Radtouren rund um Berlin

Wald und Wasser in Berlins Norden entdecken

Tegel und Heiligensee waren schon vor 100 Jahren Ausflugsziele. Heute geht es in der großen Morgenpost-Rad-Serie dort hin.

„Mit Kind und Kegel auf nach Tegel.“ Noch heute wirbt das Strandbad Tegel mit einem Motto, das schon vor mehr als 100 Jahren Berliner Familien anlocken sollte. Es passt immer noch: Der Tegeler See ist einer der klarsten Seen Berlins, der Tegeler Forst mit seinen Laubbäumen einer der schönsten Wälder der Hauptstadt, und Tegelort trug sogar einmal den Titel Luftkurort – wenn auch nur inoffiziell. Unsere heutige Radtour führt durch ein klassisches Berliner Ausflugsgebiet.

Wir starten am U-Bahnhof Alt-Tegel. Nachdem Nordgraben und Tegeler Fließ überquert sind, fahren wir zum Park des Tegeler Schlosses. Den eindrucksvollen Bau mit der weißen Fassade und den vier Türmen kennt man auch als Humboldtschloss, weil er Mitte des 18.Jahrhunderts durch Heirat in den Besitz der Familie Humboldt gelangte. Noch heute gehört das Schloss einem Nachfahren der Familie. Die berühmten Gebrüder Humboldt, der Philosoph und Universitätsgründer Wilhelm und der Naturforscher Alexander, wuchsen hier auf. „Mir ist nichts lieber als die tiefe Einsamkeit in Tegel“, schrieb Wilhelm von Humboldt einmal in einem Brief an Goethe.

Das Schloss kann man nur im Rahmen einer einstündigen Führung besichtigen, von Mai bis September immer montags um 10, 11, 15 und 16 Uhr. Ehe wir wieder aufs Rad steigen, wollen wir aber noch ein wenig unter den alten Bäumen des denkmalgeschützten Schlossparks spazieren gehen, der täglich bis zum Sonnenuntergang für Besucher geöffnet ist. Er erstreckt sich westlich des Schlosses zum See hin. Auf einer Lindenallee gelangen wir zur Grabstätte der Familie Humboldt. Die Statue, die auf einer großen Säule steht, ist schon von weitem zu erkennen.

Wir fahren weiter und schauen kurz darauf am Ufer des Großen Malchsees weit über das Wasser. Am gegenüberliegenden Ufer sind deutlich Kühlturm und Schornsteine des Kraftwerks Reuter zu sehen. Sehenswert ist die knorrige Eiche „Dicke Marie“ – 900 Jahre alt und damit älter als die Stadt Berlin. Wer mit jüngeren Kindern unterwegs ist, wird um eine längere Pause am Großen Malchsee kaum herumkommen, denn hier liegt der Freizeitpark Tegel, ein wunderbar großflächiger Spielplatz.

Richtung Strandbad Tegelsee fährt es sich entspannt auf dem asphaltierten Schwarzen Weg. Links sieht man immer wieder den Tegeler See durch die Bäume schimmern. Ein Gedenkstein erinnert an Friedrich August Ludwig von Burgsdorf, der Ende des 18. Jahrhunderts Forstrat in Tegel war. Von Burgsdorfs Auffassung von Forstwirtschaft hat europaweit Maßstäbe gesetzt. Kurz vor Beginn der Industrialisierung war Holz ein besonders wichtiger Rohstoff, doch Raubbau führte vielerorts zu großer Holzknappheit. Den heute hoch aktuellen Begriff „Nachhaltigkeit“ machte von Burgsdorf in Preußen bekannt. Auch das schöne, von vielen Laubbäumen geprägte Erscheinungsbild des Tegeler Forstes ist sein Verdienst.

Vorbei am Wildgehege vor der Revierförsterei Tegelsee, führt der Schwarze Weg zum Strandbad Tegelsee. Wer mag, ruht sich im Strandkorb aus und steckt die Füße in den feinen Sand. Mal kurz ins Wasser gehen kann man aber auch an der freien Badestelle Scharfenberg, einer Bucht direkt hinter dem Anleger der Fähre zur Insel Scharfenberg.

Sie ist die größte von fünf Inseln, die den Tegeler See von der Havel trennen. Am besten sieht man die kleine Inselgruppe vom Barschelplatz in Tegelort, der direkt am Seeufer liegt. Ihn haben wir nach einem knappen Kilometer Wegstrecke vom Strandbad aus erreicht. Hier hatte die Straßenbahn „nach Berlin“ von 1913 bis 1958 ihre Endhaltestelle. Sie brachte in den 20er- und 30er-Jahren scharenweise Ausflügler nach Tegelort. Es gab mehrere Vergnügungsparks mit Karussells, Seilbahnen, Theatern und Kinos. Heute geht es beschaulicher zu, allenfalls die gut besuchten Ausflugslokale erinnern an früher.

Von den Gründerzeitvillen führt der Weg nun am Havelufer entlang ins mittelalterliche Angerdorf Alt-Heiligensee. Nachdem ungefähr die Hälfte der Radtour geschafft ist, bietet sich im Naturbad Heiligensee noch einmal die Möglichkeit, baden zu gehen. Das für Schiffe gesperrte Gewässer strahlt angenehme Ruhe aus. Direkt an der engen Verbindungsstelle zur Havel hin wurde eine Holzplattform errichtet, die sehr gut für eine kurze Pause mit Blick über den Heiligensee und zum Fotografieren geeignet ist. Hat man sich mit der Radtour Zeit gelassen, steht die Sonne vielleicht sogar schon im Südwesten und taucht den Heiligensee in warmes Licht.

Auf dem Dorfanger von Alt-Heiligensee stehen dicht an dicht Wirtshaus, Freiwillige Feuerwehr, Dorfschmiede und Kirche. Die Umfassungsmauern der Dorfkirche stammen noch bis zu zwei Dritteln ihrer Höhe aus dem Mittelalter, der Kirchturm wurde 1761 erbaut. Auch Alt-Heiligensee war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch eine Straßenbahn mit Tegel verbunden. Daran erinnert das Straßenbahndepot gleich am Ortseingang, rechts vom Dorfanger (Alt-Heiligensee 73–75). In dem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude gibt es inzwischen ein interessantes kulturelles und gastronomisches Angebot. Am heutigen Sonntag zum Beispiel wird dort ein Winzerfest gefeiert.

In einem Teil des Depots hat der Künstler Siegfried Kühl(82) sein Atelier eingerichtet. „Ich bin kein Stadtmensch“, sagt er, „ich mag die dörfliche Umgebung hier. Nette, uralt eingesessene Bauernfamilien sind meine Nachbarn.“ 40 Jahre lang hat Kühl auf der Schulfarm-Insel Scharfenberg unterrichtet. „Seitdem liebe ich die Landschaft rund um den Tegeler See.“ Wer sich für Kühls Werke interessiert, darf ihn gern in seinem Atelier besuchen.

Nördlich von Heiligensee verlief die Berliner Mauer. Auf dem ehemaligen Grenzstreifen hat sich eine Landschaft von spröder Schönheit gebildet, eine sandige Schneise mit lockerem Baumbewuchs, hier hauptsächlich kleine Kiefern.

Der Mauerweg führt in östlicher Richtung bis an den Ortsrand von Frohnau. Dort beginnt das letzte Teilstück des Ausflugs durch den Tegeler Forst. Sportliche besteigen zum Abschluss noch einen Gipfel: Der Ehrenpfortenberg ist mit 69Metern über NN zwar eher ein kleiner Hügel, aber die höchste natürliche Erhebung Reinickendorfs. Somit trägt er seinen Titel zu Recht – wenigstens für Berliner Verhältnisse. Der Ausblick reicht allerdings nur bis zu den nächsten Bäumen.

Etwa zwei Kilometer weiter ist es mit der Ruhe des Waldes allerdings abrupt vorbei. Wir kommen zum Hermsdorfer Damm, gleich daneben liegt die Autobahn. Gut, dass es bis zum U-Bahnhof Alt-Tegel oder S-Bahnhof Tegel nicht mehr weit ist. Willkommen in der Großstadt.

Hier die Karte als PDF.

Und hier gibt es die Wegbeschreibung dazu.

Alle Teile unserer Serie finden Sie unter www.morgenpost.de/radtouren.