Urteil

Sohn verschleppt - Vater erhält Bewährungsstrafe

Erst mit Hilfe eines Gerichts hat eine Berlinerin ihren Sohn zurückerhalten. Der Vater hatte den Jungen in den Libanon verschleppt und wurde dafür zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Das Berliner Landgericht hat einen 23 Jahre alten Vater am Dienstag wegen schwerer Entziehung Minderjähriger zu einem Jahr und neun Monaten Haft mit Bewährung verurteilt. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass Nabih S. seinen fünfjährigen Sohn Hassan im Juli 2010 bei seiner geschiedenen Frau abholte und ohne ihr Wissen in ein Flugzeug Richtung Libanon setzte. Die folgenden Monate lebte der Junge bei seiner Großmutter in dem fremden Land. Er durfte nur arabisch sprechen.

Das Paar hat das gemeinsame Sorgerecht. Die Kindsmutter war einverstanden, dass der Vater den Sohn zum einem Spielnachmittag zu dessen Onkel mitgenommen hatte. Am nächsten Tag wurde Katarzyna S. jedoch eröffnet, der Junge sei im Libanon, erinnerte sich die 26 Jahre alte Kassiererin im Prozess. Sie habe das nicht geglaubt und mit dem Kind telefoniert. „Papa hat mich zum Flughafen gebracht, ich war allein im Flugzeug und weiß nicht, wo ich bin“, habe der Junge weinend erzählt. Nach einigen Telefonaten riss der Kontakt völlig ab.

Die Staatsanwältin hatte betont, dass der Angeklagte sich höchst egoistisch und hemmungslos über die Rechte des Kindes sowie der Frau hinweggesetzt habe. Er wollte die Frau zwingen, zu ihm zurückzukehren, weil er die Trennung nicht verkraftet habe. Dem eigenen Sohn habe er seelischen Schaden zugefügt, argumentierte die Anklägerin. Alleine hätte die Kindesmutter keine Chance gehabt, das Kind aus dem arabischen Land zurückzuholen, hatte die Staatsanwältin betont und auf zwei Jahre Haft mit Bewährung plädiert.

Das Gericht hatte die Initiative ergriffen und dem Angeklagten Nabih S. Bewährung in Aussicht gestellt, falls er das Kind zurückhole. Der Verteidiger hatte vermittelt. Weil alles schnell gehen sollte, gab es keinen Direktflug, erklärte der Anwalt am Rande des Prozesses. Das Kind musste in Frankfurt umsteigen und wurde gegen Mitternacht von Verwandten am Berliner Flughafen Tegel abgeholt. Der kleine Hassan wurde der Mutter nach zehnmonatiger Trennung im Gerichtssaal übergeben.

Aussagen musste der nach der Reise erschöpfte und etwas verstörte Junge nicht. Sein Vater kämpfte in der Anklagebox mit den Tränen, als das Kind scheu winkte und ihm leise „Baba“ zurief. Die Mutter hatte ihrem Ex-Mann sogar erlaubt, den Sohn in die Arme zu nehmen. Für sie sei es das Schönste der Welt, dass das Kind wieder da ist, sagte ihre Anwältin. Das Leben werde sicher nicht leicht für den kleinen Jungen.