches und Vans vor Vierfachgaragen. Rot geklinkerte Villen sind nach Sylter Art mit Reet gedeckt, bei anderen unterstreichen Säulen den Wohlstand ihrer Bewohner. Mancher Garten hat geschätzt die Größe eines Fußballplatzes.

Unsere Radtour rund um den Scharmützelsee ist eine Fahrt durch gegensätzliche Welten. Sozialistische Vergangenheit und marktwirtschaftliche Gegenwart drängen sich hier auf engem Raum, der Norden ist eher nobel, der Süden bodenständiger. Aber egal, wo man ist, hier scheint es so, als hätten alle nur eines im Sinn: es sich gut gehen zu lassen. Wandern, Angeln, Baden, Surfen, Golf oder Tennis spielen – wo könnte man seine Freizeit besser verbringen als hier? Aktivurlaub oder Wellness-Wochenende – am Scharmützelsee vergisst man leicht das Früher und Später: Hier zählt vor allem der Moment.

Wir werden kaiserlich empfangen. Am Bahnhof von Bad Saarow leitet ein weiß getünchter Säulengang die Besucher vom Bahnsteig auf den großen Vorplatz, Fachwerk ziert die Mauern unter dem spitzen Giebeldach der Station. Nachdem Berliner Industrielle ab 1900 ihre Villen am Seeufer gebaut hatten, entstand auch der Bahnhof im herrschaftlichen Stil des frühen 20. Jahrhunderts. In diesem majestätischen Ambiente, beginnt unsere Tour.

Fischrestaurants säumen das Ufer

Am Kurpark vorbei fahren wir am Ostufer des Scharmützelsees Richtung Süden. An den vielen schönen natürlichen Badeplätzen – zum Beispiel im Park von Bad Saarow – liegen Menschen auf großen Wiesen in der Sonne, planschen Kinder im flachen Wasser des Sees. Der Sandboden fällt hier sanft ab. Zwei Kilometer weiter, in Pieskow, reicht ein Ferienpark mit Häusern im schwedischen Stil bis nah ans Wasser. Zwei Angler haben sich am Ufer postiert, tragen Kunstköder am Schilfgürtel entlang. „Wir gehen auf Zander“, brummelt einer der beiden, während er seinen Blinker aus dem Wasser zieht, „aber gefangen haben wir heute noch nichts.“

Damit dürften die beiden eher die Ausnahme bilden. Der Fischreichtum des Scharmützelsees ist bekannt, Fischgaststätten säumen die Ufer. Nach rund 13 Kilometern sind wir schon am südlichen Zipfel des Scharmützelsees angelangt und haben in dieser entspannten Atmosphäre gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergeht. Aber Zeit spielt hier sowieso nur eine untergeordnete Rolle.

Wir machen einen Abstecher zum kleinen Glubigsee. Dort betreibt Matthias Gödicke sein reetgedecktes „Fischhaus“. Gödicke war selbst Fischer, bevor er 2001 Gastronom wurde und seinen Betrieb ausbaute. Nun sitzt der Chef im blau-weiß gestreiften Fischerhemd auf der Sonnenterrasse und plaudert mit Gästen. Eine Serviererin erklärt uns den Zweck der Hälterungsbecken am Steg neben dem Haus. „Die Fische aus dem See werden nach dem Fang dort eingesetzt und nur nach Bedarf in die Küche transportiert, wo sie zubereitet werden.“ So lande der Fisch möglichst frisch auf dem Teller der Gäste. Der Lohn für den Aufwand findet sich auf der Tür des Fischhauses: Mehrere Restaurantführer haben dort Auszeichnungen hinterlassen. Hungrige Radfahrer können sich als Snack eine Fischsuppe (6,50 Euro) bringen lassen oder eines der Hauptgerichte ab 13 Euro wählen.

Wir fahren weiter Richtung Wendisch Rietz. Im Norden des ruhigen Dorfes liegt das „Fischland“ neben einem Campingplatz. Betrieben von der Storkower Genossenschaft, verkaufen die Fischer vom „Märkischen Meer“ hier Fischbrötchen, Räucherwaren und frischen Fang aus dem See an die Gäste. Zander, Aal und Hecht fangen die Fischer hier noch traditionell mit Reusen und Netzen. Wir legen eine Pause ein und schauen den Seglern der kleinen Marina beim Klarmachen ihrer Jollen zu. Mehr als die Hälfte der Tour haben wir nun hinter uns.

Gleich neben dem „Fischland“ wohnt ein Mann, der sich am Scharmützelsee bestens auskennt. Gerhard Pahl leitete 24Jahre lang die Fischereigenossenschaft. Mittlerweile genießt er seinen Ruhestand, sitzt mit einem Buch auf seiner Terrasse am See. „In Bad Saarow sitzen die Bemittelten, dort liegt das Geld“, sagt Pahl. Zwar seien auch in Wendisch Rietz neue Restaurants entstanden. Investoren hätten dem Ort mit dem Bau einer großen Feriensiedlung einen Schub gegeben. Doch hier sei alles bodenständiger und preiswerter geblieben als an der Nordspitze des Sees. Die Tagesgäste profitierten von den familienfreundlichen Angeboten. „Das hat sich seit der Wende hier gut entwickelt“, sagt Pahl.

Wir setzen unseren Weg auf der Landstraße durch den Wald fort. Schon drei Kilometer nördlich von Wendisch Rietz geht es ungleich schicker zu. Auf halbem Weg nach Bad Saarow kommen wir am Resort Arosa vorbei. Wellness-Liebhaber, Golf- und Tennisspieler finden auf der weitläufigen Anlage, gelegen auf den Hügeln über dem See, ihr Freizeit-Paradies.

Rund vier Kilometer vor unserem Ziel Bad Saarow lohnt sich ein Abstecher nach Dorf Saarow. Auf einer Halbinsel, die weit in den See hineinragt, gruppieren sich ansehnlich sanierte alte Häuser um die von mächtigen Eichen gesäumte Dorfstraße. An der Spitze der Halbinsel thront ein herrschaftliches Anwesen, geschützt von einem grünen, übermannshohen Tor. Eine Schautafel verweist auf die lange Geschichte des Hauses, das vor einigen Jahren von mehreren Familien gekauft und zum Landsitz ausgebaut wurde.

Auf der Seepromenade von Bad Saarow neigt sich die Tour um den Scharmützelsee ihrem Ende zu. Wir fahren an edel restaurierten Villen vorbei und an der ebenfalls aufwendig sanierten Therme. Wer nach der Radtour seine Muskeln durchkneten lassen möchte, ist hier richtig. Sauna, Massagepilze, Whirlpools, Unterwassergeysire – man muss sich nur entscheiden können, wie man sich verwöhnen lassen will. Auch schwerere Beschwerden wie Rheuma oder Sportverletzungen können hier behandelt werden. Am Scharmützelsee findet man eben immer einen Platz, an dem man sich es gut gehen lassen kann. Selbst bei schlechtem Wetter.

Hier die Karte als PDF.

Und hier gibt es die Wegbeschreibung dazu.

Alle Teile unserer Serie finden Sie unter www.morgenpost.de/radtouren.