Erkrankungswelle

Berliner verzichten wegen EHEC auf Rohkost

Obwohl Gurken aus Spanien nicht die Ursache des EHEC-Erregers sind, verzichten viele Menschen in der Hauptstadt weiterhin auf Rohkost. Mehr als 20 Berliner haben sich mittlerweile schon mit dem Erreger infiziert.

Foto: David Heerde

„Wollen Sie eine Salatgarnitur?“, fragt Kellnerin Mona Müller ihren neuen Gast im Schankvorgarten des „Plump und Lieblich“ in Prenzlauer Berg. „Wir fragen, weil vor dem Verzehr von Gurken, Salat und Tomaten gewarnt worden ist“, sagt die 33-Jährige. Die meisten Gäste würden ablehnen, so auch Ryan Richardson. Der Sänger aus Prenzlauer Berg isst seit vier Tagen Rohkost nur noch zu Hause, wo er es selbst sorgfältig abwäscht. Die Verunsicherung sei groß, sagt Mona Müller. Alle hätten Angst, sich mit dem Darmkeim EHEC zu infizieren. Ein Grund, wieso im Bistro an der Danziger Straße seit Freitag die Brötchen nicht mehr mit Blattsalat, Tomate und Gurke belegt werden. Es gibt auch keine Salatgarnitur am Tellerrand mehr, außer, sie wird ausdrücklich gewünscht.

Alle Gemüselieferungen hat das „Plump und Lieblich“ storniert, bis die Ursache des EHEC-Ausbruchs gefunden wurde. Die Suche nach der Infektionsquelle der bundesweit rund 1400 EHEC-Ansteckungen ist weiterhin erfolglos. Der auf spanischen Gurken in Hamburg entdeckte Erreger hat offenbar nicht die Erkrankungswelle ausgelöst. „Das hat eine Laboruntersuchung bei zwei der drei sichergestellten spanischen Gurken ergeben“, sagte die Hamburger Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) am Dienstag. Es habe sich bei den zwei Proben keine Übereinstimmung mit dem Erreger des Typs O104 gezeigt, der aus den Stuhlproben der Patienten isoliert wurde. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hält die Warnungen vor Salat, Tomaten und Gurken trotzdem für berechtigt.

Am Dienstag wurden in Berlin weitere EHEC-Fälle gemeldet. Die Zahl der Erkrankten ist seit Montag von zwölf auf 21 gestiegen. „Zudem haben wir fünf positive Labornachweise von Patienten, die keine Symptome wie Durchfall haben“, sagte die Sprecherin der Gesundheitsverwaltung, Regina Kneiding. Neun Menschen sind seit 1. Mai in Berlin wegen der lebensbedrohlichen Folgeerkrankung, dem Hämolytisch-Urämischen Syndrom (HUS), in teils intensivmedizinischer Behandlung. In Brandenburg gibt es fünf bestätigte und neun Verdachtsfälle.

Quelle liegt nicht in der Hauptstadt

Trotz steigender Zahlen geht die Gesundheitsverwaltung davon aus, dass die Infektionsquelle der Berliner Fälle nicht in Berlin liegt. Nach Auffassung des Staatssekretärs der Gesundheitsverwaltung, Benjamin-Immanuel Hoff (Linke), ist der Höhepunkt der EHEC-Epidemie möglicherweise bereits überschritten. Seit dem 23. Mai seien im gesamten Bundesgebiet pro Tag weniger als zwölf Menschen an dem Darmbakterium erkrankt, davor seien es bis zu 30 gewesen, sagte Hoff am Dienstag im RBB-Inforadio.

Auch das Landeslabor in Berlin forscht nach der Ursache. Und ist ebenfalls noch nicht fündig geworden. 27 Gemüseproben hat es untersucht. Diese waren von den Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsämtern der Bezirke bei Händlern und in Restaurants gesammelt worden. EHEC wurde auf den Stichproben nicht entdeckt. Getestet worden sind Gurken, Tomaten, Salate, Paprika und Zucchini aus Deutschland, Spanien, Belgien und den Niederlanden. „Bis Ende dieser Woche sollen noch 180 Proben gesammelt werden“, sagt Regina Kneiding, Sprecherin der Gesundheitsverwaltung.

Mit den Stichproben soll ein Gesamtbild des in der Hauptstadt verkauften Gemüses erzeugt werden. „Spanische Gurken sind ohnehin schon größtenteils aus dem Sortiment genommen“, so Kneiding. Wie im „Plump und Lieblich“ in Prenzlauer Berg. Die Kellnerin Mona Müller wünscht sich trotzdem, dass die Ursache der EHEC-Infektionen bald gefunden wird. Nicht nur, weil Rohkost ein wichtiger Vitaminlieferant für sie, ihre Gäste und ihre beiden Kinder ist. „Ohne Salatgarnitur sehen die Mahlzeiten so lieblos auf dem Teller aus“, sagt Mona Müller.