Radtouren rund um Berlin

Der zweite Blick auf Barnims freundliche Dörfer

Schon Fontane wusste, dass der Brandenburg-Reisende nicht voreingenommen sein darf. In diesem Teil unserer Serie geht es von Ahrensfelde nach Werneuchen – durch eine Landschaft, deren schlichte Schönheit erst auf den zweiten Blick sichtbar wird.

Foto: Reto Klar

„Wer in der Mark reisen will“, schreibt Theodor Fontane, „der muss zunächst Liebe zu ‚Land und Leuten’ mitbringen, mindestens keine Voreingenommenheit. Der Reisende in der Mark muss sich ferner mit einer feineren Art von Natur- und Landschaftssinn ausgerüstet fühlen.“ Was der große Schriftsteller vor rund 150 Jahren über das Barnimer Land schrieb, taugt noch heute gut als Motto für unsere Radtour von Ahrensfelde nach Werneuchen: Wir lernen eine Landschaft kennen, die nicht auf Anhieb überwältigt, deren ursprünglichem Charme man aber Kilometer für Kilometer mehr erliegt.

Wir verlassen den S-Bahnhof Ahrensfelde. Uns erwarten zunächst wenig attraktive Plattenbauten, dann fahren wir auf der Dorfstraße durch Ahrensfelde. Wo früher große Bauernhöfe lagen, werden heute Wasserbetten verkauft. Immerhin gibt es aber eine schöne Dorfkirche, die mit ihrer hellen Fassade schon von weitem gut zu sehen ist.

Wir verlassen den Ort und fahren unter hohen Bäumen die Landstraße entlang. Immer wieder geht unser Blick in den weiten, blauen Himmel. Einmal fliegt ein Graureiher über unsere Köpfe hinweg. Zwei Kilometer weiter erreichen wir den kleinen Ort Mehrow. Am Ortseingang steht eine Holzbude, an der man frisch Geschlachtetes wie Grütz- oder Sülzwurst kaufen kann. Heiner Scholz (44) packt sich gleich mehrere Dosen in die Satteltaschen seines Fahrrads. Der Ingenieur ist heute extra aus Steglitz hierhergefahren, um die Dorfkirche zu besichtigen. „Die ist wunderschön“, lobt er.

Fast wie in der Bretagne

Kurz darauf stehen auch wir vor dem rund 700 Jahre alten schlichten Bau aus grauem Feldstein, den eine niedrige Steinmauer umgibt. Ein für diesen Landstrich üblicher gotischer Baustil, der einem ein wenig das Gefühl vermittelt, man befinde sich in der Bretagne. Jetzt sind wir angekommen in dem Idyll. Hinter der Kirche liegt das Gasthaus „Mehrower Hof“,. Auf der Terrasse werden Riesenschnitzel oder hausgemachter Kuchen serviert. Der Blick geht auf Kirche und Dorfteich. Durch Felder fahren wir weiter, den Autoverkehr sind wir nun endgültig los. Wir grüßen den Bauern, der uns auf seinem alten Traktor entgegenkommt, klettern zwischendurch auf einen Jägerhochsitz und blicken über die zartgrünen Äcker. Den Berliner Ring queren wir durch eine Autobahn-Unterführung.

Ein holpriger Feldweg führt uns Richtung Blumberg. Links am Horizont flitzen die Autos über den Berliner Ring, rechts drehen sich ein halbes Dutzend Windräder. „Blumberg ist ein einfaches, ein ruhiges, friedliches Dorf“, sagt Heinz Kraft (75), den wir am Ortseingang treffen. Der Rentner kennt den Ort so gut wie sonst kaum jemand. „Ich drehe gerade meine Runde“, sagt er. Und wo macht er am liebsten Halt? „Der Lenné-Park, der ist toll.“ Und tatsächlich, der große Garten, den der berühmte preußische Landschaftskünstler Peter Joseph Lenné angelegt hat, ist ein Erlebnis. Kleine Holzbrücken mit weißem Geländer führen über Wasserläufe. Wir sitzen im Schatten jahrhundertealter Eichen und gucken Kindern zu, die auf den weiten Wiesen Ball spielen. Irgendwo kräht ein Hahn. Kein akkurat getrimmter Lustgarten, sondern ein Stück Natur, in das der Mensch nur sachte eingegriffen hat.

Malerisch ist auch der Dorfkern von Blumberg. Der Dorfteich glitzert in der Sonne, am Ufer stehen zwei prächtige Trauerweiden, eine schwarze Katze schleicht durchs Gras. Nebenan liegt die Dorfkirche, ein Feldsteinbau mit schwarzen Holztüren, umgeben von einem verwunschenen Garten. „Blumberg ist ein freundliches Dorf, fast so freundlich wie sein Name“, schreibt Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, in denen er sich auch ausführlich der Dorfkirche widmet. Der friedliche Eindruck von Blumberg wirkt nach, so dass die großen Lkw, die nun die Landstraße neben uns hinabfahren, kaum noch stören. Ohnehin erreichen wir bald das Dorf Löhme, durch das sogar der Jakobsweg führt. Hier machen wir einen Abstecher ans Ufer des Haussees, der zwischen Schilf in der Sonne liegt.

Erinnerungen an die Kindheit

Auf einer Holzbank sitzt Peter Gerstmeier und schaut über das stille Wasser. „Ich mache seit vielen Jahren genau auf dieser Bank Rast, wenn ich auf Radtour bin“, sagt er. „Das ist ein Ort meiner Kindheit, meine Tante ist früher mit mir zum Baden hier rausgefahren – schöne Erinnerungen.“ Inzwischen fährt er von Hohenschönhausen regelmäßig mit dem Rad in die Gegend um Löhme „12, 13 Mal im Jahr“, erzählt er. Baden kann man hier immer noch gut, es gibt mehrere Liegewiesen und sogar ein Beachvolleyballfeld. Auf den Terrassen der Restaurants „Fischerhütte“ und „Seestern“ sind die Tische voll, alles wirkt wie an einem Urlaubsort.

Von Löhme aus ist es nicht mehr weit bis nach Werneuchen, unserem Ziel. Der Radweg ist flach und schnell. Die Windräder, die wir vorhin am Horizont gesehen haben, sind jetzt ganz nah. Werneuchen hat rund 8000 Einwohner und einen Flughafen, den die Sowjets zu DDR-Zeiten für ihre Militärmaschinen nutzten. Heute landen hier nur noch ein paar Sportflugzeuge. Wir biegen am Stadtschloss mit den großen Fenstern ab in Richtung Stadtkirche St. Michael. Dort legen wir noch einen kurzen Stopp ein. Auch hier stand mal eine Feldsteinkirche, die aber 1637 niederbrannte, so dass über Jahre im Gärtnerhaus Gottesdienst gehalten werden musste. 1873/74 wurde die Kirche mit Backsteinen neu gebaut. Im Fuß des Turms sind aber noch einige Feldsteine zu erkennen, die damals wiederverwendet wurden.

Über das Kopfsteinpflaster der Bahnhofstraße erreichen wir schließlich den Bahnhof Werneuchen. Im Regionalzug, auf der Rückfahrt nach Berlin, schauen wir noch einmal auf die Landschaft und Fontanes „freundliche Dörfer“, die wir eben noch durchfahren haben.

Hier die Karte als PDF.

Und hier gibt es die Wegbeschreibung dazu.

Alle Teile unserer Serie finden Sie unter www.morgenpost.de/radtouren.